Herr Wilts, die Deutschen entsorgen ihren Müll in vielen verschiedenen farbigen Behältern. Sie gelten als Recycling-Weltmeister. Gleichzeitig kritisieren Experten, dass zu viele sogenannte Fehlwürfe – also falsch entsorgter Müll – in den Tonnen landen. Was stimmt denn nun?

Beides. Die meisten Deutschen trennen ihren Müll. Aber insbesondere aus den Gelben Säcken werden je nach Region 40 bis 60 Prozent Müll wieder aussortiert. Dieser wird in der Regel nicht recycelt, sondern verbrannt. Das Problem ist die Definition unserer Verwertungsquote: Hier gilt praktisch alles als wiederverwertet, was auf das Band der Sortieranlagen gekippt wird – also der gesamte Inhalt eines Gelben Sackes.

Warum tun wir uns gerade mit dem Gelben Sack so schwer?

Bei Papier oder Glas richtet sich die Trennung danach, was sinnvoll ist und gut wiederverwertet werden kann. Hier trennen die Deutschen auch sehr sauber, die Recyclingquoten liegen bei über 90 Prozent. Beim Gelben Sack aber geht es darum, wer für die Entsorgung der Inhalte zahlt – und das sind über die neun dualen Systeme die Hersteller von Verpackungen. Eine Badeente könnte man doch genauso gut wiederverwerten wie eine Plastikflasche – so denkt der Verbraucher und wirft beides in den Gelben Sack. Die Badeente wird aber aussortiert, weil sie eben keine Verpackung ist, und dann verbrannt. Das ist alles andere als ideal und schwer zu vermitteln.

Und ganz schön frustrierend für einen Verbraucher, der sich Gedanken über die Mülltrennung gemacht hat. Lohnt es sich da überhaupt trotzdem, weiter zu trennen?

Unbedingt! Alles, was ich in die Restmülltonne schmeiße, wird in der Regel verbrannt – und da ist einfach noch viel zu viel dabei, was sich recyceln ließe! Wenn sich aus einem Gelben Sack auch nur die Hälfte des Materials wiederverwerten lässt, haben wir schon einige wertvolle Ressourcen gewonnen. Das gilt insbesondere für den Bereich der Metalle. Oder für Tetrapaks, auch wenn sie oft nur in Zementfabriken verbrannt werden. Aber Öl spart auch dieser alternative Brennstoff.

Andere Länder haben Tonnen für recycelbaren und nicht recycelbaren Restmüll. In Finnland werden sogar verschiedene Kunststoffe getrennt gesammelt. Es müsste also doch auch in Deutschland möglich sein, die Abfälle, die sich gut recyceln lassen, einfacher zu erfassen.

Speziell bei Plastikverpackungen ist ein grundsätzliches Problem, dass es momentan noch billiger ist, neues Plastik zu verarbeiten, statt welches wiederzuverwerten. Es fehlt also an finanziellen Anreizen. Dennoch haben ja manche Kommunen bereits eine sogenannte Wertstofftonne eingeführt. Aber flächendeckend gibt es diese eben noch nicht, weil in Deutschland die einzelnen Kommunen für die Beseitigung des Abfalls zuständig sind.

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Müssen wir in zehn Jahren überhaupt noch selbst unseren Müll sortieren – oder können das in absehbarer Zeit Maschinen übernehmen?

Im Bereich von Plastik ist hier technisch mithilfe von Nahinfrarot und Laser heute schon ganz viel machbar. Aber solche Maschinen sind sehr teuer – und damit sind wir wieder bei der Frage der Wirtschaftlichkeit. Und gleichzeitig kommen Sortiermaschinen bei vermeintlich banalen Dingen wie schwarzen Verpackungen an ihre Grenzen.

Das müssen Sie erklären.

Schwarz reflektiert kein Licht und wird damit von den Sortiermaschinen nicht als Farbe erkannt. Eine schwarze Duschgel-Flasche wird deshalb aussortiert und verbrannt. Die weiße Duschgel-Flasche aus exakt dem gleichen Material könnte dagegen wiederverwertet werden.

Und warum verbietet man schwarze Verpackungen dann nicht einfach?

Verbote bringen uns vermutlich nur im Einzelfall weiter, denn wir als Konsumenten tragen ja zum Problem bei: Weil man gerade beim Beispiel mit dem Duschgel weiß, dass die Kunden die schwarze Verpackung viel schicker finden als die weiße und sie deshalb lieber kaufen. Noch fehlt es in Deutschland an einer gesetzlichen Grundlage, die gut recycelbare Verpackungen fördert. Eine Obstschale, die aus zehn verschiedenen Kunststoffen besteht, lässt sich eben kaum wiederverwerten, weil man die Kunststoffe nicht mehr trennen kann. In Frankreich beispielsweise zahlen Hersteller für manche Verpackungen schon jetzt einfach doppelt so viel, wenn diese nicht recycelbar sind. Das sollte in Deutschland auch kommen.

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Am einfachsten wäre es, wir würden gar nicht mehr erst so viel Müll produzieren, der dann wieder aufwändig getrennt, gesammelt, recycelt oder entsorgt werden muss. Aber die Müllberge in Deutschland wachsen jährlich, statt zu schrumpfen – im Gegensatz zu vielen anderen EU-Ländern. Warum?

Tatsächlich brauchen wir heute beispielsweise doppelt so viele Kunststoffverpackungen wie noch vor zwanzig Jahren. Das liegt zum Beispiel an unserer Vorliebe für Online-Shopping. Und es liegt daran, dass immer mehr Mahlzeiten außer Haus eingenommen werden. Das klassische Beispiel hier ist Kaffee in Einwegbechern, aber auch vorgeschnittenes Obst in der Plastikschale oder verzehrfertiger Salat in aufwendigen Kunststoffverpackungen. Auch bei den Mehrwegverpackungen für Getränke tut sich viel zu wenig, die Mehrwegquote ist hier auf 40 Prozent gesunken. Und das sind nur einige Beispiele, wie jeder von uns Müll vermeiden könnte.

Fragen: Luisa Mayer