Für das Kissen holte mein Patenonkel Dai die Säge aus dem Keller. Er trennte ein Stück Holz von der Buche, die sie im Garten hatten fällen müssen. Den Zylinder halbierte er und entfernte mit Feile und Schleifpapier die Rinde, bis kein Splitter mehr dran war und die Rundung genau an den Halswirbeln anlag. So entstand sein Kissen.

Hart aber gesund?

Das war vor einem Jahr. Seither schläft mein Patenonkel Dai Kimoto, 69 Jahre alt, auf einem mit Balsaholz gepolsterten Brett und einem Kissen aus Holz. Und das warf in unserer Familie dann doch gewisse Fragen auf. Das Bett ist Inbegriff von Bequemlichkeit. Warum tauscht er das gegen den Inbegriff von Härte? Glaubt er, darauf besser zu schlafen? Härter zu werden? Oder gesünder? Oder ist es einfach eine weitere seiner asketischen Exzentriken? So wie der 30 Jahre alte Land Rover, mit dem er sich und Gerda, seine Frau und meine Patentante, bis nach Island kutschierte?

Muttersprache Japanisch

„Ohne Plan! Einfach gebaut!“, sagt er, als ich mir seine Pritsche zeigen lasse. Seine Muttersprache ist Japanisch, er spricht in kurzen Sätzen, die er gerne mit einem Lachen beendet. Die hohen Pfosten – damit eine Kommode drunter passt –, die Leiter, das Bücherfach, alles habe er selbst gezimmert. „A so-desu!“, würde der Japaner sagen.

Er führt mir die Stange vor, an der das Badetuch hängt, das er abends als einziges Zugeständnis an die Bequemlichkeit auf die Bretter legt. Alles ist so funktional wie ein Operationstisch. Nur als ich fragend auf die Kristallpyramide neben seinem Holzkissen zeige, lacht er verlegen und sagt erst nichts. Dann nur knapp: „Energie!“

Die Lehren des Katsuzo Nishi

Ich kenne ihn schon lange. Wie er sich für einen Mittagsschlaf einfach rücklings auf den Boden legte. Aber vor ein paar Jahren in Japan, da habe er in einer Buchhandlung die Werke von Katsuzo Nishi entdeckt. Bücher aus den 1930er-Jahren, auch in Japan kaum noch bekannt.

Dai: „Nishi war als Junge sehr krank. Aber dann hat er 360 Gesundheitsmethoden von überall auf der Welt studiert!“

Stimuliert die Rückenlage die Blutzirkulation?

Offenbar kam Nishi bei diesem Studium zum Schluss, dass von allen Unterlagen dieser Welt das Brett die gesündeste ist. In der Rückenlage, glaubte Nishi, stimuliere es die Blutzirkulation und verhindere, dass die Leber träge werde. So wechselte Dai von seinem Futon auf den Boden und dann, als der Boden zu kalt war, auf das Brett auf den Pfosten.

„Man fühlt sich grade“

Aber ist das Brett denn bequem? „Man fühlt sich grade. Wie in der Luft liegend. Ein schönes Gefühl“, sagt Dai. „Hier kurz zu liegen, ist der schönste Moment am ganzen Tag.“ Er schlafe dann aber gleich ein. „Nach fünf oder sechs Stunden wache ich wieder auf. Dann drehe ich mich zur Seite.“

Weil aber Seitenlage auf Holz doch etwas unbequem ist, lege er in den frühen Morgenstunden den Kopf vom Holz- auf ein Hirsekissen und bleibt noch kurz liegen. Aber nur kurz. Das sei eben der Vorteil vom Brett-Bett: „Der Schlaf wird kompakter!“

„Sinnlos“, sagt der Schlaf-Mediziner

Misstrauisch rufe ich einen Schlaf-Mediziner an, Ingo Fietze von der Berliner Charité, der mich schon bei meinen eigenen Schlafproblemen beraten hat. Er hält von alldem: nichts. „Sinnlos“, schimpft er, „die Wissenschaft empfiehlt: Je älter die Schläfer und je mehr Schmerzen sie haben, desto weicher die Unterlage.

Die Bettenhersteller sagen: Eine Matratze, die auf den Schlafenden abgestimmt ist, verteilt das gesamte Körpergewicht gleichmäßig und verhindert so die Entstehung von Druckstellen. Dai Kimoto dagegen glaubt, dass ein hartes Brett als Bett die Blutzirkulation stimuliert. Die Schlafmedizin folgt ihm dabei aber nicht.
Die Bettenhersteller sagen: Eine Matratze, die auf den Schlafenden abgestimmt ist, verteilt das gesamte Körpergewicht gleichmäßig und verhindert so die Entstehung von Druckstellen. Dai Kimoto dagegen glaubt, dass ein hartes Brett als Bett die Blutzirkulation stimuliert. Die Schlafmedizin folgt ihm dabei aber nicht. | Bild: Christin Klose, dpa

Man dreht sich fünf bis zwanzig Mal pro Nacht, was auch mit der Durchblutung der inneren Organe zu tun hat. Auf einem Brett hingegen konzentriert sich der ganze Druck des Körpers auf einzelne Punkte, etwa die Schulter und das Becken. Da werden Haut und Knochen belastet. Kein Schmerzpatient würde sich auf ein Brett legen!“

Das sagt der Chefingenieur der Tokioter U-Bahn

Ich besorge Nishis Buch „The Nishi System of Health Engineering“ von 1936. Seltsamer Titel, aber er passt. Nishi war kein Mediziner. Er war Chefingenieur der ersten Tokioter U-Bahn, interessierte sich aber auch fürs Fasten und Turnen und entwickelte deshalb eine Gesundheitstheorie. Sein Blick auf den Körper wirkt wie der Blick eines Ingenieurs auf eine U-Bahn. So wie eine U-Bahn nicht auf Wolle fahren könne, brauche auch der Körper einen harten Grund, damit das Blut zirkuliert.

Nishi war Ingenieur für die Tokioter U-Bahn. Dort geht es bisweilen so eng und unbequem zu, dass ein einfaches Holzbrett als Bett dagegen der Komfort der Luxusklasse sein mag.
Nishi war Ingenieur für die Tokioter U-Bahn. Dort geht es bisweilen so eng und unbequem zu, dass ein einfaches Holzbrett als Bett dagegen der Komfort der Luxusklasse sein mag. | Bild: Jae C. Hong, dpa

Futon und Matratze waren Luxus

Nur war Schlafen auf Brettern damals nicht ungewöhnlich, sowohl in Japan als auch in Europa. „Aber eher aus Notwendigkeit“, wie mir die Japanologin Brigitte Steger schreibt, die viel zur japanischen Schlafkultur geforscht hat. Arbeiterfamilien schliefen oft auf dem Boden oder Seegras-Matten. Wer es sich jedoch leisten konnte, schlief auf einer Matratze oder – in Japan – einem Futon.

Man dreht sich ständig im Schlaf

Nishis Theorie, die wohl in der Zwischenkriegszeit entstand, hielt sich aber noch aus einem anderen Grund nicht lange. „Man begann den Schlaf systematisch zu erforschen und fand etwa heraus, dass sich der Mensch im Schlaf ständig dreht“, so die Historikerin Hannah Ahlheim von der Universität Gießen.

Alles studiert, was medizinische Vorsorge ist

Nishis Idee vom Brett-Bett ist also nicht gut gealtert. Doch ich glaube, meinen Patenonkel Dai faszinierte ohnehin etwas ganz anderes an Nishis Buch als nur dessen medizinische Überlegungen. Nishi erzählt schon auf den ersten Seiten wenig bescheiden, wie er von einem kränklichen Jungen, dem sein Arzt keine zwanzig Jahre Lebenszeit gegeben habe, ein erfolgreicher Ingenieur geworden sei, der in zwanzig Jahre nicht einen Tag fehlte. Sein Rezept: „Jahre des sorgfältigen Studiums von beinahe jeder Gesundheitstheorie und präventiver Medizin auf der Welt“.

Eine Sammlung von Durchschnittstypen

Die Biografie Nishis rezitiert Dai stets als Erstes, wenn man ihn nach seinem Brett-Bett fragt. Und ich glaube: Er mag solche Figuren. Wir schlafen heute auf weichen Matratzen, weil das die Wissenschaft für gut befunden hat. Aber Wissenschaft ist Statistik, eine Versammlung von Durchschnittstypen. Sie ist so unexzentrisch.

Alles andere als asketisch: die voluminösen Boxspringbetten. In Dai Kimotos Welt wären sie wohl etwas für langweilige Durchschnittsmenschen.
Alles andere als asketisch: die voluminösen Boxspringbetten. In Dai Kimotos Welt wären sie wohl etwas für langweilige Durchschnittsmenschen. | Bild: Möller Design

Ehrlich gesagt: Langweilig. Nishis Geschichte dagegen ist die Geschichte von einem, der mit Fleiß und Ausdauer aus der medizinischen Statistik ausgebüxt ist. Vielleicht stimmt seine Geschichte von der Genesung durch Ausdauer. Vielleicht hat er sie etwas übertrieben. Oder er wurde aus anderen Gründen gesund. Aber es fühlt sich wohl nicht schlecht an, sich in der Biografie eines fleißigen Genies zu betten – selbst (oder gerade, wenn) man dafür auf Brettern schlafen muss.