Tun Sie es auch? Ich bekenne mich schuldig. Wenn ich beim Kochen etwas Neues ausprobiere, bei exotischen Gerichten die Zutaten gegenchecken will oder eine neue Bolognese-Soße suche, schaue ich nach: bei Chefkoch.de. Das Portal gehört zu den beliebtesten in Deutschland. Über 300 000 Rezepte finden sich dort, man kann selbst erfundene Rezepte einstellen und Bilder hochladen.

Natürlich rümpfen die wirklich semi-professionellen Köche die Nase. Manches, was da zu finden ist, klingt zumindest schräg, wenn nicht schlimmer. Die Studenten Jonathan Löffelbein und Lukas Diestel haben aus den seltsamsten Rezepten ein Kabarett-Programm aufgelegt und touren mit „Worst of Chefkoch“ durch die Lande. Über seltsame Ideen seltsamer Köche lässt sich halt gut lachen.

Parodie-Portal: Worst of Chefkoch

Wobei: Manches sieht schon schlimm aus. Schon klar, es ist sehr schwer, Essen ansprechend zu fotografieren. Und es leuchtet auch ein, dass die beiden Schelme nicht die ganz achtbar gekochten Rezepte rauspicken, die einem im Alltag weiterhelfen, sondern wirklich das Grauen.

Die Meister des schrägen Geschmacks: Lukas Diestel (l) und Jonathan Löffelbein auf der Bühne bei ihrer Kabarett-Show „Worst of Chefkoch“. Am 26. April sind die beiden in Freiburg zu sehen.
Die Meister des schrägen Geschmacks: Lukas Diestel (l) und Jonathan Löffelbein auf der Bühne bei ihrer Kabarett-Show „Worst of Chefkoch“. Am 26. April sind die beiden in Freiburg zu sehen. | Bild: Christina Storz

Nach einem Blick auf die Tumblr- und Facebook-Seiten der beiden drängt sich der Gedanke auf, dass es drei bis vier Zutaten zu geben scheint, mit denen Hobby-Köche auch wirklich jedes Rezept verhunzen. Als da wären: Scheibletten-Käse (wusste gar nicht, dass so etwas noch hergestellt wird!), Miracel Whip, Früchtecocktail in Dosen und billiges Hackfleisch. Daraus lässt sich was machen. Was auch immer. Beispiel gefällig?

Bitte sehr. Unser Menü: Bananencremesuppe mit Hackfleisch, dann „Pastetli der anderen Art“ im Glas serviert (ein Facebook-Kommentar dazu bringt Alt-Star Clint Eastwood, der in Dauerschleife ein angewidertes Gesicht zieht), sodann gratinierten Leberkäse und als Dessert Grüne Götterspeise-Torte. Auch schaurig: bunter Tortellini-Salat (gekaufte Tortellini mit Früchtecocktail). Muss man mehr sagen? Kaum.

Rezepte als Steilvorlage

Für Löffelbein und Diestel sind derlei Rezepte natürlich eine Steilvorlage. Gnadenlos nehmen sie die Rezepte auseinander, verbunden mit dem fröhlichen Wunsch „Guten Hunger!“ Um ihre Rezepte zu finden, wühlen sie sich durch, erzählten sie unlängst der „Süddeutschen Zeitung“. Sie geben also Begriffe wie „Banane“ und „herzhaft“ so lange ein, bis etwas angezeigt wird, was ihre Spottlust herausfordert.

Ob das wohl schmeckt? Auf der Seite „Worst of Chefkoch“ finden sich gruselige Rezepte, die genüsslich verrissen werden. Wie diese „Grüne-Götterspeise-Torte“.
Ob das wohl schmeckt? Auf der Seite „Worst of Chefkoch“ finden sich gruselige Rezepte, die genüsslich verrissen werden. Wie diese „Grüne-Götterspeise-Torte“. | Bild: Sceenshot: Facebook

Nicole Battenfeld, Ernährungsexpertin bei der Techniker Krankenkasse in Freiburg, kennt Worst of Chefkoch. „Was Originelles für eine Halloween-Party kann man da sicher finden“, meint sie. Auf gesunde Ernährung achte die Koch-Community im Netz hingegen eher selten.

Schlaue Resteverwertung

Andererseits hätten Portale wie Chefkoch.de auch Vorzüge. So könne man eingeben, wenn man etwa noch einen Broccoli, ein paar Nüsse und Parmesan zu Hause habe. Dann werfe das Portal Rezepte aus, mit denen man die Reste verwerten könne. Das gehe viel schneller, als in Kochbüchern zu suchen. Auch dass man Rezepte nach Zeitaufwand oder Schwierigkeitsgrad filtern könne, sei nützlich. Eine halbe Stunde Zeit fürs Kochen sei im Alltag eine gute Größe, findet sie.

Jörg Hentzgen ist Küchenchef im "Höri-Hotel" in Gaienhofen.
Jörg Hentzgen ist Küchenchef im "Höri-Hotel" in Gaienhofen. | Bild: Holger Hoffmann

Aber wie, bitteschön, entsteht denn nun ein ganz neues Rezept, das gut schmeckt und hübsch aussieht, aber nicht drei Stunden Aufenthalt in der Küche erfordert? Jörg Hentzgen, 42, Küchenmeister im feinen „Höri-Hotel“ in Gaienhofen am Bodensee, kennt Chefkoch.de.

"Ich hab da auch schon reingeschaut"

Er bekennt: „Ich hab da auch schon reingeschaut.“ Wenn er etwas kochen wolle, was er schon länger nicht gemacht habe, sei das Portal durchaus eine Hilfe. Aber: „Man darf nicht alles glauben, was da steht. Wenn ich manche Bilder anschaue, denke ich: Das ist nicht so lecker.“

Hentzgen kocht seit 26 Jahren; mit 16 hat er angefangen. Profis bauten auf Anleitungen und eigenen Erfahrungen auf, erklärt er: „Rezepte gibt es schon seit Jahrhunderten.“ Ganz neue Erfindungen seien selten. Ein Gulasch zum Beispiel habe ein Grundrezept, das etwa bei den Gewürzen je nach Fleischsorte variiert werde.

Erfahrung ist wichtig

Ein Steak richtig hinzubekommen, sei Erfahrungssache. Auch die Fleischqualität spiele eine Rolle. So erreiche ein helles Kalbssteak schneller die richtige Kerntemperatur als ein dunkles.

Manchmal gebe es schon neue Trends wie „nordic cuisine“, eine moderne skandinavische Küche, bei denen man versuche, Zutaten aus dem Wald zu nutzen. Aber: „Der Gast muss ja auch was auf dem Teller haben“, sagt Hentzgen.

Zudem seien die Menschen heute gut informiert, auch über die Kochshows im Fernsehen, und wüssten genau, wie ein Gericht zu schmecken habe. Fazit: „Das Rad kann man nicht neu erfinden.“ Eher versucht Hentzgen, Bekanntes neu zu interpretieren oder zu modernisieren, etwa aus einem eher schweren Klassiker wie „Russisch Ei“ ein leichtes Törtchen zu machen.

Küchenmoden wandeln sich

Zudem sei Küche einem zeitlichen Wandel unterworfen. „Toast Hawaii, das habe ich in der Ausbildung noch gelernt. Die Leute haben das geliebt!“, erinnert er sich amüsiert. Frische Ananas waren rar, und so kam das Gericht selbstverständlich mit Dosen-Ananas auf den Tisch.

Ähnlich retro muten heute der berühmt-berüchtigte Mett-Igel oder der Fliegenpilz aus Tomate mit Mayonnaise-Tupfern an. Den Mett-Igel muss man nicht mehr unbedingt haben. Aber vielleicht kommt der Toast Hawaii ja mal wieder. Auf Chefkoch.de gibt es 48 Rezepte dafür. Vielleicht für die nächste 70er-Jahre-Party?