Jede Schule hat ihre Rituale und Gewohnheiten. Sie begleiten den Alltag und gliedern das Schuljahr – vom Abi-Streich bis zum Verkleiden an Fasnacht. An der Fritz-Erler-Schule in Tuttlingen treffen sich die Schüler am letzten Tag vor Weihnachten, um die Ferien einzuläuten.

Interessant daran: Sie nennen es Internationales Frühstück, also nicht Weihnachtsfrühstück oder Adventsbrunch. Das Wort Weihnachten wird seit einigen Jahren vermieden, bestätigt Rektorin Ursula Graf.

Warum eine Party in Tuttlingen nicht Weihnachtsfeier heißt

Auch der Ablauf des Internationalen Frühstücks bestätigt das: Jede Klasse an der Beruflichen Schule erhält ein Land zugeteilt und kocht dann dessen Speisen. „In unserer Schule sind viele Nationen vertreten“, sagt Graf, „da bietet sich das an.“ Manche Zöglinge ziehen sich auch folkloristisch an. Falafel statt Spekulatius also.

Unwillkürlich fragt man: Warum heißt die Party nicht einfach Weihnachtsfeier? Ursula Graf antwortet darauf ausweichend und diplomatisch: Man wolle niemanden ausgrenzen. Rückfrage: Grenzt Weihnachten denn irgend jemanden aus – als Fest der Familie, des Schenkens?

Antwort: Ja, es könnte ausgrenzen. Wen grenzt es aus? Antwort: Es gab bereits Schüler aus den Reihen der Zeugen Jehovas, die Weihnachten fundamental ablehnen. Und: Die Schüler und ihre Vertretung (SMV: Schülermitverwaltung) hätten sich das ausgedacht. Aus Rücksicht.

Das W-Wort und die Korrektheit

Doch wer nimmt Rücksicht auf die breite Mehrheit, für die das Fest noch immer Weihnachten heißt? Auf jene, für die es dieser Tage um gemeinsames Kochen, fröhliche Atmosphäre, Krippenspiel geht?

Im Rahmen einer vermeintlichen Korrektheit wird das W-Wort schleichend aus dem sprachlichen Verkehr gezogen. Und nicht nur das Wort: Mit den Buchstaben verschwindet langsam und sicher die Welt der christlichen Prägung.

Immer wieder berufen sich Schulen und Kindergärten auf die zweitgrößte Religion in Deutschland. Das heißt dann so: Muslime würden sich an christlichen Bräuchen stören, es würde sie verletzen, wenn der Nikolaus im Kindergarten vorbeischaut. Stimmt aber nicht. Es stört die allerwenigsten Muslime. Vielmehr wird der Islam vorgeschoben von säkularen Bürgern, die mit der Kirche gebrochen haben.

Der Religionspädagoge Albert Biesinger sieht einen Trend weg vom christlichen Fest, das dann durch einen neutralen Titel überschrieben wird. Der Martini-Umzug wird zum Laternenfest verkrümelt. Weihnachten wird zur Friedensfeier verdünnt, aus dem Advent das Glühweinevent destilliert. Viele deutsche Eltern wollten „nicht so viel Religion“ für ihre Kinder, analysiert Biesinger. Teilweise beobachtet er Diskussionen, „Gott aus der Kita ganz draußen zu lassen.“

Unter Missionsverdacht

Bundesweit nimmt die Zahl der Kindergärten ab, die Sankt Martin oder Ostern in den Alltag einbeziehen – also mindestens zum Thema machen und erklären, worum es geht. Das gilt nicht nur für kommunale Kindergärten. Auch kirchliche Einrichtungen gerieten unter Druck und stünden unter „Missionsverdacht.“

Dabei haben Erzieher keinen Missionsauftrag. „Mit der Ausgrenzung von Religion tut man Kindern nichts Gutes,“ sagt Biesinger dazu. Es gehe um religiöse Bildung, die auch jenem nützt, der selbst nicht religiös ist.

Gerade in der multireligiösen Gesellschaft sei sie wichtig. Wer von Religion keine Ahnung hat, tappt im Dunkeln. Er verstehe seine eigenen Wurzeln nicht und die der anderen erst recht nicht. Neutralität dürfe nicht in Ignoranz umschlagen.

Ist die Prognose des Experten zutreffend? Für den deutschen Süden eher nicht. Hier halten die Eltern noch überwiegend an alten Bräuchen und deren Namen fest. Für Großstädte wie Berlin oder Hamburg sieht es anders aus.

Sankt Martin: Als Vorbild für Kinder ungeeignet?

Den Kultursenator in Berlin stellt die Linkspartei, die nicht zu den Kirchenfreunden zählt. Es war in Nordrhein-Westfalen, wo Sankt Martin samt Pferd weggeschickt wurden, um die Kinder mit Lampions zu vertrösten.

Die Legende des demütigen Reiters wurde zum harmlosen Lichterumzug abgerüstet. Ein Fest ohne Ross und Reiter.

Gegen Martin werden noch andere Argumente ins Feld geführt: Er behandle den Bettler vom hohen Ross herunter anstatt abzusteigen. Deshalb sei er als Vorbild für Kinder ungeeignet.

Dabei wäre es ungerecht, nur Erzieherinnen nach ihrem Traditionsbezug zu fragen. Auch öffentliche Stellen und Politiker neigen vermehrt dazu, vermeintliche Reizwörter zu vermeiden. Ein Beispiel lieferte jüngst Annette Widmann-Mauz, Vertraute von Angela Merkel und Staatssekretärin für Integration.

Weihnachtsmann verdrängt Nikolaus

Um es nur allen recht zu machen, leitet sie ihre Glückwünsche ein mit den Worten "Egal, woran sie glauben..." Öffentlicher Spott war der CDU-Frau sicher, die bei anderer Gelegenheit gerne mit christlichen Werten hantiert und dann sagt, dass es nicht egal sei, woran man glaubt. Was jetzt?

Eine andere Deformation ist längst international: Der Weihnachtsmann hat den heiligen Nikolaus verdrängt. Zwischen Mecklenburg und Hotzenwald hat sich der gemütliche Onkel mit weißem Bart und roter Zipfelmütze breitgemacht.

Er hat eine rote Nase, trinkt gerne einen und greift dann in den Sack mit Geschenken. Um die schönen Sachen nicht tragen zu müssen, nutzt er ein Elchgespann – auch in Deutschland. Dieser Gemütsmensch ist mittlerweile fest im Dezember verankert. Kinder und Erwachsene tragen rot-weiße Mützen.

Mitra unter Verdacht

Die Konkurrenz gegen den Nikolaus mit Bischofsmütze hat er gewonnen. Der Weihnachtsmann musste nicht einmal verordnet werden. Wie von selbst hat sich der Elch-Onkel eingeschlichen, weil er die Ikone des Konsums ist. Sein Siegeszug war nicht weiter schwer, weil die Türen weit offen standen. Der Zeitgeist hat sie geöffnet.

Der Weihnachtsmann ist heiter, trinkfest, tierliebend und nicht religiös. Als „Nikolaus light“ ist er den meisten willkommen und nicht so gedankenschwer und zürnend wie Nikolaus, der oft den dunklen Ruprecht mitbringt, dessen Fragen und Ruten sich arme Kinder dann stellen müssen.

Nikolaus ist Pädagoge. Erhobener Zeigefinger. Sein Konkurrent, der Weihnachtsmann, nicht. Er gibt sich als Spezialist für das Chillen. So liegen Welten zwischen dem Bischof von Myra und seinem Plagiat.

Inzwischen schwingt das Pendel zurück. In Friedrichshafen befasst sich die Nikolausgilde mit dem Original. „Unser Konkurrent ist der Weihnachtsmann“, sagt Berthold Schwarz, der die Gilde gründete. Mit seinen Kollegen zog er am 6. Dezember nach Vorbestellung in die Häuser.

Vom christlichen Fest zum bürgerlichen Event

Ihre Kleidung lehnt sich an das Original an: Bischofsmitra, gedrechselter Hirtenstab, Kreuz. Die christliche Ursprung ist sofort zu erkennen. Das ist die Absicht. Berthold sagt: „Der Bischof hat wirklich gelebt, er ist keine zusammengeschusterte Märchenfigur. Aber Kinder und Eltern kennen den Unterschied gar nicht mehr.“

Ein Mitglied der Nikolausgilde in Friedrichshafen wartet auf seinen Einsatz. Die Gilde hält an Mitra und Stab fest.
Ein Mitglied der Nikolausgilde in Friedrichshafen wartet auf seinen Einsatz. Die Gilde hält an Mitra und Stab fest. | Bild: Felix Kästle, dpa

Stephan Wahle hat diese Vorgänge genau untersucht. Der Freiburger Theologe spricht bereits von „nach-christlicher“ Kultur. Damit meint er das frühe 21. Jahrhundert, in dem sich viele nur vage an christliche Bräuche erinnern. Doch wissen sie nicht mehr genau, woher diese kommen und wofür sie stehen.

So wandelt sich Weihnachten allmählich von einem christlichen Fest zum bürgerlichen Event. Während der religiöse Gehalt zurücktritt, bleibt eine farbige Kulisse stehen – ein umfassendes Wohlfühl-Programm bis Silvester.

Ein Funke bleibt

Es kreist im Wesentlichen um die Elemente Essen, trinken, Menschen treffen. Diese Elemente sind derart universal, dass sie niemand wehtun. Das weltweite bekannte Datum kann niemanden ausgrenzen, weil es nicht eingegrenzt ist.

Doch stellt Wahle fest, dass ein Funke an Spirituellem bleibt, auch wenn man die Feiertage ausschließlich zwischen Couch, Hausbar und Küche verbringt.

„Viele religiöse Ausdrucksformen leben auch außerhalb der Kirchen weiter,“ hat der Theologe herausgefunden. Das Anzünden einer Kerze ist so eine Ausdrucksform. Auf „sinnstiftende Erfahrungen“ stoße man auch in den Medien oder beim Sport. Dieser Funke bleibt.

Wie ging die DDR mit Weihnachten um?

Frisches Lametta für die Jahresendfeier: Weihnachten ist christlich geprägt, was der offiziellen Ideologie nicht in den politischen Kram passte.

  • Neue Worte: Die SED konnte das Fest und die freien Tage nicht zurückdrängen. Zu fest verankert war Weihnachten in der Bevölkerung. Doch wurde das Wort schleichend ersetzt. Aus dem Weihnachtsgeld für die Werktätigen wurde die Jahresendprämie. Das Weihnachtsoratorium von J. S. Bach wurde zeitweise nicht unter diesem eingespielten Namen, sondern als Jahresend-Oratorium angekündigt.
  • Alte Engel: Der beliebteste Kalauer zielte auf die Engelsfiguren. Sie wurden angeblich als Jahresendflügelfigur bezeichnet, um den Engel nicht erwähnen zu müssen. Tatsächlich finden sich kaum Belege für den verqueren Begriff. Dafür kann man bis heute die Produktion von Engeln aus dem Erzgebirge bestaunen. Sie sind kaum mehr als Träger von himmlischen Botschaften erkennbar, sondern als drollige kleine Menschen dargestellt, die etwa Saxofon spielen radeln.
  • Lametta: „Früher war mehr Lametta,“ heißt es an einer Stelle bei Loriot. In der DDR war viel Lametta, das deutlich leichter war als in Westdeutschland. Nach den Festtagen wurden die Streifen dann säuberlich abgenommen, gebügelt und für das nächste Jahr aufbewahrt.
  • Kuba-Orangen: Zeitzeugen berichten von Orangen aus Kuba, die regelmäßig Bestandteil des Weihnachtsfests im Osten waren. Allerdings waren sie häufig trocken und ließen sich am besten noch versaften.