Herr Settele, Nachrichten über Naturzerstörung und Artensterben schaffen es kaum noch auf die Titelseiten der Zeitungen. Warum ist das Ergebnis der Weltartenschutz-Konferenz so bedeutend?

Der Bericht ist ein Dokument von 132 beteiligten Regierungen und der Wissenschaftler. Die großen Staaten, die USA, China, Russland, waren alle dabei. Jetzt kann keiner mehr sagen: wir haben es nicht gewusst. Es war für mich überraschend, dass viele Dinge, die wir in den Bericht geschrieben haben – etwa die Abkehr vom Bruttosozialprodukt als Maß aller Dinge beim Wachstum oder die Abkehr von bestimmten Subventionen in der Agrarpolitik – auch von allen akzeptiert worden sind.

Oft zitiert wurde stets die Aussage, wir befänden uns mitten im größten Massenaussterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier. Hat das Ihr Bericht bestätigt?

Ja. Was wir erleben, ist global der größte Rückgang an Arten, die wir verlieren oder die eine starke Gefährdung erfahren, seit der Mensch existiert und Einfluss nimmt. Das meiste davon ist menschlich bedingt. Gewisse Organismengruppen sind fast schon komplett weg, Korallen zum Beispiel. Dann haben wir sehr starke Beeinträchtigungen der Ökosystemfunktionen und -leistungen, die wir als Menschen nutzen oder von denen wir abhängig sind: Bestäubung, Schädlingskontrolle, Wasserreinigung oder das Speichern von Kohlenstoff – alles Dinge, die sehr stark mit funktionierenden Ökosystemen zusammenhängen.

Sie sagen, der Mensch ist verantwortlich dafür – inwiefern?

Wir haben fünf Haupttreiber für diese Entwicklung. Nummer eins ist die veränderte Land- und Meeresnutzung. Darunter fällt nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch Forstwirtschaft und Urbanisierung. Dann folgen die direkte Ausbeutung, sprich Holzeinschlag, Jagd und bei der Fischerei die Entwicklung hin zu großen Flotten, die die Meere leeren. Der dritte Faktor ist der Klimawandel. Der wird in der Bedeutung deutlich steigen. Dann kommt die Umweltverschmutzung, Plastikmüll im Ozean etwa. Als fünftes kommen die Probleme durch invasive Arten.

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Gibt es Regionen der Welt, die besonders betroffen sind?

Wenn man die Artenrückgänge prozentual betrachtet, sind die Tropen immer vorne dran, weil es da viele Arten gibt, die es nur in kleinen Regionen gibt, nur in Regenwäldern etwa. Sind die Wälder weg, sind die Arten weg. Das ist bei uns nicht ganz so einfach und direkt, weil wir ja viele Arten haben, die weit verbreitet sind. Die meisten unserer Kulturlandschaftsarten kommen vereinfacht gesagt fast in ganz Europa vor, manche sogar bis nach Zentralasien. Das heißt, da ist der Artenschwund weniger der Schwund einer Art als Ganzes, sondern mehr der lokale Schwund von Arten – der Rückgang von Vielfalt auf der Fläche, was wir bei uns ganz stark beobachten.

Wenn überhaupt, wie lässt sich der Artenschwund stoppen?

Wenn es um Gegenmaßnahmen geht, wird häufig in Richtung Schutzgebiete argumentiert. In den Tropen ist, sobald ich ein Schutzgebiet unter relativ geringem Einfluss von Menschen habe, ziemlich viel erreicht in Sachen Artenschutz. Weist man bei uns ein Schutzgebiet aus und überlässt es sich selber, dann wird es artenärmer, da wir von Natur aus eigentlich eine eher artenarme Natur haben. Unsere Landschaft ist geprägt durch die lange menschliche Nutzung, Stichwort Kulturlandschaft. Ähnliches gibt es in Asien und Südamerika. Diese Vielfalt kann man nur aufrechterhalten, indem man weiterhin ein Management betreibt. Das heißt, der Spagat ist zwischen kompletter Nutzungsaufgabe und zu intensiver Nutzung.

Welche Fragen sind in puncto Artenschutz und -erhaltung noch offen?

Jene, die sich mit der konkreten Verbesserung befassen, etwa die Frage, wie man Maßnahmen zum Artenschutz und jene zur Milderung des Klimawandels unter einen Hut bringen kann. Wenn man für die Produktion von Biokraftstoffen große Flächen braucht, hat man keine Fläche für die Landwirtschaft und keine für den Schutz von Arten. Aber viel wichtiger ist etwas anders.

Und zwar?

Zum Artensterben und wie es gebremst werden könnte, wissen wir vieles längst. Aber es stellt sich die Frage: Warum werden die ganzen Vorschläge nicht umgesetzt? Da liegt noch sehr viel Potenzial für die Sozialwissenschaften: Wie kann man erreichen, dass die Akteure so agieren, wie es vernünftig wäre? Da gibt es viele Dinge, die dazukommen: Interessenskonflikte, klare Wissenslücken oder ökonomische Zwänge, die man zu haben glaubt. Das ist ein Forschungsfeld, an das man nicht gleich denkt beim Thema Biodiversität.

Was halten Sie von Projekten, bei denen versucht wird, Pflanzen und Tiere in Genbanken zu erhalten?

In Spitzbergen, beim bekanntesten Projekt dieser Art, geht es primär um die Kulturpflanzenvielfalt. Von Reis über Kartoffeln bis zu Tomaten ist da alles mit dabei. Es bringt schon etwas, die Vielfalt zu erhalten. Aber die Arten müssen regelmäßig angebaut werden, da sonst die Keimfähigkeit der eingelagerten Samen verloren geht. Das heißt, die Genbank allein reicht nicht, man muss sie auch nutzen. Dennoch hat man das Problem, dass, wenn man diese Pflanzen über viele Jahre hinweg im geschlossenen System einer Genbank anbaut, sie nicht unter dem Evolutionsdruck stehen wie in der Natur. Das heißt, die Vielfalt geht nach und nach auch verloren. Dennoch ist es eine Methode, um Zeit zu gewinnen, um gewisse Sorten zu erhalten.

Der Wert der Natur wird heute oft in Geld ausgedrückt, um ihre Erhaltung zu rechtfertigen. Muss das sein?

Das ist nicht zwangsläufig so. Es gibt ein paar gute Werte für die Bestäubung, was diese Dienstleistung der Natur für die Landwirtschaft wert ist. Aber Natur rein monetär auszudrücken, wird der Sache nicht gerecht. Bürgerrechte etwa kann man auch nicht monetarisieren. Dennoch ist es ein Tabu, sie anzutasten. Genau dahin müssen wir auch bei der Artenvielfalt kommen, um sie nicht zu gefährden.

Menschen und Naturzerstörung

  • Artenvielfalt-Bericht: Ähnlich den Papieren des Weltrats IPCC für den Klimawandel soll der IPBES – der Weltbiodiversitätsrat – einen international akzeptierten Sachstand zur Lage und zu möglichen Lösungen schaffen. Beteiligte Forscher hoffen, dem Artenschutz damit neuen Aufwind verleihen und einen Wandel Richtung nachhaltige Entwicklung anstoßen zu können. Besonders wichtig ist der Report für die Weltartenschutzkonferenz 2020 in China. Dort sollen die Eckpunkte für den weltweiten Artenschutz nach 2020 festgelegt werden.
Sibirische Tiger – hier in Hagenbecks Tierpark in Hamburg – gibt es in freier Wildbahn kaum noch.
Sibirische Tiger – hier in Hagenbecks Tierpark in Hamburg – gibt es in freier Wildbahn kaum noch. | Bild: Georg Wendt (dpa)
  • Gefährdung durch den Menschen: Zahlreiche der im Bericht aufgelisteten Entwicklungen hängen eng mit dem rasanten Wachstum der Weltbevölkerung zusammen. So haben sich die Ernteerträge seit 1970 vervierfacht. Der Holzeinschlag ist um fast 50 Prozent gestiegen. 60 Milliarden Tonnen erneuerbare und nicht erneuerbare Rohstoffe und Ressourcen werden alljährlich abgebaut – fast doppelt so viele wie noch 1980. Die mit Städten bebaute Gesamtfläche ist mehr als doppelt so groß wie noch 1992. Gar verzehnfacht hat sich seit 1980 die Plastikmüll-Verschmutzung, zudem gelangen Unmengen Schwermetalle, Gifte und andere Abfallstoffe aus Fabriken in Gewässer.
Fangnetze mit Heringen werden auf dem Greifswalder Bodden an Bord eines Fischkutters gezogen. Auch die Überfischung der Meere gefährdet die Arten.
Fangnetze mit Heringen werden auf dem Greifswalder Bodden an Bord eines Fischkutters gezogen. Auch die Überfischung der Meere gefährdet die Arten. | Bild: Jens Büttner (dpa)
  • Beispiel Gewässer: Laut IPBES verschmutzen jährlich 300 bis 400 Millionen Tonnen Schwermetalle, Lösungsmittel und andere Giftstoffe die Flüsse auf der Welt. (dpa)