Demnächst werde ich ein Schild vor meine Haustür hängen. Darauf ist zu lesen: "Lieber Gast, bei uns musst Du Deine Schuhe nicht ausziehen!" Dieser Hinweis scheint mir inzwischen dringend geboten. Denn es kommt kaum noch Besuch ins Haus, der – kaum hat man die Tür geöffnet – fragt, ob man die Schuhe ausziehen solle. Wir Deutschen scheinen uns zu einem Volk von Schuhausziehern entwickelt zu haben. So habe ich mit Verblüffung festgestellt, dass manche der Gäste selbsttätig ihre Schuhe abstreifen, obwohl es draußen staubtrocken ist und sie gar keinen Straßendreck hereingetragen haben und ich (oder meine Frau) sie auch gar nicht darum gebeten haben, auf Socken weiterzulaufen.

Doch scheine ich mit meiner schuhfreundlichen Liberalität auf einsamem Posten zu stehen. Das erlebe ich immer, wenn ich selbst zu den Besuchern gehöre und in leisem Ton (als plage den Gastgeber ein schlechtes Gewissen) darum gebeten werde, meine Schuhe auszuziehen. Wenn ich Parkettboden sehe, habe ich sogar Verständnis, denn Steinchen in der Sohle könnten das Holz böse verkratzen. Manchmal wird die Bitte aber ganz anders – und zwar hygienetechnisch – begründet: "Ja, weißt Du, die Kinder . . . ". Ich frage mich, welche topgefährlichen Bazillen und verheerenden Keime ich hier möglicherweise eingeschleppt habe und betrachte besorgt meine Schuhsohlen.

Ich erspare mir einen Vortrag zur Frage, ob nicht gerade der aseptische Umgang mit dem Nachwuchs zu dessen zunehmender Allergie-Anfälligkeit beiträgt, sondern stelle brav meine Stiefel neben die Fußmatte. Eine leicht säuerliche Miene muss ich unterdrücken, wenn die Gastgeber auf bereitgestellte Puschen verweisen, auf denen ich gerne weiterlaufen könne . . . Dann will ich nicht unhöflich sein, schiebe den Fuß in irgendwelche Filzlatschen, die mir zwei Nummern zu klein sind, und versuche, mir nichts anmerken zu lassen.

Ich bin mir sicher, dass immer mehr Gäste von ihren Gastgebern auf diese Weise gequält und zu Pantoffeltierchen gemacht werden. Aber die Selbstgleichschaltung in dieser Sache scheint keine Grenzen zu kennen: Manche Gäste bringen ihre Pantoffeln gleich selber mit! Möglicherweise handelt es sich – psychologisch betrachtet – um eine Äußerung des kollektiven schlechten Gewissens, was uns Deutsche angesichts unserer militaristischen Vergangenheit erfasst. Wir schämen uns eben, dass Opa in Knobelbechern in fast ganz Europa einmarschiert ist.

Angesichts dieser Umerziehungswelle wundere ich mich nicht mehr, wenn ich auf den Filzlatschen zur Gästetoilette geschlurft bin und mit dem Schild "Beim Pinkeln bitte setzen" konfrontiert werde – zuweilen bereichert durch den Zusatz "Klobrille hochklappen!" In Puncto Sauberkeit scheint man sich in Deutschland untereinander nur noch mit Misstrauen zu begegnen.

Die neudeutsche Erziehungskultur provoziert meine anarchistische Ader, und ich erledige die Dinge so, wie ich es von zuhause gewohnt bin, wobei hygienische Standards durchaus eingehalten werden. Allerdings macht man sich in solchen Zwangstoiletten auf weitere schriftliche Befehle gefasst. Etwa: "Bitte Hände waschen!" Besser: "Hände waschen und Seife benutzen!" Oder: "Nach dem Händewaschen den Wasserhahn schließen!" Gefolgt von einem "Licht aus und Türe zu!"