Nie zuvor in seiner politischen Laufbahn stand Boris Johnson dermaßen im Kreuzfeuer der Kritik wie diese Woche. Und ausgerechnet jetzt schafft sich der britische Premierminister einen neuen Mitbewohner für Number 10 Downing Street an: Helfer trugen einen 15 Wochen alten Jack Russell Terrier gut sichtbar zu der berühmten schwarzen Tür. Johnson und seine Freundin Carrie Symonds hätten ihn aus einem Tierheim adoptiert, hieß es dazu. Ein Hundezüchter habe den armen Dilyn aussortiert, weil er ein schiefes Gebiss habe und deshalb unverkäuflich sei, wussten britische Medien zu berichten.

Hund als Zeichen des Mitgefühls

Neuer Mitbewohner in Downing Street 10: Der Jack Russell Mischling des britische Premierminister Johnson.
Neuer Mitbewohner in Downing Street 10: Der Jack Russell Mischling des britische Premierminister Johnson. | Bild: dpa

Es sei wohl kein Zufall, dass sich Johnson den Hund gerade jetzt angeschafft habe, vermutet der Kommunikationswissenschaftler Joachim Trebbe von der Freien Universität Berlin. Die unterschwellige Botschaft: Allen Härten im Brexit-Drama zum Trotz – wer sich eines Hundes mit schiefen Zähnen annimmt, kann kein schlechter Mensch sein. „Wobei hier vielleicht gar nicht mal so sehr der Hund im Vordergrund steht als vielmehr das Tierheim. Es geht darum, die menschliche, mitfühlende Seite herauszustellen.“

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Wenn man erstmal davon ausgeht, dass Politiker normale Menschen sind, gibt es natürlich eine Grundwahrscheinlichkeit, dass der eine oder andere auch einen Hund hat. Dass mitunter mehr dahinter steckt, lässt sich schon daraus ableiten, dass Politiker ihre Tierliebe oft sehr bewusst öffentlich machen. So besaß der Hund des früheren US-Präsidenten George W. Bush, Terrier Barney, eine eigene Seite auf dem Internet-Auftritt des Weißen Hauses.

Hatte einen eigenen Internet-Auftritt: Hund Barney von dem früheren US-Präsidenten George W. Bush.
Hatte einen eigenen Internet-Auftritt: Hund Barney von dem früheren US-Präsidenten George W. Bush. | Bild: dpa

Die Obamas haben sich zwei Portugiesische Wasserhunde angeschafft. Sie passten perfekt in das positive Familienbild, das die Obamas repräsentierten.

Eine perfekte Familie: Die Obamas mit ihren beiden Portugiesischen Wasserhunden.
Eine perfekte Familie: Die Obamas mit ihren beiden Portugiesischen Wasserhunden. | Bild: Pete Souza, dpa

In Deutschland hat Attila, der Hund des thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Linke), einen Twitter-Account, der von dessen italienischer Ehefrau gepflegt wird.

Hund Attila mit Herrchen Bodo Ramelow, Ministerpräsident von Thüringen und dessen Ehefrau Germana Alberti.
Hund Attila mit Herrchen Bodo Ramelow, Ministerpräsident von Thüringen und dessen Ehefrau Germana Alberti. | Bild: Martin Schutt, dpa

Das Ganze stehe in einem größeren Zusammenhang, erläutert Joachim Trebbe: „Wir wissen aus der Entwicklung der sozialen Medien, dass es dort eine Tendenz gibt zur Preisgabe privater Informationen, um neben der politischen Kompetenz auch Sozialkompetenz zu vermitteln. So nach dem Motto: „Schaut mal her, ich bin ein Mensch wie ihr.“ Damit macht man natürlich Punkte.“ Diese Selbstinszenierung mit Haustier reicht Jahrhunderte zurück.

Der Hund als Kritiker der Mächtigen

„Das ist natürlich eine spannende Idee, aus der Sicht eines Hundes die Arbeit des Ministerpräsidenten zu kommentieren“, meint der Hamburger Politikberater Martin Fuchs. „Ich fand es gerade dann extrem smart, wenn er politische Aussagen und Aktivitäten kommentiert hat. Wenn er sich zum Beispiel beschwert hat, dass sein Herrchen schon wieder so lange nicht zuhause war. Eigentlich eine Kritik an seinem Herrchen, die dann aber zeigt: Der Typ reißt sich für Thüringen den Arsch auf.“

Schmückendes Symbol der Stärke

Das Image des Hundes ist dabei nicht immer gleich. Es gibt den süßen Hund und den großen, gefährlichen. Viele Könige und Kaiser ließen sich mit ihren Hunden porträtieren. Reichskanzler Otto von Bismarck besaß hintereinander mehrere Doggen, auch Reichshunde genannt, die er auch gerne auf Kongresse mitnahm.

Reichskanzler Otto von Bismarck im Jahr 1891 mit seinen beiden Reichshunden: Die Doggen Tyras II und Rebecca.
Reichskanzler Otto von Bismarck im Jahr 1891 mit seinen beiden Reichshunden: Die Doggen Tyras II und Rebecca. | Bild: Hermann Montanus, Verlagsbuchhandlung/Wikipedia

Der russische Präsident Wladimir Putin bereitete Angela Merkel vor einigen Jahren mit seiner Labrador-Hündin Koni eine unangenehme Überraschung. Angeblich wusste er nichts von der Hunde-Angst der Kanzlerin. „Hunde haben auch eine Macho-Tradition“, sagt Trebbe. „Sie kommen ja von der Jagd zum Menschen. Dass sich Politiker, die Wert auf männliche Qualitäten legen, mit großen Hunden schmücken, soll ihre Stärke unterstreichen.“

Konkurrenz für Kater Larry in London

Im Fall von Boris Johnson ist sich Trebbe übrigens nicht sicher, ob die Anschaffung von Dilyn wirklich ein geschickter Schachzug war. „Es könnte auch gefährlich sein, denn es gibt in der Downing Street bereits seit langem den Kater Larry, der sehr populär ist.“

Kater Larry, der in Number 10 Downing Street wohnt, vor der Tür des Premiers Boris Johnson. Larry bekommt nun einen Hund als neuen Mitbewohner. Ob die beiden sich vertragen, bleibt fraglich.
Kater Larry, der in Number 10 Downing Street wohnt, vor der Tür des Premiers Boris Johnson. Larry bekommt nun einen Hund als neuen Mitbewohner. Ob die beiden sich vertragen, bleibt fraglich. | Bild: Michael Kappeler, dpa

Auf Twitter hat er 323.000 Follower. „Angeblich zeigt sich Larry seit dem Amtsantritt von Boris Johnson seltener. Wenn sich das bestätigen sollte, könnte man am Ende noch sagen: „Jetzt hat er sogar die nette Katze vergrault.“