Kalt ist es. Immer. Die Kälte kriecht in die Knochen, wenn sich die Menschen – viele machen einfach durch – übernächtigt gegen halb vier am frühen Montagmorgen in die grünen Trams quetschen, um in Richtung des Basler Marktplatzes zu fahren.

Eng ist es, aber die Vorfreude ist zu spüren. Es liegt etwas in der Luft. Gruppenweise, pulkweise strömen die Menschen durch die nächtliche Stadt, es wird enger und enger. Menschen mit Platzangst sind hier falsch.

Es geht los!
Es geht los! | Bild: Basel Tourismus

Kurz vor vier. Am Marktplatz das Murmeln vieler Stimmen. Dann gehen die Lichter in der Stadt aus, ein Johlen und Jubeln aus vielen Kehlen steigt auf. „Morgestraich – marsch!“ tönt das Kommando.

Dann setzen sie sich in Bewegung: viele kleine Wägelchen mit beleuchteten Aufbauten und bösen Sprüchen in Baseldytsch, Trommler und Piccolo-Pfeifer mit Gesichtsmasken, hier Larven genannt. Die Stimmung ist ernst, feierlich, venezianisch gewissermaßen.

Die erleuchteten Wagen und Lampen sind Kennzeichen des Morgestraichs.
Die erleuchteten Wagen und Lampen sind Kennzeichen des Morgestraichs. | Bild: Andreas Mann/Basler Fasnachts-Comité

Kreuz und quer geht es durch die Altstadtgässchen, die Zuschauer stehen gedrängt an den Mauern, manchmal rumpeln die Wägelchen zentimeternah vorbei. Bauch und Füße einziehen!

Niemand weiß, wo er in der nächsten halben Stunde sein wird. Die Menschen lassen sich treiben, biegen hierhin und dorthin ab, überall tönen die Melodien, die die Basler Fasnacht so unverwechselbar machen und sich tagelang im Kopf festsetzen.

Die Cliquen entwerfen jedes Jahr neue Kostüme. Da kann dann auch mal eine Clown-Truppe unterwegs sein.
Die Cliquen entwerfen jedes Jahr neue Kostüme. Da kann dann auch mal eine Clown-Truppe unterwegs sein. | Bild: Pierre-Michel Virot/Basel Tourismus

Man landet in Beizen, sitzt mit seinen Freunden, falls man sie nicht verloren hat, oder Menschen, die man nicht kennt, beisammen, isst dicke, aber wunderbar wärmende Mehlsuppe oder eine Käsewähe, dazu gibt es einen Tee, einen Wein, ein Bier. Ein wenig Alkohol ist in Ordnung, Betrinken nicht.

Stundenlang geht es durch die abgedunkelte Altstadt, in der nur die Wägelchen und die Laternen am Kopf mancher Figuren die Nacht erleuchten. Viele Zuschauer schauen sich am Münsterplatz die Wagen nach dem Morgestraich genauer an. Dort werden sie abgestellt.

In der Dämmerung: Laternenausstellung auf dem Münsterplatz.
In der Dämmerung: Laternenausstellung auf dem Münsterplatz. | Bild: Basel Tourismus

Auf langen Zetteln („Zeedel“) sind lange Gedichte aufgedruckt, auf denen die Gruppen das Basler Stadtgeschehen gründlich durch den Kakao ziehen.

Die Basler Fasnacht, die seit 2017 durch die Unesco zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt wurde, ist ganz anders als die Fasnacht am Hochrhein, im Schwarzwald oder am Bodensee.

Der nächtliche Morgestraich, die beleuchteten Wagen und die eigentümliche Musik – das gibt es in dieser Kombination sonst nirgends.

Dominique Mollet, Alt-Präsident der Basler Mittwoch-Gesellschaft.
Dominique Mollet, Alt-Präsident der Basler Mittwoch-Gesellschaft. | Bild: privat

Manches ähnelt aber auch der Fasnacht im Umland. „Wie bei der alemannischen Fasnacht geht es darum, dem Mitmenschen den Spiegel vorzuhalten“, erklärt Dominique Mollet, Alt-Präsident der Basler Mittwoch-Gesellschaft, eine der ältesten Fasnachts-Cliquen der Stadt, und aktiver Pfeifer.

Einmal im Jahr zu sagen, was einen am anderen störe, das sei das Wesen der Fasnacht – dies- und jenseits des Rheins.

Die Ursprünge der Basler Fasnacht gehen auf das 12. Jahrhundert zurück, erklärt Dominique Mollet. Damals hätten militärische Aushebungen stattgefunden, Truppen verschiedener Länder waren am Rhein präsent – daher also die Trommler und Pfeifer.

Beim Umzug/Cortège: Pfeifer in Aktion.
Beim Umzug/Cortège: Pfeifer in Aktion. | Bild: Pierre-Michel Virot/Basel Tourismus

Danach kam die Reformation über die Stadt, der Bildersturm, die Fasnacht war zeitweise sogar verboten. „Die Wurzeln der Fasnacht, wie wir sie heute kennen, liegen im 19. Jahrhundert“, so Mollet weiter. „Damals entstanden die Laternen, weil Umzüge mit offenem Feuer in der Stadt verboten wurden.“ Im Museum der Kulturen ist noch eine Laterne aus den 1880er-Jahren erhalten.

Warum aber, bitte schön, beginnt die Basler Fasnacht nachts um vier? „Das wüsste ich auch gern“, sagt Mollet und lacht ein bisschen. Die frühe Stunde erinnert an einen militärischen Morgenappell, auch wenn die Melodien heute kaum noch militärisch wirken. Sie setzen sich in den Ohren fest, „ein bisschen wie ein Tinnitus“, spottet Mollet. Aber was für ein schöner!

Vorsicht, ein Waggis! Waggis-Maskenträger sind mit Konfetti/„Räppli“ sehr großzügig.
Vorsicht, ein Waggis! Waggis-Maskenträger sind mit Konfetti/„Räppli“ sehr großzügig. | Bild: Basel Tourismus

Noch eine Abweichung: Die Basler Fasnacht findet eine Woche später statt als die deutsche, weil die Basler sich nach dem alten Kalender richten. Und, wie Dominique Mollet ein wenig grinsend sagt: „Um die Katholiken zu ärgern.“

In der Stadt wird es langsam hell. Ein grauer Himmel zieht auf über dem Rhein und der Stadtsilhouette mit dem markanten Münster. Noch lange ziehen die Cliquen durch die Straßen. Die nächsten Tage kann man sie auch tagsüber in den Straßen der Altstadt beim „Gässle“ hören und sehen.

Jetzt aber geht es erst mal nach Hause ins Bett, ein wenig frierend. Die Lieder der Trommler und Pfeifer aber bleiben noch lange in den Ohren.

Termin des Morgestraichs in diesem Jahr: in der Nacht vom Sonntag, 10., auf Montag, 11. März. Dauerausstellung im Museum der Kulturen, Münsterplatz 20.

Tipps für Besucher des Morgestraich

  • Passende Kleidung: Kommen Sie richtig warm angezogen (Ski-Unterwäsche, warme Stiefel), bitte aber nicht kostümiert.
  • Schunkeln und Singen: Beides ist tabu. Sie sind ja für Musik und Augenweide hier.
  • Falls Sie fotografieren: Nicht blitzen! Die Maskenträger und Musiker blendet das sehr.
  • Betrinken: ist verpönt. Wer will schon peinlich rumpurzeln?
  • „Blagedde“: Wer die Basler Fasnacht unterstützen will, kauft eine Plakette. Es gibt sie in Bronze, Silber und Gold.
  • Beste Stimmung: Rund um den Rümelinsplatz und in den kleinen Gässchen ist es am schönsten.
  • Sagen Sie „Du“: Ein „Sie“ passt hier nicht hin. (bea)