Mitglieder italienischer Mafiaclans haben nach Erkenntnissen der Polizei seit 1990 in Deutschland 30 Menschen getötet. Das geht aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Frage der Grünen-Abgeordneten Irene Mihalic hervor. Darin heißt es: „Dem Bundeskriminalamt liegen seit dem Jahr 1990 Erkenntnisse zu 23 Tötungsdelikten mit insgesamt 30 Todesopfern in Deutschland vor, die der italienischen Mafia zugerechnet werden.“ Angaben zu Tötungsdelikten anderen Gruppierungen der Organisierten Kriminalität (OK) würden statistisch nicht gesondert erfasst.

Man geht von mehr Toten aus

„Die hohen Opferzahlen sind alarmierend und verdeutlichen die große Gefahr, die von der italienischen Mafia ausgeht“, sagt Mihalic. Dabei sei zu befürchten, dass die Dunkelziffer in diesem Bereich deutlich höher ausfällt.

Der Screenshot aus einem Video der italienischen Gendarmerie zeigt Carabinieri, die nach einer Razzia im Jahr 2018 gegen den ‚Ndrangheta-Clan Farao-Marincola in Italien und Deutschland einen Mafia-Verdächtigen in Stuttgart vor dem Landeskriminalamt abführen. Gerade im Südwesten ist der Mafiaclan aus Kalabrien sehr aktiv.
Der Screenshot aus einem Video der italienischen Gendarmerie zeigt Carabinieri, die nach einer Razzia im Jahr 2018 gegen den ‚Ndrangheta-Clan Farao-Marincola in Italien und Deutschland einen Mafia-Verdächtigen in Stuttgart vor dem Landeskriminalamt abführen. Gerade im Südwesten ist der Mafiaclan aus Kalabrien sehr aktiv. | Bild: DPA

Davon geht auch die Bundesregierung aus. Sie hatte im vergangenen Mai auf eine Anfrage der Grünen erklärt, nach derzeitigen Erkenntnissen würden 585 Menschen Gruppierungen der italienischen Organisierten Kriminalität zugerechnet. Zum Vergleich: Im Jahr 2015 hatte die Polizei 545 mutmaßliche Mafia-Mitglieder auf dem Schirm. Allerdings gehen die Sicherheitsbehörden davon aus, dass alleine die ‚Ndrangheta mindestens 18 bis 20 Stützpunkte in Deutschland hat. Da jedem einzelnen Stützpunkt bis zu 50 Mitglieder zugerechnet werden könnten, sei „von einem erheblichen Dunkelfeld bei den Mitgliederzahlen auszugehen“.

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Die ‚Ndrangheta aus Kalabrien gilt als mächtigste italienische Mafiaorganisation. Eine Fehde zwischen zwei Clans der ‚Ndrangheta war Hintergrund der Mafiamorde von Duisburg, wo 2007 nachts vor einer Pizzeria sechs Menschen erschossen wurden.

Polizisten stehen neben der Leiche eines Italiers in Duisburg. 2017 wurde sechs Menschen in der Stadt durch durch die Mafia ermordet. Grund dafür waren Auseinandersetzungen innerhalb der kalabrischen Mafia ‚Ndrangheta.
Polizisten stehen neben der Leiche eines Italiers in Duisburg. 2017 wurde sechs Menschen in der Stadt durch durch die Mafia ermordet. Grund dafür waren Auseinandersetzungen innerhalb der kalabrischen Mafia ‚Ndrangheta. | Bild: dpa

Mafia auch stark im Südwesten aktiv

Besonders aktiv ist die Mafia in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen. Zu ihren Haupteinnahmequellen zählen der Rauschgifthandel, Fälschungen und die Erpressung von Gastwirten italienischer Herkunft. Diese werden von den Mafia-Clans häufig gezwungen, überteuerte oder minderwertige Lebensmittel aus Italien zu beziehen – zum Beispiel Wein, Olivenöl oder Salami.

Genaue Kenntnisse der Gesetzeslage

Das ist für die Täter einfacher als die traditionelle Schutzgelderpressung, wo Gastwirte mit vorgehaltener Waffe gezwungen werden, einen Teil ihrer Einnahmen abzugeben. Denn wenn es zu einer Verurteilung kommt, wird der Lebensmittelhandel unter Zwang meist als „Nötigung“ eingestuft. Die Strafe fällt dann niedriger aus als bei der klassischen Schutzgelderpressung – auch weil die Ware ja nicht ganz ohne Wert ist. Außerdem muss sich der Mafia-Clan in diesem Fall gar nicht erst die Mühe machen, das Geld zu „waschen“. Denn es ist ja schon Teil des „legalen“ Wirtschaftskreislaufs. „Zum Teil handelt es sich auch um Lebensmittel, die von Clan-nahen oder Clan-eigenen Unternehmen in Italien produziert werden“, sagt Sandro Mattioli, der Vorsitzender des Vereins „Mafia? Nein Danke!“.

Wegen Terror zu wenig Personal

Innenpolitikerin Mihalic findet, die Bundesregierung müsse bei der Mafia-Bekämpfung ein noch größeres Problembewusstsein an den Tag legen. 2018 richteten sich 13 Ermittlungsverfahren gegen die ‚Ndrangheta, die Camorra und die sizilianische Cosa Nostra. Tatsächlich hängt die Zahl der Verfahren immer auch mit den Ressourcen der Polizei zusammen. Konkret heißt das: Wenn mehr Kräfte für die Observation islamistischer Gefährder eingesetzt werden müssen, geht das auch zulasten der Verfahren gegen die Mafia.

‚Ndrangheta expandiert

Die Ermittler stellten die kalabrische ‚Ndrangheta als besonders bedrohlich dar. Sie breite ihr Operationsgebiet immer weiter nach Osteuropa aus, sagte der Direktor der italienischen Anti-Mafia-Einheit, Giuseppe Governale. Die ‚Ndrangheta ist nach seinen Worten auch in Deutschland und Belgien aktiv. „Durch Korruption und Gewalt dringen sie tief in die Gesellschaft ein und werden immer größer und einflussreicher.“ (dpa)