„Was ist mit Bambis Mama passiert?“ Mein Patenkind stellte mir vor einigen Jahren diese Frage, kaum dass der Schuss des Jägers im Fernseher verhallt war. Erschossen, tot – das wäre die ehrliche Antwort gewesen. Ich stammelte irgendwas von „ist einkaufen gegangen“ und versuchte, die Aufmerksamkeit des Kindes auf etwas anderes zu lenken. Wer bitteschön kann denn Bambis Mama erschießen? In einem Kinderfilm? Da gehört dem Schreiber doch das Drehbuch um die Löffel geschlagen!

Wer erschießt schon Bambis Mama?

So traumatisch die erste Konfrontation mit der Jagd auch sein mag, später erlegte ich als Winnetou imaginäre Grizzlys mit dem Dolch. Es folgten Jahre als Autogramm- und später – zugegeben – auch als Schürzenjäger. Ich habe auch Wildschwein und Reh gegessen. Aber Bambi vergisst man nicht.

Ausgerechnet mir muss das passieren...

Und jetzt bin ich hier, in Herdern, einem 416-Seelen-Ortsteil von Hohentengen am Hochrhein. Ich bin auf der Jagd, der richtigen, zum ersten Mal in meinem Leben – wenn auch nur als Zuschauer. Und ausgerechnet jetzt tritt ein Reh samt Jungem aus dem Dickicht des Walds und damit in das Schussfeld von Jasmin Ebner. Das kann, das darf doch nicht wahr sein!

Drei Stunden früher. Es ist einer dieser herrlichen Herbsttage, die Sonne lässt den Wald nahe des Rheins in seinen bunten Farben strahlen. Jasmin Ebner ist so sehr Jägerin wie man es nur sein kann.

Jasmin Ebner auf dem Weg zum Hochsitz. | Bild: Salzmann, Dirk

Sie trägt Hut mit Saufeder, also einem aufgesteckten Borstenbüschel, fährt einen Jeep, trägt Hose und Jacke in Braun- und Grüntönen. Im Kofferraum liegt ihre Waffe, eine Blaser R8 im Wert von 6000 Euro mit Kunststoff- statt Holzschaft. „Meine Kollegen spotten immer, dass ich mit einer Tupperware komme“, erklärt die 49-Jährige und muss selber über die Frotzeleien lachen. Sie legt großen Wert auf Tradition, bei ihrem Gewehr ist die Funktionalität aber am Wichtigsten.

Tradition ist den Jägern wichtig

Der Anteil der Jägerinnen in Deutschland steigt übrigens stetig an. Vor 25 Jahren waren nur ein Prozent der Jagdscheininhaber Frauen, heute sind es sieben Prozent. In den Kursen des Deutschen Jagdverbands lag ihr Anteil zuletzt sogar bereits bei 24 Prozent.

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300 Hektar groß ist das Revier, das Ebners Familie seit Generation zur Jagd gepachtet hat. „Der Uropa war schon Jäger“, erzählt sie. Früher, als es noch keine Discounter mit abgepackten Schnitzeln gab, war der Jäger eine Institution im Dorf. In einer Scheune neben dem Haus wurde und wird die Beute bis heute ausgenommen. Alltag war und ist das für Jasmin Ebner. Sie züchtete schon als Kind Hasen und bekam zwölf
D-Mark pro Tier.

Am Waldrand haben Wildschweine ihre Spuren hinterlassen. Die Erde ist an einigen Stellen leicht aufgewühlt, vierzig bis fünfzig Kilo werden die schwersten Tiere der Rotte wiegen, schätzt Ebner.

Spuren am Wegesrand: Hier kam vor noch nicht allzulanger Zeit eine Wildschweinrotte vorbei. Bilder: Dirk Salzmann
Spuren am Wegesrand: Hier kam vor noch nicht allzulanger Zeit eine Wildschweinrotte vorbei. Bilder: Dirk Salzmann | Bild: Salzmann, Dirk

Auf dem Weg zum Hochsitz geht es an einer Wiese vorbei, an der die Tiere die Erde umgegraben haben. „Das wird uns richtig Geld kosten“, klagt die 49-Jährige. Ein Jäger pachtet das Jagdrecht beispielsweise von einer Gemeinde und die gibt meist Vorgaben, welche und wieviele Tiere geschossen werden müssen. Damit gibt sie auch die Verantwortung für Wildschäden weiter. Wenn die Wildschweine also landwirtschaftliche Wiesen umpflügen, haftet der Jäger für den Schaden. 20 Sauen sind geschätzt im Familienrevier unterwegs.

Wildschaden: Als ob ein Bagger durch die Wiese gefahren wäre. Das Feld wurde von Wildschweinen aufgewühlt. Jasmin Ebner begutachtet den Schaden.
Wildschaden: Als ob ein Bagger durch die Wiese gefahren wäre. Das Feld wurde von Wildschweinen aufgewühlt. Jasmin Ebner begutachtet den Schaden. | Bild: Salzmann, Dirk

Einige hundert Euro wird der Landwirt für das entgangene Heu und die Schadensbeseitigung wohl einfordern. Zusammen mit der Pacht kommt man so auf etwa 4000 Euro Kosten. Sieben Euro pro Kilo Fleisch bekommt Ebner für ein Reh, fünf für ein Kilogramm Wildschwein. Damit lassen sich kaum die Kosten decken. Die Jagd ist ein zeitintensives Hobby, Geld verdient wird im Hauptberuf. Jasmin Ebner arbeitet auf dem Weingut Engelhof in Hohentengen.

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Zahl der Jagscheininhaber steigt

Warum steigt die Zahl der Jagdscheininhaber nach Verbandsangaben dennoch Jahr für Jahr? „Die Ruhe, die Natur, die Kameradschaft untereinander“, erklärt die gelernte Bürokauffrau. „Und natürlich auch der Jagdtrieb.“ Darf man den überhaupt haben? Anders als ihr Opa musste sich Jasmin Ebner schon Sprechchöre anhören, die sie und ihre Jägerkollegen als „Mörder“ beschimpften. „Ja, natürlich schießen wir auf Tiere. Aber ist das nun besser oder schlechter als Masttierhaltung und Fabrikschlachthöfe?“ Den Wildschweinen könnte es ohnehin bald an den Kragen gehen.

Eine erlegte Wildsau, daneben einJagdhund: Das Bild entstand einige Wochen vor dem Termin mit unserem Redakteur. <em>Bild: Privat</em>
Eine erlegte Wildsau, daneben einJagdhund: Das Bild entstand einige Wochen vor dem Termin mit unserem Redakteur. Bild: Privat | Bild: Salzmann, Dirk

Die in Osteuropa bereits verbreitete Afrikanische Schweinepest sorgt für Nervosität bei Jägern und Schweinezüchtern. Sollten erste Fälle in Deutschland auftreten, wird es eine Jagdquote geben, die selbst der Comic-Gallier Obelix niemals erreichen könnte. Ebner glaubt auch nicht daran, dass sich der Wildtierbestand selbst regulieren könne. „Zumindest entspricht das nicht den Erfahrungen, die ich und meine Kollegen gemacht haben.“ Aber ja, die Jagd spaltet die Gemüter, ihre eigene Tochter ist Vegetarierin.

Angekommen am Hochsitz.

Auf zum Hochsitz: 40 Stunden sitzt ein Jäger hier statistisch im Durchschnitt, bis ihm eine Wildschweinrotte ins Schussfeld läuft. Die Schonzeit ist noch bis Ende Januar aufgehoben.
Auf zum Hochsitz: 40 Stunden sitzt ein Jäger hier statistisch im Durchschnitt, bis ihm eine Wildschweinrotte ins Schussfeld läuft. Die Schonzeit ist noch bis Ende Januar aufgehoben. | Bild: Salzmann, Dirk

Ab jetzt wird – wenn überhaupt – nur noch geflüstert. Der Wind weht uns ins Gesicht, sodass das Wild im Schussfeld vor uns uns nicht wittern kann. Manchmal hat sie eine Jagdillustrierte dabei, liest etwas. Aber meist schaut sie nur stundenlang auf den Waldrand, achtet auf Geräusche im Unterholz und auf das Vogelgezwitscher.

Jedes Tier hat sein eigenes Lied

Die Waffe steht neben ihr, bei Wildschweinen muss es schnell gehen, bei Rehen oder Hirschen lässt sich ein Jäger Zeit. „Man wartet, bis das Tier steht, schießt auch nicht von hinten oder wenn es das Haupt unten hat.“ Kein Lebewesen soll leiden. „Das hat auch etwas mit Respekt zu tun.“ So gut wie alle Teile werden verarbeitet, bei Ebners gibt es Wildschwein-Bolognese, Wildschwein-Fleischkäse, Wildschwein-Bratwürste. „Mehr Bio geht gar nicht.“ Und nach der Probe ihrer Jagdhorngruppe werden die Tiere noch verblasen. „Es gibt für jedes Tier ein bestimmtes Lied.“ Je nach Jagdglück werden dann in einer speziellen Reihenfolge Hirsch, Reh, Wildsau & Co. damit geehrt.

Video: Dirk Salzmann

Nichts passiert. 40 Stunden sitzt man laut Statistik im Hochsitz, bis einem eine Schweinerotte vor die Flinte läuft.

Video: Dirk Salzmann

Einige Hundehalter führen ihre Vierbeiner in der Nähe Gassi. Eine Reiterin mit einem Hund an der Leine zieht am Hochsitz vorbei. Sie bemerkt uns nicht. Es dämmert bereits, als ein Knacken den Auftritt von Bambi und ihrer Mutter ankündigt. Ebner beobachtet das Duo mit dem Fernglas. Auch wenn ich etwas Jagdfieber spüre, denke ich: „Nicht stehen bleiben, Kopf runter, am besten rückwärts laufen.“

Schnappschuss: In der Dämmerung ziehen Mama-Reh und Bambi davon. | Bild: Salzmann, Dirk

Ebner schießt nicht an diesem Tag. Frauen warten ohnehin statistisch gesehen länger als Männer, bis sie schießen. Dafür haben sie die saubereren Schüsse. Ein solcher war heute nicht möglich, vielleicht sollte es einfach auch nicht sein. Das Mutter/Tochter-Duo zieht davon. Man schießt nicht auf Bambis Mutter, oder? „Nein“, so Ebner. Dann fährt sie fort: „Man schießt immer zuerst auf jung statt alt, also zuerst das Kitz, dann die Mutter.“ War also tatsächlich eine Pfeife, dieser Jäger aus dem Bambi-Film. Obwohl: Der Streifen wäre sonst schon sehr kurz gewesen.