Wie reagiert ein Kind, das so massiv missbraucht wurde, wie in dem Fall des Freiburger Jungen?

Das kann sehr unterschiedliche Folgen haben. Hilflosigkeit, Konzentrationsprobleme, depressive Symptome, massive Ängste, Kopf- und Bauchschmerzen, Leistungseinbrüche in der Schule. Manchmal treten Entwicklungsstagnationen bis hin zu Mutismus auf. Die Kinder reden dann nicht mehr. Gerade bei Jungs beobachten wir oftmals sehr heftige impulsive Ausbrüche.

Sind die Folgen umso schlimmer, wenn die eigenen Eltern die Täter sind?

Ja, denn das Kind ist darauf ausgerichtet, Mama und Papa vertrauen zu wollen. Auch der Geheimhaltungsdruck ist viel höher, wenn das Opfer abhängig von seinem Versorger ist. Die Abwesenheit schützender Bezugspersonen ist genauso fatal. Es ist für ein Kind kaum zu kompensieren, wenn beide Elternteile verstrickt sind. Es ist dann komplett alleine einer nicht zu erfassenden Situation ausgeliefert.

Leiden Kinder, die schon in sehr jungem Alter missbraucht wurden, anders?

Ein kleines Kind hat ja nicht einmal die Worte, die sexuelle Erregtheit eines Erwachsenen zu beschreiben. Dieses Ausgeliefertsein einer nicht zu beschreibenden Situation, ohne Schutz durch einen Erwachsenen, traumatisiert zusätzlich. Es kann dann vorkommen, dass das Opfer das Verhalten der Täter für normal hält und damit rechnet, dass sich jeder Erwachsene so verhält.

Wie lange muss ein missbrauchtes Kind therapiert werden?

Je früher die Problematik aufgetreten ist, je häufiger das Kind missbraucht wurde und je extremer die psychopathologischen Folgen sind, desto länger ist Unterstützung nötig. Aber, es gibt erstaunlich starke kindliche Persönlichkeiten. Wenn die Kinder verstehen, dass das, was passiert ist unrecht war und ihre eigenen Schuldgefühle – die immer da sind – überwinden, können sie beachtliche Schritte zur Selbstheilung nehmen. Beschwerdefreiheit wird man trotzdem nur in den seltensten Fällen erreichen. Angst vor Beziehungen und die Sorge ausgenutzt zu werden – damit setzen sich Missbrauchsopfer ein Leben lang auseinander.

Fragen: Daniel Schottmüller