Es war der Krisensommer 2015. Flüchtlinge schlagen sich über den Balkan durch oder setzen mit Booten übers Mittelmeer über. Tausende sitzen auf den griechischen Inseln unweit der türkischen Küste fest, unzählige harren auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa aus und warten auf den Transport zum Festland. Im Oktober erreicht die Flüchtlingskrise ihren Höhepunkt: 10 000 illegale Grenzübertritte pro Tag sind es laut EU-Kommission. Die Innenminister der Mitgliedstaaten beschließen erstmals in der Geschichte der Gemeinschaft per Mehrheitsentscheidung eine verpflichtende Umverteilung von Flüchtlingen aus den beiden Ländern, die kaum mehr in der Lage sind, die Hilfesuchenden unterzubringen und zu versorgen.

Später folgt ein Beschluss der Staats- und Regierungschefs, weitere Flüchtlinge im Rahmen einer Umsiedlung aufzunehmen. Innerhalb von zwei Jahren sollen insgesamt 160 000 in andere Mitgliedstaaten verteilt werden. Bis heute sind es knapp 35 000. In der EU ist längst ein erbitterter Streit entbrannt – über Zuständigkeiten, Verantwortung und Solidarität. Die Kommission hat Polen, Ungarn und Tschechien vor dem Europäischen Gerichtshof angeklagt, weil sie sich weigern, Flüchtlinge aufzunehmen.

Die Gemeinschaft richtet sogenannte Hotspots ein an den Brennpunkten Europas, wo die Hilfesuchenden mit Fingerabdrücken registriert werden sollen, um später rekonstruieren zu können, wo sie zuerst in die EU gelangt sind. Denn nach wie vor gilt die Dublin-Verordnung, nach der jener Mitgliedstaat für den Asylantrag eines Flüchtlings verantwortlich ist, über den dieser zuerst EU-Boden betreten hat. Italien und Griechenland fordern seit Jahren eine gerechte Verteilung. Doch sie scheitert an der Uneinigkeit der Mitgliedstaaten.

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Ungarn schottete sich im Sommer 2015 mit dem Bau eines Grenzzauns nach Serbien und später auch zum EU-Land Kroatien ab. Kroatien, das nicht zum Schengenraum gehört, in dem Grenzkontrollen aufgehoben wurden, macht seinerseits seine Grenzen nach Serbien dicht. Österreich einigt sich mit Slowenien auf den Bau eines Zauns. Deutschland und kurz darauf Österreich führen temporär wieder Kontrollen ein, es folgt Schweden und Frankreich. Im Herbst startet die EU-Mission Eunavor, die verdächtige Schiffe auf dem Mittelmeer aufspüren und gegebenenfalls umleiten soll. Gleichzeitig bemüht sich die EU um Rücknahmeabkommen mit Herkunftsländern.

Anfang März 2016 macht Slowenien seine Grenzen zu. Serbien, Mazedonien und Kroatien folgen. Die Balkanroute ist faktisch dicht. Im April tritt das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei in Kraft. Sie soll illegale Einreisen nach Griechenland verhindern und erhält im Gegenzug EU-Hilfsgelder in Milliardenhöhe.

Die EU-Behörde Frontex wird im Herbst zur Europäischen Grenz- und Küstenwache ausgebaut. Libyens Küstenwache wird mithilfe der Europäischen Union ausgebildet, um Flüchtlingsboote zurückzuholen, bevor sie das Hoheitsgebiet verlassen.

Das Asylsystem der EU bleibt unangetastet. In der ersten Jahreshälfte von 2018 sollte eine politische Einigung über eine Reform erzielt werden. Tatsächlich bleiben die Ergebnisse des Sommergipfels vage, von der Reform ist keine Rede.

Die EU stützt sich auf Daten: „Die Zahl der irregulären Grenzübertritte sind zurückgegangen und waren nie so niedrig wie heute“, über die östliche Mittelmeerroute gelangten nur noch etwa 81 Flüchtlinge pro Tag, über die zentrale Mittelmeerroute gelangten 77 Prozent weniger Hilfesuchende nach Europa als 2017. Italien hat kurz nach dem Sommergipfel begonnen, Schiffen an ihren Häfen das Anlegen zu verweigern. Die Flüchtlingsroute verlagert sich nach Südwesten. Spanien ist das neue Ziel von Booten aus Marokko.