Herr von Gottberg, ist es bedenklich, wenn Jugendliche Pornos anschauen?

Nein, die Suche nach stimulativen Reizen ist in diesem Alter ganz normal. Sexualwissenschaftler sehen zwar die Gefahr, dass Jugendliche ihre Vorstellung davon, wie Sex zu sein hat, aus der Pornografie ableiten könnten, aber das ist eher die Ausnahme. In den überwiegenden Fällen nutzen männliche Jugendliche Pornos zur sexuellen Stimulanz. Der Konsum endet, sobald sie eine Freundin haben.

Joachim von Gottberg, 67, ist Honorarprofessor für Medienwissenschaften an der Filmuniversität Babelsberg und Vertretungsprofessor am Institut für Musik, Medien- und Sprechwissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Bis Ende 2018 war er 25 Jahre lang Geschäftsführer der 1993 gegründeten Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen in Berlin.
Joachim von Gottberg, 67, ist Honorarprofessor für Medienwissenschaften an der Filmuniversität Babelsberg und Vertretungsprofessor am Institut für Musik, Medien- und Sprechwissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Bis Ende 2018 war er 25 Jahre lang Geschäftsführer der 1993 gegründeten Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen in Berlin. | Bild: privat

Wie können Eltern feststellen, dass ihre Kinder Pornos anschauen?

Im Grunde nur durch Zufall. Und wenn doch, sollten sie Verständnis zeigen und keine große Sache draus machen. Ähnlich wie bei Kinofilmen wissen Jugendliche in der Regel, dass Pornos wenig mit der Wirklichkeit zu tun haben.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen häufigem Pornokonsum und der Ausübung von sexueller Gewalt?

Die These ist umstritten. Es gibt auch die gegenteilige Meinung, dass in Ländern ohne Pornografieverbot Vergewaltigungen seltener sind.

Dann hat der erhebliche Anstieg von Pornografie im Internet keine Folgen?

Ein derartiger Massenmarkt lebt natürlich davon, immer wieder neue und stärkere Reize schaffen zu müssen. Aber wenn man die Befürchtungen, die mit diesen Veränderungen einhergehen, hochrechnet, müsste die Jugend in sexueller Hinsicht geradezu anarchisch leben und Sexualität ausschließlich als Luststeigerung sehen. Tatsächlich belegen Untersuchungen seit Jahren das Gegenteil: Junge Menschen sind mit ihren Träumen von Eigenheim und Familie konservativer als viele andere Generationen seit den Siebzigerjahren.

Das könnte Sie auch interessieren

Weil sie ihre Triebe und sexuellen Fantasien medial ausleben?

Gut möglich. Ein ähnliches Phänomen erleben wir bei der Gewalt. Auch hier haben die Darstellungen deutlich zugenommen, aber Killerspiele haben bisher keineswegs zu einem signifikanten Anstieg der entsprechenden Kriminalstatistiken geführt.

Was können Eltern tun, um ihre Kinder vor Pornografie und Gewalt aus dem Internet zu schützen?

Sie können auf den Computern, die auch für Kinder zugänglich sind, das Jugendschutzprogramm JusProg installieren. Diese Filtersoftware lässt nur solche Angebote durch, die auch für Kinder freigegeben oder in bestimmten Empfehlungslisten aufgeführt sind.

Müssen Eltern mit Kosten rechnen, wenn ihre Kinder heimlich Pornos anschauen?

Pornografie ist ein Geschäftsmodell. Lockangebote sind kostenlos, aber dann kommt sehr schnell die Aufforderung, eine Kreditkartennummer einzugeben und zu zahlen. Deutsche Unternehmen unterliegen einer strengen Regelung, damit gewährleistet ist, dass die Nutzer über 18 sind.