„20 Euro mehr für den Strom pro Monat?“ Fassungslos schüttelt Annika Fischer (Name geändert) den Kopf, als sie den Vertrag von ihrem neuen Stromanbieter liest. Denn eigentlich hatte sie sich überhaupt nur zu einem Wechsel überreden lassen, weil es hieß, sie könne dadurch Geld sparen.

Ein paar Tage zuvor: Fischer war gerade dabei, das Mittagessen zu kochen, ihre hungrigen Kinder saßen am Tisch, das Telefon klingelte. „,Energiezentrale Berlin’ meldete sich der Mann“, erinnert sich Annika Fischer. Mithilfe ihrer Adresse, der Zählernummer und dem aktuellen Stromversorger suchte er ihr ganz schnell einen wie er sagte „viel günstigeren Anbieter“ heraus.

Ein paar telefonische Abfragen und Antworten später hatte Fischer einen neuen Vertrag abgeschlossen, obwohl sie mit ihrem alten Stromversorger „eigentlich total zufrieden war“. Aus der versprochenen Ersparnis war eine Erhöhung geworden, weil der am Telefon ausgemachte Tarif nur für Nachtspeicheröfen galt – und diese hat der Haushalt Fischer nicht.

  • Ist ein solcher Vertrag, wie ihn Annika Fischer telefonisch abgeschlossen hat, tatsächlich rechtsgültig? Ja, wenn sich zwei Vertragspartner über Leistung und Gegenleistung einig sind, können sie auch am Telefon einen gültigen Vertrag abschließen, der dann allerdings in der Regel auch noch zugeschickt werden muss. „Bei solchen Anrufen sind viele Verbraucher leider oft so überrumpelt. Sie hören gar nicht genau zu, dass sie gerade tatsächlich einen Vertrag abschließen und was die genauen Konditionen dabei sind“, sagt Matthias Bauer, Leiter der Abteilung Bau, Wohnen und Energie bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.

Geschichten wie die von Annika Fischer hört Verbraucherschützer Matthias Bauer mehrmals pro Monat. „Dass sich Callcenter als Energiezentrale oder unter anderen ähnlichen Namen tarnen und Stromverträge verkaufen, ist eine sehr beliebte Masche.“ Die Anrufer seien sehr geschickt darin, den Verbrauchern im Gespräch die relevanten Daten für einen Wechsel abzuluchsen. Denn mehr als den aktuellen Stromversorger, die Zählernummer und die Adresse braucht es nicht, um im Namen von jemand anderem einen Anbieterwechsel einzuleiten. „Deshalb sollte man am Telefon oder auch an der Haustür wirklich niemals irgendwelche Vertragsdaten herausgeben“, warnt Matthias Bauer. Ein oft gehörter Fallensteller-Satz lautet: „Wissen Sie eigentlich, dass Sie viel zu viel für Ihren Strom zahlen?“

  • Aber telefonisch geschlossene Verträge können doch widerrufen werden? Verträge, die nicht persönlich vor Ort, sondern übers Internet oder am Telefon abgeschlossen werden, nennt man Fernabsatzverträge. Solche Verträge kann man in der Regel widerrufen – und zwar grundlos. „Am besten macht man das sowohl per E-Mail als auch per Einwurfeinschreiben“, sagt Verbraucherschützer Matthias Bauer. Dafür reicht ein Standard-Widerrufsformular, wie es die Vertragsanbieter mitschicken oder wie man es im Internet beispielsweise auf den Seiten der Verbraucherzentralen herunterladen kann.

Die Widerrufsfrist beginnt mit Vertragsschluss, aber nicht, bevor der Verbraucher ordnungsgemäß über das Widerrufsrecht informiert wurde. „Passiert das nicht schon am Telefon, sondern beispielsweise erst dann, wenn der Vertrag schriftlich zugeschickt wurde, beginnt die Frist ab diesem Zeitpunkt zu laufen“, sagt Bauer. Wurde der Verbraucher nicht oder falsch über sein Widerrufsrecht informiert, beträgt die Frist sogar ein Jahr und 14 Tage.

Das Problem dabei: Viele Verbraucher wissen nichts von dieser Widerrufsfrist. Sie lassen die Post erst einmal liegen, bei Annika Fischer kam ein Krankenhausaufenthalt dazwischen – und dann ist der Vertrag rechtsgültig. Was Verbraucherschützer wie Matthias Bauer auch immer wieder erleben, ist, dass die Verträge von Stromanbietern gar nicht auf den ersten Blick als solche zu erkennen sind, sondern vielmehr aussehen wie Werbung. Sie landen dann im Müll, auch hier verstreicht die Widerrufsfrist.

  • Kann man trotzdem noch etwas tun, um aus einem unerwünschten Vertrag herauszukommen, nachdem die Widerrufsfrist verstrichen ist? „Zunächst sollte man sich beim neuen und beim alten Stromanbieter über den unerwünschten Vertrag beschweren, und zwar am besten telefonisch und per E-Mail“, sagt Thomas Kunde, Geschäftsführer bei der Schlichtungsstelle Energie. Das Unternehmen hat dann vier Wochen Zeit, um zu antworten.

Kommt die Antwort nicht oder ist sie nicht zufriedenstellend, kann man einen Schlichtungsantrag stellen. „Das kostet nichts außer ein bisschen Arbeitszeit“, sagt Thomas Kunde. Dass sich diese durchaus lohnen kann, zeigt die Bilanz des ersten Halbjahres 2018: 3500 Anträge sind bei der Schlichtungsstelle Energie eingegangen, in 80 Prozent der Fälle konnten die Schlichter erfolgreich vermitteln.

  • Sind solche Werbeanrufe per Telefon nicht inzwischen eigentlich verboten? Ja, bereits seit dem Jahr 2009 ist Telefonwerbung ohne vorherige Einwilligung verboten. Das bedeutet: Unternehmen dürfen Verbraucher nur dann telefonisch über Produkte informieren, wenn diese ausdrücklich zugestimmt haben. Die Einwilligung muss bereits vor dem Telefonat vorliegen und darf nicht erst zu Beginn des Gesprächs eingeholt werden. Das ist zumindest die Theorie.

In der Praxis gehen nach wie vor bei vielen Verbrauchern solche Werbeanrufe ein. Das Problem dabei: „Egal ob der Anruf rechtswidrig ist oder nicht: Wird mir dabei ein Vertrag untergeschoben, ist dieser trotzdem wirksam“, sagt Tiana Preuschoff, Referentin Energierecht beim Projekt Marktwächter Energie der Verbraucherzentrale Niedersachsen. Wer gar nicht erst in solche Situationen kommen möchte, sollte sich daher lieber nicht auf lange Diskussionen einlassen, sondern das Gespräch schnell beenden.

Allerdings ist es häufig gar nicht so einfach, das eigentliche Ziel des Anrufs schon zu Beginn des Gesprächs zu erkennen, sagt Verbraucherschützerin Tiana Preuschoff. Im Fall von Strom- und Gaslieferverträgen wählen die Anrufer beispielsweise oft eine sehr allgemeine Einstiegfrage und erkundigen sich zunächst, ob der Verbraucher seine Energiekosten senken wolle.

Manchmal geben sich die Anrufer auch als Energieberater oder Verbraucherschützer aus und bieten an, die letzte Stromrechnung zu prüfen. Oder aber es wird behauptet, dass eine Kooperation mit dem örtlichen Grundversorger bestehe und man dringend über eine anstehende Preiserhöhung reden müsse. Erst später stellt sich dann heraus, dass die Verbraucher eigentlich zu einem Wechsel des Energieversorgers überredet werden sollen.

  • Wie kann man sich vor unerwünschten Werbeanrufen schützen? Der beste Schutz ist ein möglichst vertraulicher Umgang mit den eigenen Daten. Je sparsamer man die eigenen Telefonnummern weitergibt, umso schwerer können sie in die Hände von Dritten gelangen.

Wachsam sein sollte man vor allem, wenn es in den Anrufen um Gewinnspiele geht, sich angebliche Telefon- oder Stromanbieter melden, die dann auch noch auf Eile drängen und behaupten, etwa ein Wechsel des Stromanbieters ginge „nur noch heute“. Aus diesen Bereichen kommen nach einer Umfrage der Verbraucherzentralen aus dem Jahr 2015 die meisten dieser unerwünschten Werbeanrufe.

Hat der Angerufene vorab nicht in ein Gespräch eingewilligt, ist der Anruf illegal. Laut Gesetz kann das eine Geldbuße bis zu 300 000 Euro nach sich ziehen – wenn die Verbraucher die Anrufe anzeigen. Zuständig dafür ist die Bundesnetzagentur. Für eine Beschwerde-Meldung dort muss man sich folgende Daten notieren: Datum und Uhrzeit des Anrufs, wenn möglich die angezeigte Rufnummer sowie den Namen des Anrufers oder des werbenden Unternehmens und eine möglichst detaillierte Beschreibung des Gesprächsverlaufs. Ein entsprechendes Beschwerdeformular findet sich auf der Internetseite der Bundesnetzagentur und kann dort auch direkt online abgeschickt werden.

Kontakt zur Schlichtungsstelle Energie e.V.: Telefon: 030 / 27 57 240- 0; Telefax: 030 / 27 57 240–69; E-Mail: http://info@schlichtungsstelle-energie.de; Internet: http://www.schlichtungsstelle-energie.de