Immer mehr Mediziner behandeln ihre Patienten mit Eisen-Infusionen, gegen Müdigkeit, Erschöpfung, Haarausfall, Schwindel, Konzentrationsschwäche und sogar depressive Verstimmungen. Experten warnen jedoch vor überzogenen Erwartungen. Und vor den Risiken der massiven Eisenschwemme.

Pechschwarz fließt die Infusion aus dem Tropf in den Körper. Hin und wieder empfindet der Patient einen leichten Geruch und Geschmack von Metall, doch ansonsten kann er die ungefähr 90 Minuten der Behandlung nutzen, um ein Buch zu lesen oder einfach nur zu dösen. Immer mehr Menschen hierzulande – in erster Linie Frauen – frischen auf diese Weise ihre Eisendepots auf. Mit einer Infusionsbehandlung, die je nach Dosierung und Dauer über 1000 Euro kosten kann, die der Patient oft aus eigener Tasche zahlen muss. Doch dafür hofft er, künftig wieder Power, Konzentration, gute Laune und volles Haar zu haben- und das ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, bei dem die Eiseninfusionen laut ihren Anbietern helfen sollen.

Schweizer schwören auf Eisen

Ausgangspunkt des neuen Trends ist die Schweiz, wo sich mittlerweile Zigtausend Frauen mit dem „Swiss Iron System“ des Internisten Beat Schaub behandeln lassen. Und das – im Unterschied zu Deutschland – sogar meist auf Kosten der gesetzlichen Krankenkassen. Doch deren Zahlungsbereitschaft sinkt, weswegen Schaub im Mai dieses Jahres eine Demonstration auf dem Bundesplatz in Basel organsierte. Ihre Kernbotschaft: Die Schweiz solle sich nicht der „globalen Eisenlüge“ anderer Länder anschließen, wo „eine männlich dominierte Regierung die Frauen dafür bestraft, dass sie menstruieren“.

Starke Worte, die auch in Deutschland gehört werden, wo sich bereits über 50 Arztpraxen dem Schaubschen Netzwerk angeschlossen haben. Die erste Grundthese dieser Bewegung lautet: Eisen wird nicht nur für die Bildung des Blutfarbstoffes Hämoglobin benötigt, sondern auch für zahlreiche andere Stoffwechselprozesse. Weswegen ein Mangel des Minerals spürbar werden kann, ohne dass gleichzeitig eine Blutarmut vorliegen muss. Diese These gilt mittlerweile unter den Medizinern als unstrittig.

Umstrittener Eisenwert

Strittiger ist da schon die zweite Kernbehauptung der Infusionsanhänger. Demnach bestünde schon bei einem Ferritin-Wert – er beschreibt das Depoteisen im Körper – von unter 50 Nanogramm pro Milliliter Blut ein Handlungsbedarf für Infusionen. Von Schaub selbst war sogar zu hören, dass erst ein Wert von über 100 „einer wohl gesalzenen Brühe“ entspricht. Anderen Internisten graut es in der Regel ob solcher Zahlen. So hat die Weltgesundheitsorganisation WHO erst kürzlich verkündet, dass ein therapiebedürftiger Eisenmangel erst ab einem Ferritin-Wert unterhalb von 15 besteht.

Vorsicht vor Wellness-Mode

Zudem warnt Peter Maisel, der als Leitlinienautor der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) arbeitet: „Eiseninfusionen können ein wichtiges Instrument für die Behandlung von Zöliakie und anderen Erkrankungen sein, bei denen die orale Eisenaufnahme stark eingeschränkt ist. Doch wir sollten aufpassen, dass sie nicht zu einer Wellness-Mode werden.“ So kämen für unspezifische Beschwerden wie Müdigkeit, Erschöpfung, Antriebsarmut und Konzentrationsschwäche auch zahlreiche andere Erklärungen in Frage als ein niedriger Ferritin-Wert, wie etwa eine Schilddrüsenunterfunktion oder eine Depression. Was man umgekehrt auch daran sieht, dass viele Menschen mit niedrigen Ferritin-Werten sogar völlig symptomfrei sind. „Bei den idealen Ferritin-Werten scheint es teilweise große Unterschiede zwischen den einzelnen Menschen zu geben“, so Maisel.Ganz zu schweigen davon, dass auch ein niedrigerer Ferritin-Wert nicht einfach vom Himmel fällt. Er könnte auch die Folge von bestimmten Medikamenten und Ernährungsstilen sein oder von Blutverlusten und gestörter Eisenaufnahme im Magen-Darm-Trakt. „Und das gilt es abzuklären und – wenn nötig – zu behandeln“, so der Allgemeinmediziner, „bevor man an den Eisenwerten arbeitet“.

Skepsis gegenüber Infusionen

Ebenfalls strittig ist die dritte Kernthese der Infusions-Anhänger, wonach man bei niedrigen Ferritin-Werten generell versuchen sollte, mit Infusionen zu behandeln. Denn, so die Begründung, über die üblichen, oral eingenommenen Eisenpräparate oder gar über die Ernährung ließe sich kein nennenswerter Effekt auf den Eisenwert erzielen. Maisel kann dem zwar insofern zustimmen, dass Eisen bei Infusionen nicht den Umweg über den Verdauungstrakt gehen muss, auf dem nicht nur diverse Eisenmoleküle ungenutzt bleiben, sondern auch diverse Nebenwirkungen wie Verstopfung und Bauchkrämpfe entstehen können. „Doch dafür können Eiseninfusionen, gerade weil sie direkt in den Blutkreislauf gelangen, zu schweren Unverträglichkeiten führen, bis zum anaphylaktischen und lebensbedrohlichen Schock“, warnt Maisel.In den letzten Jahren geschehe das zwar nur noch sehr selten, weil die Hersteller ihre Rezepturen verändert hätten. „Doch ein Restrisiko besteht nach wie vor“, betont der Mediziner. Die Hersteller schreiben in ihren Beipackzetteln, dass beim Verabreichen ihrer Infusionen unbedingt Personal und Ausrüstung zur Behandlung eines anaphylaktischen Schocks parat stehen müssten.

Besseres Befinden eingebildet

Der gerade durchstartende Eisen-Hype dürfte sich durch solche Warnungen allerdings nicht aufhalten lassen, denn er wird mehr von Begeisterung als durch gesicherte Fakten getragen. Vifor Pharma, einer der führenden Hersteller von Eiseninfusionen, hat zwei Studien zu seinem Präparat bei der Behandlung von chronischer Erschöpfung finanziert – und dabei berichtete fast jeder zweite Studienteilnehmer von einer deutlichen Besserung seines Befindens, obwohl er nur am schwarz gefärbten Placebo-Tropf hing. Man hatte ihm also nur erfolgreich suggeriert, dass er Eisen bekäme, doch ihm tatsächlich nicht ein einziges Molekül davon verabreicht. Was wieder einmal bestätigt, dass man gerade den Placebo-Effekt von Infusionen nicht unterschätzen sollte.