Herr Liebmann, warum fällt es uns so schwer, faul zu sein?

Um uns herum wird das Leben beschleunigt. Da fällt es uns schwer, das Tempo mal anzuhalten und nicht mitgerissen zu werden. Unser Leben ist endlich, und es gibt so viele Dinge, die wir erleben wollen. Wir könnten etwas verpassen. Das ist ein Grundproblem. Auch der Wettbewerb ist ein Beschleuniger. Wenn wir im großen Spiel nicht mitspielen, könnten wir als Verlierer dastehen – sowohl im Beruf als auch privat. Wer hat mehr, wer hat‘s schöner, wer hat‘s besser? Wer postet das schönste Essen? Das finde ich besonders absurd, denn das Essen soll ja verinnerlicht werden, wird aber veräußerlicht. Es ist nicht mehr dazu da, um den Gaumen zu erfreuen, sondern um damit zu prahlen. Am Ende des Tages interessiert so ein Bild aber keinen Menschen. Faul sein ist auch deshalb schwer, weil die Welt sich technisch so schnell entwickelt. Es gab früher drei Fernsehprogramme, wie viele sind es heute? Auch bei Smartphones ist die Entwicklung rasant. Man hat immer das Gefühl, man kommt nicht hinterher. Das beschleunigt uns und die Gesellschaft.

Faultiere könnten unsere Vorbilder sein – findet der Autor Martin Liebmann.
Faultiere könnten unsere Vorbilder sein – findet der Autor Martin Liebmann. | Bild: Heike Kmiotek, KOMPLETT-MEDIA

Sie sprechen von mehreren Lebenswelten, die alle den gleichen Wert haben, angefangen vom Privatleben über Religion, Bildung und Kunst bis zur Wirtschaft. Nur sie bestimmt aber unser Leben, kritisieren Sie.

Die Ökonomisierung der Lebenswelten ist für mich einer der ganz großen Gründe für die Hetzerei. Früher hat die Familie alles bestimmt, dann kam die Kirche, die gesagt hat, was man tun soll, dann kam der Staat. Jetzt leben wir in einer Diktatur der Ökonomie. Ich bin selbst Unternehmer. Unternehmen müssen Gewinn schaffen, das ist auch in Ordnung. Das Problem ist aber, dass die Werte, die in der Wirtschaft sinnvoll und gut sind, heute auch alle anderen Lebensbereiche dominieren, in denen andere Werte wichtig sind. In der Wirtschaft gibt es den Begriff der Effizienz. Der wird aber nun auch auf die Familie, die Schule und die Freizeit ausgedehnt. Was nicht messbar ist und sich nicht in Zahlen ausdrücken lässt, verliert an Wert, und was sich in eine Rangliste stopfen lässt, gewinnt an Wert. Das macht in unserem Zusammenleben viel kaputt. Ich bin überzeugt, dass das Ganze auch eine Tempofrage ist. Das immer Mehr bringt ja nichts.

Sie sehen ein großes Problem im materiellen Besitz. Man muss sich darum kümmern, ihn erhalten und arbeiten und vielleicht mehr, als einem guttut. Kann man nur wirklich faul sein, wenn man wenig hat?

Das ist unglaublich förderlich. Je weniger man besitzt, desto einfacher ist es. Jeder Besitz fordert von uns Zeit. Ich habe in meinem Leben viele Dinge angehäuft und bin um jedes Stück froh, das ich losgeworden bin. Neben einer „Not-to-do-Liste“ führe ich inzwischen auch einen „Nicht-Einkaufszettel“. Wenn mein Computer noch funktioniert, dann kaufe ich keinen neuen.

Martin Liebmann: Faul zu sein ist harte Arbeit. Eine Ode an den Müßiggang. Komplett-Media, 223 S., 18 Euro.
Martin Liebmann: Faul zu sein ist harte Arbeit. Eine Ode an den Müßiggang. Komplett-Media, 223 S., 18 Euro. | Bild: KOMPLETT MEDIA

Sie werden in Diskussionen ja sicher oft hören: „Wir können doch nicht alle in der Hängematte liegen.“ Was antworten Sie diesen Leuten?

Natürlich ist Wirtschaft wichtig. Aber dieser Überfluss an Dingen müllt unser Leben zu. Das blinde Wachstum ist einfach schädlich, für den Planeten und für uns. Ich finde es besser, viel weniger zu arbeiten, dann bleibt mehr Zeit für Soziales, um Freundschaften zu pflegen, mit den Nachbarn zu reden, ein Fest zu feiern. Nichts tun ist auch klimatechnisch eine Super-Sache. Wer in der Hängematte liegt, verbraucht ja kaum Kalorien. Es muss einen Bewusstseinswandel geben. Das ist genau das Gegenteil von Verzicht, sondern es ist eine Befreiung. Nur können sich das viele noch nicht vorstellen.

Dann bricht ja alles zusammen, werden Sie sofort hören.

Wir haben so viele Menschen, die einsam vor dem Fernseher sitzen. Ist das erstrebenswert? Wir sollten eine Diskussion anfangen, wie viele Dinge wir brauchen und was uns wirklich wichtig ist.

Wie kommen wir vom Bewusstseinswandel zum Handeln?

Es ist an der Zeit, das vorzuleben, und das machen ganz viele. Meine Kinder wollen gar kein Auto mehr haben. Denen ist eine gute Wohngemeinschaft wichtig, wo man Kontakte hat und einander hilft. In unserem Verein zur Verzögerung der Zeit machen wir immer wieder Aktionen. In dem Städtchen, in dem ich lebe, laden wir regelmäßig zum Brunch ein. Jeder bringt was mit, und nichts kostet etwas. Da passiert so viel an Gesprächen und Zuversicht und guter Laune! Unser Motto ist: „Boule, Buletten und Bordeaux“ – das ist wertvoller, als sich das neueste Handy zu kaufen. Es ist eine Befreiung, nicht im Materiellen zu denken, sondern in Beziehungen.

Kann man faul sein lernen? Gibt es da kleine Übungen für den gestressten Westler?

Ich bin ein ganz schlechter Ratgeber (er lacht), und Menschen sind so unterschiedlich. Da hat jeder und jede den eigenen Zugang. Für mich persönlich ist es gut, wie es bei unserem Verein heißt, immer dann innezuhalten, wenn blinder Aktivismus oder partikuläre Interessen Scheinlösungen schaffen. Es geht darum nachzudenken, bevor man etwas macht: Ist das jetzt was Sinnvolles? Wenn man das öfter macht, dann kann man ganz viel bleiben lassen. Es bringt auch mehr Ruhe in einen selbst. Nichtstun, Faulsein oder Müßiggang, das meint nicht, sich fünf Minuten hinzusetzen und mal durchzuatmen, und auch nicht, sich mit einer Tüte Chips vor den Fernseher zu setzen. Das ist dann wieder Konsum. Wenn man vier Stunden nur in die Luft schaut, wird man vieles wahrnehmen. Wie schön ein Baum ist, wie die Wellen aussehen, dass man Teil des Ganzen ist. Man wird unwichtig mit seinen Sorgen, und daraus wächst viel Kraft. Ich bin, und das ist gut so.

Im Internet kann man ja seine Zeit sehr gut zerstreuen. Wie gehen Sie mit Internet und Smartphone um?

Ich habe ein Handy und bin froh darüber. Ich muss aber immer aufpassen, dass ich es nicht zu oft anmache. Ich bin in einem Business-Netzwerk und bei Twitter. Ich habe vor Kurzem meinen zweiten Tweet abgesetzt, und bin da seit acht Jahren. Ich bekomme sonst nicht die Themen, die aus mir heraus entstehen, sondern Themen, die von außen kommen. Ich interessiere mich für Nachrichten, aber nicht für diese ganze Flut, die mir vielleicht noch Angst und Hoffnungslosigkeit vermittelt. Ich möchte meine Zeit nicht mit Handy-Gedaddel verschwenden; da nehm ich mich raus. Ich bin in meiner Firma der Einzige, der kein WhatsApp hat. Mir geht‘s nicht nur um die Muße, sondern auch um die Arbeit. Wie will man denn in einen Flow kommen, wenn alles ständig zerhackt wird? 80, 90 Prozent aller Mails sind eh‘ für den Hugo.

In Ihrem „Verein zur Verzögerung der Zeit“ steckt viel Schalk drin, habe ich den Eindruck. Da gibt es Rote Karten als Zeitverweis und Uhren mit Spiegel-Zifferblatt. Kann uns Humor helfen, aus dem Hamsterrad rauszukommen?

Ohne Humor bewegt sich gar nichts. Mit dem moralischen Zeigefinger kommen wir nicht weiter. Wir Menschen brauchen positive Gefühle, um uns zu begeistern. Da ist Humor das beste Mittel. Die Rote Karte zücke ich oft und verteile sie großzügig. Da muss das Gegenüber lachen und man kommt ins Gespräch über unsere verrückte Welt.