Herr Kirstges, die Klagen über Übertourismus nehmen immer mehr zu – ob in Venedig oder auf Mallorca. Ist der Tourismus bisheriger Natur am Ende?

Nein, das sicherlich nicht. Es gibt immer bestimmte Hot-Spots, die davon betroffen sind. Die kann man aber auf der ganzen Welt an zwei Händen abzählen. Aber an allen anderen Destinationen, ob an der Nordseeküste oder am französischen Atlantik, da gibt es diese Probleme nicht. Manche Medien schüren gern den Eindruck, als wäre das ein weltweites Problem. Das ist es aber nicht. Es gibt viele schöne Flecken auf der Welt, die gern vom Tourismus leben und auch noch Kapazitäten haben.

Warum haben Menschen überhaupt den Trieb zu reisen? Man könnte doch je nach Alter entweder im Fernsehen einen Film oder auf Youtube ein Video zu einem Reiseziel anschauen und spart noch eine Menge Geld.

Der Trieb, der im Menschen gründet, ist Neues zu entdecken. Man will was Neues sehen. Das ist die Grundmotivation, um von Zuhause wegzugehen. Ich will mich herausfordern, ein bisschen Kribbeln spüren. Manchen reicht schon ein Strand in Spanien, damit es kribbelt. Andere buchen eine Tour in Nepal. Die Reize, die mit einem Urlaub verbunden sind, habe ich nur, wenn ich ihn live mache. Bei einem Video habe ich keinen 360-Grad-Rundumblick, Gerüche, Tastsinn, Begegnungen mit Menschen fallen weg, auch das Gefühl, im Taumel des Lebens einer anderen Stadt zu sein: All das kann ich nicht simulieren. Deshalb glaube ich auch nicht, dass virtuelle Formen das Reisen ersetzen können. Selbst eine gute VR-Simulation kann diese Neugier nicht stillen. Im Übrigen ist die menschliche Neugier auch eine gute Eigenschaft, denn ohne sie hätte sich die Menschheit nie so weit entwickelt. Tourismus dient auch der Völkerverständigung. Deutschland und Frankreich haben mehrere Kriege gegeneinander geführt, das wäre heute undenkbar, weil sich die Menschen durch gegenseitige Besuche kennen. Das gilt genauso für andere Länder.

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Aber die überfüllten Städte und Strände und die Proteste zeigen schon, dass jetzt für viele eine Grenze erreicht ist, oder?

Das Problem des Übertourismus ist nicht neu. Schon in den 1970er-Jahren hat man dazu geforscht, wie viele Quadratmeter Strand ein Tourist benötigt und ab welchem Punkt eine Destination überrannt wird. Der Protest manifestiert sich heute aber deutlicher, auch durch soziale Medien. Dann gibt es ja noch Nationen, die noch gar nicht so viel reisen wie wir, etwa die Chinesen. Was das für den Flugverkehr der Zukunft bedeutet, wenn die Chinesen eine ähnlich große Reiseintensität haben könnten wie wir Westeuropäer, das mag man sich nicht vorstellen. Oder die Inder. US-Amerikaner und Kanadier würden gern reisen, die haben aber wenig Urlaub. Wenn sich diese Völker ähnlich wie wir auf den Weg machen, dann wird der Tourismus noch mal stark zunehmen.

Was schlagen Sie als Touristiker vor?

Man kann Tourismus ja nicht verbieten oder einschränken. Das geht nur bei wenigen Zielen, etwa am Grand Canyon oder auf den Galapagos-Inseln. Im großen Stil geht das nicht. Sie können Barcelona nicht einzäunen, um es vor Touristenmassen zu schützen. Staatliche Eingriffe oder Berechtigungsscheine sind in einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung auch nicht wünschenswert. Zu unserer Gesellschaftsordnung gehört nun mal die Reisefreiheit, die kann man nicht abschaffen. Damit würde man die Freiheit einschränken, wie früher in der DDR oder heute in Nordkorea. Destinationen können aber das Unterkunftsangebot verknappen und die Preise erhöhen, sodass nur noch Wohlhabende hinkommen. Das regelt sich über den Marktpreis. Dann kann eben nicht mehr jeder nach Mallorca, dann ist das ein Ziel für Besserverdienende.

Wie groß ist der Einfluss, den soziale Medien auf Reiseziele haben? Kein Facebook-Post aus dem Urlaub ohne schöne Reisebilder…

Soziale Medien haben Einfluss, aber auch Spielfilme. Denken Sie an Herr der Ringe, Game of Thrones oder James Bond. Das führt dazu, dass Leute da plötzlich hinwollen, weil sie den Star und den Drehort toll finden. Das läuft aber eher über die klassischen Medien. Die sozialen Medien dienen da als Beschleuniger, das kann dann eine echte Welle auslösen. Medien beeinflussen die Reisezielwahl also schon. Man darf sie aber auch nicht überschätzen. Ich hatte mal eine Anfrage zum Thema, wie sehr der Island-Tourismus boomt, weil Island in sozialen Medien so angesagt ist. Und da musste ich erklären, dass das, was in einem Jahr auf Island abgeht, an einem Tag auf Mallorca passiert.

Wie finde ich denn dann noch einen Urlaub, der zu mir persönlich passt? Von allen Seiten quäkt es ja an mich ran: Fahr hierhin, fahr dorthin….

Man braucht eine gewisse Urlauberkompetenz und Selbstbewusstsein. Die Gefahr ist natürlich da, dass man über Beeinflussung das Gefühl bekommt, da waren schon alle, nur ich nicht, da muss ich jetzt auch hin. Besser ist zu überlegen: Was passt zu mir, was möchte ich machen? Das ist wie mit Sushi. Viele finden das toll, ich mag das überhaupt nicht. Da muss man selbstbewusst sein zu sagen: Ich muss das nicht haben. Dieses Prinzip kann man aufs Reisen übertragen. Passt dieser Trend zu mir, oder will ich mehr Kultur, mehr Baden, mehr Abseits? Muss ich bei einer Kreuzfahrt unbedingt die Mittelmeer-Route machen, wo es Proteste in den Städten gibt? Ein gutes Reisebüro kann einem sehr helfen. Die Reisekaufleute können die Bedürfnisse ihrer Kunden ganz gut rausfinden – und raten eventuell auch zu einem anderen Ziel.

Wenn man sie noch nutzt und nicht meint, dass man das alles schneller, billiger und besser im Internet bekommt, wie das Klischee so lautet.

Das kann man so nicht sagen. Ein gutes Reisebüro kann das schneller, als wenn man alles selbst zusammensucht. Auch günstiger ist es online nicht unbedingt. Das sind Vorurteile, die so nicht gedeckt sind. Die Zahl der Reisebüros hat zwar abgenommen, aber ein Reisebüro kann auch helfen, eigene Wünsche herauszukristallisieren.

Werden es am Ende nur noch die Reichen sein, die Urlaub machen können?

Wir haben ja den langfristigen Trend der Demokratisierung des Reisens. Damit ist gemeint, dass heute viel mehr Menschen in Urlaub gehen können als etwa vor dem Zweiten Weltkrieg. Da war das Reisen noch für Privilegierte da. Ab den 1950er-, 1960er-Jahren hat sich das dann erweitert. Ich rede jetzt von den westlichen Ländern, nicht von Nordkorea. Jetzt kann jeder Urlaub machen. Das wird auch sicherlich nicht rückgängig gemacht werden, trotz aller Probleme. Tourismus ist ja auch eine Wirtschaftsmacht, das bringt Arbeitsplätze. Denken Sie nur an die Probleme, die die Türkei in den letzten Jahren hatte, mit einem starken Einbruch der Urlauberzahlen, zunächst durch die Anschläge und dann die politische Situation unter Herrn Erdogan. Gewisse Destinationen werden aber eine Strategie einschlagen, sich teurer zu vermarkten, etwa mit Tourismus- oder Mietwagen-Abgaben oder einer Umgestaltung der Hotellandschaft zu höheren Niveaus. Das zieht eine bestimmte Klientel an und eine bestimmte Klientel springt ab. Dann hätte man zwei Pole, nach wie vor Billigtourismus in vielleicht anderen Destinationen als heute, und andererseits höherwertigere, exklusivere, dafür nicht so überfüllte Ziele.

Was war für Sie persönlich die schönste oder interessanteste Reise, die Sie je gemacht haben?

Jede Form von Reisen kann gute Impulse vermitteln. Ein Skiurlaub ist zum Beispiel super, um abzuschalten. Weil Sie nur noch Ski fahren, sich ganz fokussieren, sobald Sie auf der Piste sind. Im privaten Ferienhaus, das hat wieder anderen Charme, ebenso eine Kulturreise, wenn ich in Ägypten Tempelanlagen anschaue. Die Reise, die alle Bedürfnisse abdeckt, die gibt es nicht.

Fragen: Beate Schierle