Was Ermittler zu erzählen haben, liest sich mitunter so spannend wie ein Krimi. Bücher über wahre Verbrechen sind gefragt: Etliche Kommissare, Rechtsmediziner, Juristen und andere Kriminalexperten haben in den vergangenen Jahren über ihre Fälle geschrieben. Aber können die Profis auch gute Kriminalromane schreiben?

Vom Strafverteidiger zum Bestsellerautor: Ferdinand von Schirach hat sich in der Literaturwelt längst etabliert.
Vom Strafverteidiger zum Bestsellerautor: Ferdinand von Schirach hat sich in der Literaturwelt längst etabliert. | Bild: Jörg Carstensen/dpa

Erst Tatort-Berater, dann Krimiautor

Ein prominentes Beispiel ist der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach, dessen Romane zu Bestsellern wurden. Profiler Axel Petermann, der auch als „Tatort“-Berater bekannt wurde, hat sich nun ebenfalls ins Krimi-Genre vorgewagt.

Petermann blickt ins Grüne, wenn er über all das Grauen schreibt, das er als Leiter der Bremer Mordkommission erlebt hat. Sein Haus liegt idyllisch am Rande der Großstadt, umgeben von hohen Rhododendren. Sich abzuschirmen gegen all das Leid, den Schmerz, den Horror, den Verbrechen auslösen, das gehört zu Petermanns Beruf dazu. Einige ARD-„Tatort“-Episoden basieren auf seinen Fällen. Drei Sachbücher hat er bisher über seine Arbeit geschrieben – als eine Art Psychohygiene, aber auch um zu zeigen, wie Kriminalisten in Wirklichkeit vorgehen.

Profiler Axel Petermann aus Niedersachsen hat nun auch den Schritt ins Krimi-Genre gewagt.
Profiler Axel Petermann aus Niedersachsen hat nun auch den Schritt ins Krimi-Genre gewagt. | Bild: Carmen Jaspersen/dpa

Aller Anfang ist schwer

Seit vier Jahren ist der drahtige 66-Jährige im Ruhestand, arbeitet aber immer noch als freiberuflicher Profiler und als Autor. Gerade hat er seinen ersten Thriller veröffentlicht – eine ganz neue Erfahrung: „So einen Spannungsbogen aufzubauen ist schon schwierig“, meint er. Deshalb hat er für „Die Elemente des Todes“ mit dem Romanautor Claus Cornelius Fischer zusammengearbeitet. Die Geschichte basiert auf einer Mordserie, mit der Petermann vor vielen Jahren zu tun hatte. Den Plot und die Charaktere hat er entwickelt. Auch Hauptkommissar Kiefer Larsen ähnelt ihm. „Er arbeitet, wie ich das tun würde“, sagt Petermann. Fischer strickte daraus eine Geschichte.

Vom Polizeibericht zum Kriminalroman

Das Erstlingswerk von Carsten Schütte, Niedersachsens oberstem Profiler, liest sich dagegen nüchterner. Im Alltag schreibt er viele Polizeiberichte, und das merkt man auch seinem Kriminalroman „Im Fokus“ an. „So schreibe ich halt“, sagt der Leiter der Operativen Fallanalyse beim Landeskriminalamt in Hannover. Seinen Roman hat er bei einem Glas Wein im Urlaub angefangen und innerhalb von drei Monaten fertig geschrieben. „Ich musste dafür nicht recherchieren“, sagt Schütte. „Ich habe schon Vieles erlebt und den Roman aus vielen Puzzleteilen zusammengesetzt.“

Aus Puzzleteilen zusammengesetzt: Carsten Schüttes eher trockenes Erstlingswerk speist sich aus seinen Erfahrungen beim Landeskriminalamt Niedersachen.
Aus Puzzleteilen zusammengesetzt: Carsten Schüttes eher trockenes Erstlingswerk speist sich aus seinen Erfahrungen beim Landeskriminalamt Niedersachen. | Bild: Julian Stratenschulte/dpa

Authentizität schafft besonderen Nervenkitzel

Neben Büchern beschäftigen sich auch etliche Fernsehserien, Dokumentationen und Podcasts mit wahren Kriminalfällen. „Stern“ und „Die Zeit“ widmen ihnen ganze Magazine. Das True-Crime-Genre bediene zwei Bedürfnisse, die eng miteinander zusammenhängen, meint Jens Kramer von der Krimiautorengruppe Das Syndikat. „Einmal ein schon fast wissenschaftliches Interesse an echter Polizeiarbeit, echten Tätern, echten Verbrechen.“ Das beinhalte aber auch einen voyeuristischen Blick auf echte Opfer.

Axel Petermann drückt es so aus: „Zu wissen, dass das alles wahr ist, schafft einen besonderen Nervenkitzel.“ Es zeige, „dass die Verbrechen nicht ganz so weit von uns entfernt sind wie wir glauben“.

Den Menschen hinter der Tat eine Stimme geben

Der Düsseldorfer Kriminalhauptkommissar Stephan Harbort schreibt seit 24 Jahren Bücher über wahre Verbrechen. Anfangs hatte er Probleme, einen Verlag zu finden. „Damals galt das noch als Schmuddel-Genre.“ Doch das hat sich gewandelt. Nach Harborts Einschätzung wollen seine Leser – oft Krimifans – erfahren, wie die Ermittler in Realität vorgehen und was Mörder antreibt. „Sonst wird dieses Wissen nur durch die Medien gespeist. Dadurch entsteht ein verzerrtes Bild, zum Beispiel über Serienmörder.“ Wie Axel Petermann lässt er dabei auch die Opfer zu Wort kommen. „Die Geschichten sollen zum Nachdenken anregen. Ich will die Menschen hinter den Opfern zeigen, damit diese und ihre Angehörige nicht als Statisten dastehen.“

Weiß, was die Mörder antreibt: Serienmord-Experte und Kriminalist Stephan Harbort ist schon seit 24 Jahre im Krimi-Geschäft mit dabei.
Weiß, was die Mörder antreibt: Serienmord-Experte und Kriminalist Stephan Harbort ist schon seit 24 Jahre im Krimi-Geschäft mit dabei. | Bild: Henning Schoon/dpa

Realität gegen Fiktion

Wie Mörder und Ermittler ticken, weiß keiner besser als die Profis. Macht das ihre Krimis besser als andere? Die Resonanz auf sein Buch sei ganz gut, sagt Schütte. „Es ist sicherlich anders. Aber besser wohl nicht.“ Ähnlich sieht es Petermann: „Ich sage immer, die Realität schreibt die besten Geschichten. Aber schlecht geschriebene Realität ist nie so gut wie gut geschriebene Fiktion.“

Auf dem Krimi-Markt weht auf jeden Fall ein anderer Wind, hat Petermann festgestellt. „Da ist die Konkurrenz viel größer.“ An die Erfolge seiner Sachbücher reicht sein neuestes Werk bisher nicht heran. Trotzdem arbeitet er bereits an seinem zweiten Krimi. Auch Schütte will nachlegen – sobald er im Winter wieder mehr Zeit findet, sich an den Schreibtisch zu setzen. (dpa)