Vom Denken ins Fühlen überzugehen, das ist die erste Aufgabe. „Danach verinnerlichst du die Langsamkeit. Erst dann kannst du mit den ersten Schritten das Waldbad beginnen.“ Wenn Annette Bernjus, eine von bisher noch wenigen Kursleiterinnen fürs Waldbaden, Gruppen oder Einzelpersonen in den Wald führt, dann kommen die in der Regel nicht mit Wasser in Kontakt. Es ist stattdessen ein Bad in dem, was der Wald freisetzt: Licht, Ruhe, Farben, Geräusche, Gerüche und viel Sauerstoff.

Den Wald mit allen Sinnen wahrnehmen

Die 57-Jährige aus dem hessischen Hofheim praktiziert das japanische Waldbaden, das „Shinrin yoku“ in Verbindung mit Tai-Chi-Übungen. „Ich lade meine Teilnehmer ein zum Schlendern, wir schnuppern an Moos, Pilzen oder Totholz oder ich knabbere an einem jungen Buchenblatt.“ Auch seien Achtsamkeitsübungen und Sinnesreisen zwischendurch ganz wichtig. „Es geht nicht um Esoterik und bei mir muss keiner einen Baum umarmen, aber ich will das Erleben vertiefen und das Bewusstsein öffnen für das, was uns im Wald umgibt.“ Und eine Frage stellt sie grundsätzlich allen Teilnehmern: „Was verbindet ihr mit dem Wald, was bedeutet er für euch? Da fallen dann immer Begriffe, wie Stille, Heimat oder Kindheit.“

Eine neu belebte Beziehung...

Obwohl Natursoziologen eine zunehmende Naturentfremdung vor allem bei der jungen Generation beklagen, pflegen die Deutschen dennoch eine besondere Beziehung zu ihren Wäldern. Schon die germanischen Stämme verehrten die Bäume als Sitz ihrer Götter. Zweifellos aber hatten die Märchen und Sagen, in denen der Wald stets eine bedrohliche Stellung einnahm, ihre jahrhundertelange Wirkung. Erst als die Romantiker im 18. Jahrhundert den Wald neu entdeckten, ihn teilweise verklärt beschrieben, malten und bewanderten, erweckte das eine neue, allgemeine Sehnsucht.

...und trotzdem bedroht

Seit den 1980er-Jahren – ausgelöst durch das Phänomen Waldsterben – wird der Wald als bedrohtes Ökosystem wahrgenommen. Dabei ist der deutsche Wald heute kein Urwald mehr, sondern Rohstofflieferant und gestalteter Erholungsraum. Aber obwohl Deutschland zu dem am dichtesten besiedelten Land Europas zählt, gehört es zu den waldreichsten Ländern der Europäischen Union. Knapp ein Drittel der Gesamtfläche ist bewaldet – und das konstant über 60 Jahre. „Zwar hat der Wald seine politische Symbolqualität in der heutigen liberalen Gesellschaft verloren, aber dennoch bleibt er die zentrale Metapher für die Schönheit und Natürlichkeit unserer Landschaft“, hat es Albrecht Lehmann, bis 2004 Professor für Deutsche Altertums- und Volkskunde an der Universität Hamburg, zusammengefasst.

Wald erweckt Killerzellen

Der Mensch sucht die Nähe zum Wald für vielerlei Freizeitaktivitäten. Jeden Tag bewandern junge und alte Naturfreunde jede Ecke Forst dieses Landes. Mountainbiker eilen über holprige Wege, Jogger, Walker, Gassigeher, Spaziergänger durchlaufen in ihren ganz eigenen Geschwindigkeiten die Wälder. Und mittendrin gibt es nun eine neue Spezies: die Waldbader. Sie schlendern, halten inne, beobachten und stärken ganz nebenbei ihr Immunsystem.

Schon immer war es die gute Luft im Wald, die im Vordergrund stand. Denn Bäume filtern und reinigen die Luft von Staub und gasförmigen Verbindungen und erzeugen gleichzeitig wertvollen Sauerstoff. Davon braucht ein Mensch zum Atmen im Jahr rund 300 Kilogramm. Die Gesamtwaldfläche Deutschlands von circa 11,1 Mio. Hektar erzeugt jährlich in etwa das Eineinhalbfache dessen, was alle Einwohner des Landes in einem Jahr zum Atmen brauchen. Dass die Waldluft die Stresshormone Cortisol und Adrenalin senkt, ist schon lange bekannt. Viele Waldtherapeuten nutzen diese Wirkung bei Burn-out-Patienten. So auch in Japan. Doch japanische Wissenschaftler erforschten in jahrelangen Studien die gesundheitsfördernde Wirkung des Waldes genauer. Allen voran Professor Qing Li von der Nippon Medical School in Tokio, der herausfand, dass Waldluft einen großen Einfluss auf die menschlichen Abwehrkräfte besitzt. Genauer gesagt: Bioaktive Substanzen in der Waldluft erhöhen die Anzahl und Akti­vität der natürlichen Killerzellen sowie den Gehalt der sogenannten Anti­-Krebs­-Proteine im Blut – das unterstützt die körpereigenen Abwehrmechanismen gegen Tumorzellen.

Offiziell veröffentlichte statistische Gesundheitsdaten aus Japan kamen sogar zu dem Schluss, dass in Waldgebieten lebende Menschen signifikant seltener an Krebs sterben als in unbewaldeten Gebieten. Schon seit den 80er-Jahren werden Japaner zum Teil auf ärztliche Verordnung hin zum Shinrin Yoku geschickt. 2007 wurde dann sogar die Japanischen Gesellschaft für Waldmedizin gegründet. In vielen anderen Ländern wird das Waldbaden in sogenannten Forest-Therapy-Centern (Wald-Therapie-Zentren) angeboten.

Bäume kommunizieren mit Düften

Einer, der ein neues Bewusstsein für die Heilkräfte der Natur in Deutschland in Gang gesetzt hat, ist der österreichische Biologe Clemens G. Arvay: „Wir alle wissen, wie aromatisch es unter Bäumen riecht. Die Düfte der Hölzer und Blätter, der Nadeln und Rinden sind jedoch weit mehr als Gerüche in unserer Nase. [...] Was uns als Duft in die Nase steigt, ist Teil der pflanzlichen Kommunikation“, erklärte er 2015 in seinem Buch „Der Biophilia Effekt“. „Bäume, Sträucher, andere Pflanzen sowie Pilze und Mikroorganismen im Boden tauschen über gasförmige Substanzen Botschaften untereinander aus. Sie alle gehören in die Stoffgruppe der Terpene. Mit deren Hilfe informieren Bäume und andere Pflanzen einander zum Beispiel über Schädlinge, von denen sie angegriffen werden. [...] Pflanzen sind in der Lage mittels Terpenen nützliche Insekten anzulocken, die dann als Gegenspieler der Schädlinge auftreten.“ Für den Biologen ein ganz normaler Vorgang.

Es ist also erwiesen, dass Pflanzen mit Tieren kommunizieren. Warum sollten sie das also nicht mit uns Menschen als multisensorische Wesen tun? Die Erkenntnisse des Autors mit den fundierten Ergebnissen aus den japanischen und internationalen Studien sorgen seit drei Jahren für einen steigenden Trend nach waldtherapeutischen Maßnahmen. Den Forschungen zum heilenden Band zwischen Mensch und Natur folgt er mit seinem neu erschienenen Buch „Der Heilungscode der Natur“ weiter und liefert dafür neue wissenschaftliche Beweise. Er sieht – wie einige Krebsforscher auch -, die Chance in Zukunft mit Terpenen wirksame Alternativen zur Chemotherapie zu entwickeln, bei denen die Resistenzbildung nicht mehr möglich ist.

"Die Schönheit des Waldes zu vermitteln, das ist mein Beitrag zum Naturschutz." Annette Bernjus, Gesundheitsberaterin | Bild: Annette Bernjus

Schutz und Liebe für den Wald

Die Zahl seiner Anhänger und derer, die auf die gesundheitsschützenden Wirkungen des Waldes setzen, ist mittlerweile groß. Dazu gehört auch Bernjus: „Vor drei Jahren ist das Thema durch das Buch von Clemens G. Arvay förmlich zu mir gekommen, denn immer mehr Menschen haben bei mir nachgefragt, ob ich Waldbaden anbieten würde“, erzählt die Entspannungspädagogin. Mittlerweile hat sie die Akademie für Waldbaden gegründet und 50 Teilnehmer in einem Lehrgang in der neuen Disziplin ausgebildet.

Immer mehr Kur- und Heilbäder-Orte fragen bei ihr an. Kürzlich hat sie Schweizer Forstwirte durch die Wälder geführt und vor ein paar Tagen eine Einladung nach Transsilvanien erhalten, dort sei man auch am Thema Waldbaden interessiert. Wo sie den Menschen die Langsamkeit und das Eintauchen in den Wald lehrt, das ist ihr egal: „Die Schönheit des Waldes zu vermitteln, das ist mein Beitrag zum Naturschutz.“

Welches Blatt gehört zu welchem Baum? Testen Sie Ihr Wissen im Quiz rund um unseren Wald. Mehr im Internet unter: http://www.suedkurier.de/9703493

Der Wald als Erholungszentrum

  • Terpene: Pflanzen kommunizieren zielgerichtet über chemische Substanzen (Terpene). Dies sind Moleküle, die bestimmte Informationen und Botschaften enthalten. Diese bioaktiven Substanzen in der Waldluft erhöhen Anzahl und Akti­vität der natürlichen Killerzellen beim Menschen und unterstützen so die körpereigenen Abwehrmechanismen gegen Tumorzellen. Die ätherischen Öle und Terpene sind bei Nadelbäumen mehr vorhanden. Die Konzentration der Terpene steigt im April/Mai stark an und erreicht ihr Maximum im Juni und August. Auch im Waldesinneren und in Bodennähe ist sie höher als am Waldrand oder in den Baumwipfeln. Bei feuchtem Wetter, nach Regen und bei Nebel, befinden sich außerdem ebenfalls besonders viele Terpene in der Waldluft.
  • Waldbaden (Forest Bathing oder Shinrin yoku): Waldtherapie und Forest Bathing (Waldbaden) ist eine forschungsbasierte Methode im Rahmen der neuen Naturtherapien, die darauf abzielt, das Lebens- und Ökosystem Wald angeleitet und begleitet durch fachlich geschulte Experten (Waldtherapeuten, Wald-Gesundheitsberater) als gesundheitsfördernden und heilsamen Erfahrungsraum zu nutzen. Es kann in verschiedenen Arbeitsfeldern und Berufen, wie Kinder- und Jugendarbeit, Erwachsenenbildung und Lebenshilfe, in Psychotherapie, Rehabilitation mit Suchtkranken in Therapieeinrichtungen oder freier Praxis eingesetzt werden.
  • Weitere Informationen dazu gibt es bei der Deutschen Gesellschaft für Naturtherapie, Waldtherapie/Waldmedizin und Green Care – DGN e.V. In Japan ist Waldmedizin eine anerkannte Heilmethode. Shinrin Yoku ein gängiges Mittel der Prävention. Mehr Informationen unter http://www.waldbaden.de