Ein Einfamilienhaus mit Garten in einem Wohngebiet in Schießen bei Roggenburg (Landkreis Neu-Ulm). Auf dem Klingelschild: acht Nachnamen. Hier wohnt Christine Schweizer mit ihren sechs Kindern. Pflegekindern. Plus einem Hund und zwei Hamstern. „Zurzeit sind es sogar acht Kinder, von acht bis 18.“ Obwohl sie eigentlich nur immer so viele nimmt, wie in ihr Auto passen. „Sonst ist es ein Ding der Unmöglichkeit, zum Wandern zu fahren oder in den Urlaub.“

Aber das Jugendamt fragte sie kürzlich wegen zwei Bereitschaftskindern an, deren Familie gerade aus ihrer Wohnung geworfen wurde. Na gut, die würde sie schon auch noch schaukeln, dachte sich die 61-jährige gelernte Uhrenverkäuferin mit der blonden Kurzhaarfrisur und dem ansteckenden Lachen. Ist ja nur für kurz.

Bis an die Grenzen

Lediglich vier bis sechs Wochen sollten es auch bei ihrem ersten Pflegekind sein. Dessen Mutter musste wegen psychischer Probleme ins Krankenhaus. Christine Schweizer erinnert sich noch genau an den Tag, als sie den Dreieinhalbjährigen holte. „Am 17. April 2000.“ Sie klingt melancholisch, obwohl er sie immer wieder an ihre Grenzen gebracht hat – in all den 18 Jahren. Die Mutter erholte sich nicht mehr und nahm sich zwei Jahre später das Leben.

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Heute macht der Junge eine Ausbildung zum Fachlageristen. „Er hat‘s geschafft, erlernt einen Beruf und das ist für mich das Wichtigste. Dass meine Kinder ihre Schule machen und ihr Geld verdienen können.“ Trotzdem lebt er noch im Hotel Mama und bei seinen aktuell sieben Geschwistern. „So schnell krieg ich den wohl nicht los!“, sagt sie amüsiert.

Ein Unbekannter am Mittagstisch

Während sich normale Familien neun Monate lang auf ein neues Kind oder ein Geschwisterchen vorbereiten, kann es im Hause Schweizer schon mal von einem Tag auf den anderen Zuwachs geben. Dann liegt halt mal ein unbekannter Säugling morgens bei der Mutter im Bett. Oder jemand Unbekannter sitzt am Mittagstisch.

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„Mama“ sagen alle zu der Frau, die so offen ist für sie alle und das macht, das viele bisher nicht kannten: Sie weckt sie morgens, schmiert Pausenbrote, schickt sie pünktlich zur Schule, kocht Mittagessen, tröstet, streichelt, hört zu und macht klare Ansagen. Dennoch: „Die wissen alle, dass sie ihre eigene Mutter haben, dass die eben woanders wohnt. Manche besuchen sie, schreiben WhatsApps… “ Es kommt aber auch vor, dass sie schauen muss, dass der Einfluss der leiblichen Eltern nicht zu groß wird.

Manche Eltern sind feindselig

Denn es gibt zwar die, zu denen der Kontakt gut ist und die es schätzen, dass sich die Pflegemutter um ihr Kind kümmert. Aber eben auch die Feindseligen. „Da werde ich beschimpft oder das Kind hört: Deine dumme Pflegemutter, von der musst du dir gar nichts sagen lassen.“ Frustrierte und wütende Eltern, die registrieren, dass sich ihr Kind möglicherweise wohlfühlt, die sich als Versager in ihrer Elternrolle fühlen, die das Jugendamt hassen, das ihnen ihr Kind genommen hat.

Die Frustration der psychisch kranken Eltern kann sie verstehen und findet es auch gut, dass sie sich Hilfe für ihr Kind beim Jugendamt holen. Aber für die anderen fehlt ihr das Verständnis: „Oft sind ihnen Alkohol, Drogen und ihr eigenes Leben wichtiger als das ihrer Kinder.“ Eine sogenannte Rückführung zu den leiblichen Eltern ist immer das Ziel. Bisher hat Christine Schweizer das bei all ihren 22 Kindern noch nie erlebt. Und doch weiß sie, dass sie eigentlich nur Mutter auf Zeit ist.

Blonde Haare, schwarze Haut

Und die träumte schon immer von einem Tisch voller Kinder. Den hat sie jetzt im Esszimmer: Dort wird gemeinsam gespielt, Hausaufgaben gemacht und gegessen – neuerdings auch muslimisch korrektes Essen. Unterschiedlicher können Geschwister nicht aussehen: Sie haben blonde, rote und dunkle Haare, schwarze Haut, südländischen Teint oder Sommersprossen. Manchmal gibt es Reibereien, manchmal sagt ein Kind aus Wut „Tschüss“.

Wenn Christine Schweizer dann anbietet, dass das Jugendamt gerne zum Abholen käme, hat sich die Aufbruchstimmung meist wieder gelegt. Auch Tränen fließen. „Nicht aus Heimweh, sondern weil sie ihr Leben, das sie geführt haben, aufarbeiten müssen.“

„Anfangs sieht alles fürchterlich aus“

Gerade am Anfang. „Ich will es nicht beschönigen, es sieht alles erst mal fürchterlich aus und ist anstrengend. Oft weiß ich nicht genau, wie groß das Päckchen ist, das sie mitbringen. Man kann nicht sagen: Ich behandele alle gleich. Jeder hat sein Problem, mit dem man umgehen muss.“ Da seien die Psychologen und Therapeuten wichtig. Etwa für das neue, schwer traumatisierte Mädchen. „Ich schaffe es bei ihr nicht alleine. Ich bin ja nur Mutter.“ Eine mit viel Humor, Empathie, Organisiertheit und stabilem Nervenkostüm.

Die guten Nerven haben sich auch gegenüber einem siebenjährigen türkischen Jungen bewährt. Er wuchs mit vielen Geschwistern, einer überforderten Mutter und einem gewalttätigen Vater auf. Und war voller Aggression. „Tagelang sagte er zu mir: Ich hasse dich, ich hasse dich. Ich antwortete nur: Ich dich nicht, warum sollte ich? Heute frage ich manchmal: Na, hasst du mich immer noch? Dann sagt er: Ach, du weiß doch, wie ich damals war.“

Ein Junge gab nur Tierlaute von sich

Einen großen Unterschied mache es, ob ein Kind früh oder spät aus seiner Familie kommt. Das sieht man an einem Geschwisterpaar. Das Mädchen traf als Säugling ein und entwickelte sich völlig normal. Der Bruder hatte bereits sieben Jahre in einer Wohnung zugebracht, deren Rollläden stets geschlossen waren, der sozial isoliert wurde, verwahrloste.

Bei ihr habe der Junge in einer einzigen Ecke des Kinderzimmers gesessen und nur Tierlaute von sich gegeben, konnte keine Menschen um sich herum haben. „Er hielt sich an nichts, wollte nicht geduscht werden, sagte immer, er habe sieben Jahre lang nicht geduscht. Nichts war vor ihm sicher: Er haute alles kaputt, zerriss Kleidung.“ Viel musste er nachholen. „Das war ein harter Fall, da habe ich oft gesagt: Ich kann nicht mehr. Bis ich dann am nächsten Tag wieder dachte: Ne! Ich krieg dich!“ Ihm sollte sich eine neue Welt auftun.

„Zeigen, dass das Leben schön sein kann“

Pflegeeltern-Seminare gab es damals noch nicht. Christine Schweizer vertraute ihrem Instinkt und ihrer positiven Lebenseinstellung. „Ich kann nicht verlangen, dass das Kind anders wird. Aber ich kann ihm zeigen, dass das Leben anders sein kann als das, was es bisher mitgekriegt hat. Vorleben, einfach machen – das kann jede Mutter, jeder Vater. Zeigen, dass das Leben schön sein kann.“

Einige ihrer Kinder verhielten sich heute noch manchmal wie kleine Erwachsene, schauten ihre Post durch. „Dann sag ich: Moment, ich mache das, nicht du.“ Sie seien es gewohnt gewesen, Verantwortung für ihre Eltern und deren Aufgaben zu übernehmen. Statt Kind zu sein und Spaß zu haben. „Die mussten schauen, ob Geld da ist, um sich etwas zum Essen zu kaufen.

Oder zum Trinken. Wie der Neunjährige, der seit einem Jahr bei ihr lebt. Er hat sich angeblich jeden Tag etliche Red Bulls gegönnt. Ein ziemlicher Poser war der anfangs. Die erste Begegnung war in der Schulpause: Ein Blick genügte. „Ich sah ihn auf dem Gang sitzen und dachte, auweia, was kommt da auf mich zu.“ Mit frechem Blick habe er sie taxiert und schließlich behauptet, 13 Jahre alt zu sein. „Kannst sitzenbleiben, ich nehme nur bis zwölf.“ „Warum?“, fragte er verdutzt. „Ich bin neun.“

Erst mal den Chef markiert

Zwei Wochen lang markierte er den Chef in seinem neuen Revier in Schießen. Das haben ihm die Geschwister schnell ausgetrieben. Heute schwärmt Christine Schweizer in höchsten Tönen von ihm. Es ist auch der, der jetzt schon bekannt gibt, dass er in der Landkäserei Herzog in Schießen arbeiten und seinen Führerschein machen werde. Christine Schweizer schmunzelt. „Logisch machst du den. Den Führerschein kriegen sie alle von mir.“ Das wäre dann in neun Jahren. Wie viele Kinder sie dann wohl noch haben wird?

Eines ist jedenfalls sicher: „Ich will nicht ihre Oma sein. Aber die, die ich jetzt habe, die stelle ich noch auf die Beine. Auf ihre eigenen.“