Mit sich und Gott im Reinen: Christoph Schlick heute.
Mit sich und Gott im Reinen: Christoph Schlick heute. | Bild: Christian Jungwirth

Herr Schlick, welche Gewohnheiten haben Sie sich aus Ihrer Zeit als Mönch bewahrt?

Ein Rhythmus mit Gebets- und Arbeitszeiten hat etwas sehr Positives. Deswegen nehme ich mir bis heute jeden Tag Zeit zum Meditieren, Innehalten und Beten. Diese Zeiten sind natürlich nicht mehr so intensiv wie früher, manchmal schwappt der Tag auch einfach so drüber. Ich versuche mir auch einmal pro Monat, in einem Kloster einen Tag der Stille zu nehmen.

Wie sah Ihr Tag im Kloster aus?

Nach der Gebetszeit war der frühe Morgen für die persönliche Betrachtung, Ruhe und Meditation gedacht. Gemeinsame Messe war um 9 Uhr, danach folgte Arbeitszeit bis zum Mittagessen. Dann wurde gearbeitet bis zur Gebetszeit um 18 und 20 Uhr. Je nachdem, welche Aufgaben man hatte, musste man auch Abstriche von diesem Rhythmus machen. So war ich über zehn Jahre Leiter unseres Bubeninternats. Da konnte ich nicht zu den Jungen sagen, jetzt seid ihr mal brav, weil Gebetszeit ist.

Sie sind mit 19 Jahren eingetreten, als junger Mensch, wo es einen eigentlich in die Welt zieht. Warum?

Mich hat Spiritualität und Kirche immer schon interessiert. Als Junge war ich Messdiener. Meine Familie ist katholisch, aber nicht übermäßig fromm. Im vorletzten Schuljahr habe ich das Kloster kennengelernt. So ist der Entschluss gereift, dorthin zu gehen.

Christoph Schlick mit Schülern des Jungeninternats auf einer Wiese vor der Abtei.
Christoph Schlick mit Schülern des Jungeninternats auf einer Wiese vor der Abtei. | Bild: privat

Und wie hat Ihre Familie reagiert?

Meine Familie war überhaupt nicht begeistert. Im Nachhinein war es auch ein Aufbegehren, ein revolutionärer Entschluss gegen das System Familie, die andere Vorstellungen davon hatte, wie es mit mir weitergehen soll.

Als Jugendlicher hat man Spaß daran, Freunde zu treffen, auf Partys zu gehen, man verliebt sich das erste Mal – hat ihnen das nicht gefehlt?

Ich bin natürlich auch gerne auf Partys gegangen und habe mich verliebt. Aber aus heutiger Sicht betrachtet, würde ich sagen, dass es eine Werteentscheidung war: Mir war das andere wichtiger. Ich habe schon gewusst, worauf ich verzichte.

Heute haben die Klöster eher Nachwuchssorgen. Wenn zu Ihnen heute ein junger Mensch käme, der ins Kloster eintreten möchte, was würden Sie ihm sagen?

Ich würde ihm raten, nicht mit 19 Jahren einzutreten, sondern erst eine Berufsausbildung oder ein Studium abzuschließen. Durchaus mit der Option einzutreten, aber sich zunächst selber kennenzulernen. Mit 18, 19 Jahren kennt man sich noch nicht.

Was war der Auslöser, dass Sie nach 24 Jahren ausgetreten sind?

Ich habe mich über Jahre allmählich gelöst. Nach 17 Jahren war eine Abtwahl, weil der alte Abt zurückgetreten ist. Dabei ist mir bewusst geworden, dass wir als Gemeinschaft keinen gemeinsamen Nenner haben, was uns wichtig für die Zukunft ist. Wir konnten uns auch nicht einigen auf jemanden, der uns führen soll und hatten eine provisorische Leitung über drei Jahre. In dieser Zeit hatten wir uns vorgenommen, uns weiter zu entwickeln. Das ist aber nicht passiert. Ich ließ mich zunächst beurlauben, bin dann aber nicht zurück.

Was wollten Sie denn konkret ändern?

Es war mir ein großes Anliegen, dass wir gemeinsame Werte und Ziele für die Gestaltung unserer Zukunft, unseres Gemeinschaftslebens unserer Aufgaben suchen und finden. Benediktinische Spiritualität und die Aufgaben eines Klosters leben von Tradition und Beständigkeit und trotzdem braucht es immer wieder eine Aktualisierung für heutige Herausforderungen. Leider standen aber aus meiner Sicht sehr viele persönliche Interessen im Vordergrund. So waren die zuerst mit viel Elan begonnenen Gespräche bald wieder eingeschlafen, da es für die meisten scheinbar bequemer war, beim Status quo zu bleiben.

Sie beraten heute auch Unternehmen, in denen es Konflikte gibt. Gibt es Parallelen zum Kloster?

Im Kloster menschelt es natürlich wie in Unternehmen – tagtäglich. Die Themen sind menschliche. Wenn man in einem Unternehmen vergisst, dass es dort Menschen gibt, die ihre Probleme mitbringen, dann funktioniert das nicht – weder im Unternehmen noch im Kloster.

Wie würden Sie Ihren Glauben an Gott beschreiben?

Für mich ist Glaube eine sehr tiefe Erfahrung der Verbundenheit, des Vertrauens, der Sicherheit meines Lebens. Ich fühle mich damit sehr getragen, mit allem, was ich in meinem Leben erlebt habe.

Wer oder was ist Gott für Sie?

Er ist der Ursprung des Lebens, der mich ins Leben gestellt hat und mir zutraut, in diesem Leben etwas zu erfahren, der es sehr gut mit mir und uns meint, wenn wir uns auf ihn einlassen.

Sie haben sich ja auch kurze Zeit, nachdem Sie ausgetreten sind, verliebt...

Ja, drei Monate nachdem ich mein Austrittsgesuch nach Rom geschickt hatte, habe ich meine Frau kennen gelernt. Wir haben zwei Jahre später geheiratet.

Ihr neues Buch trägt den Titel „Schick die Affen spielen“. Wofür stehen denn die Affen?

Im Englischen steht der Begriff „monkey mind“ für das Gequassel im Kopf. Wir sprechen ja mit uns selbst angeblich 400 Wörter in der Minute. Da gibt es diese inneren Stimmen, die einen ständig hinterfragen: Du bist nicht schön, nicht schlau, nicht gut genug. Wenn wir es hinkriegen, uns von diesen Gedanken zumindest für einen Moment zu verabschieden, dann schicken wir die Affen raus. Mit diesem inneren Bild gelingt es einem, freier zu werden. Das ist die Idee dahinter.

Sie beraten Menschen in Sinnkrisen, schwierigen Lebenslagen oder die mit plötzlichen Krankheiten konfrontiert sind. Mit welcher Grundhaltung begegnen Sie ihnen?

Meine Grundhaltung dabei ist, den Menschen zu vermitteln: Du hast das Potenzial in dir, das zu schaffen. Ich bin nicht der Meister deines Lebens, sondern das bist du selbst. Ich helfe dir nur dabei zu entdecken, wie man mit diesen Situationen umgehen kann. Denn wenn ich als Berater meine zu wissen, wie die Lösung für das Problem aussieht, bin ich schon auf dem Holzweg. In der Therapie und Seelsorge entstehen oft zu große Abhängigkeiten. Das darf gar nicht passieren.

Sie selbst haben schwere Schicksalsschläge erlebt: Eine Ihrer Zwillingstöchter starb vor der Geburt, weil die Nabelschnur verknotet war, die andere ist seitdem schwerst behindert. Lebt Ihre Tochter bei Ihnen?

Ja. Sie kann nicht sprechen, sich nicht selbst bewegen, nicht sitzen, sich nicht vom Rücken auf den Bauch drehen, nicht selber essen.

Kann sie lachen und artikulieren, wenn ihr etwas nicht gefällt?

Ja, sie kann auch zeigen, wie es ihr geht und wann ihr etwas gar nicht passt. Man kann mit ihr, wie mit Menschen, die solche Beeinträchtigungen haben, auch kommunizieren.

Sie kennt Sie und weiß genau, wenn Sie bei ihr sind...

Ja, genau.

Haben Sie, als das passierte, mit Gott gehadert oder sich an Hiob erinnert gefühlt, der viele Schicksalsschläge erleiden musste und trotzdem an seinem Glauben festhielt?

Hiob ist für mich ein gutes Beispiel: Ich kann schon auch sagen, dass ich gar nicht verstehe, warum das jetzt passiert. Auf der anderen Seite bin ich sehr dankbar, dass ich mein Grundvertrauen nie angezweifelt habe. Es wird schon seinen Sinn machen. Hiob hat ja auch gesagt: Der Herr hat gegeben und genommen. Aber sein Name sei geheiligt. Er bleibt bei ihm.

Ihre Frau ist vor einem Jahr gestorben. Haben diese Erfahrungen ihren Blick aufs Leben verändert?

Ich bin aufmerksamer, achtsamer und dankbarer für die kleinen Momente geworden. Ich lebe mit der Grundüberzeugung, dass das Leben sinnvoll ist. Wenn ich morgens den Tau im Gras sehe oder mich mit der Nachbarin unterhalte, dann sind das Momente, die ich bewusst wahrnehme.

Wie gehen Sie mit Situationen von Klienten um, die verglichen mit dem, was Sie durchgemacht haben, so viel weniger Grund zum Zweifeln haben, wie der Manager, von dem Sie erzählen, der sich das Bein brach in einem Moment der Unachtsamkeit, und dessen Welt völlig zusammenstürzte, obwohl er eine glückliche Ehe führte und gesunde Kinder hatte?

Ja, ich bin ja auch Mensch, diese Gedanken habe ich durchaus. Ich darf mich auch mal ärgern, wenn jemand zu träge ist, bestimmte Schritte zu gehen, um seine Situation zu verändern. Doch ich habe nicht das Recht zu werten. Wenn jemand in einer Krise steckt, dann ist sie für ihn das große Problem, unabhängig davon, was ich darüber denke.

Fragen: Birgit Hofmann

"Schick die Affen spielen", wie Potenziale realisiert werden können. Christoph Schlick, Kösel-Verlag, 18 Euro.
"Schick die Affen spielen", wie Potenziale realisiert werden können. Christoph Schlick, Kösel-Verlag, 18 Euro. | Bild: Kösel Verlag

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Christoph Schlick erzählt davon, wie er eine schwerkranke Frau beriet.
Ein Auszug aus seinem Buch:

"Daniela W. ist eine Frau, Mitte vierzig, in ihren besten Jahren. Gut aussehend, mit einem liebevollen Partner an ihrer Seite und zwei langsam erwachsen werdenden Söhnen. Seit einigen Jahren hat sie auch den Wiedereinstieg in ihren so geliebten Beruf in einer angesehenen Galerie geschafft. Sie liebt es, sich mit Menschen aus allen Gebieten der Kunst und des Geisteslebens auseinanderzusetzen, sie wird ob ihrer Kompetenz gerne als Rednerin bei Ausstellungseröffnungen eingeladen und freut sich, Menschen fördern zu können.

Besonders ihr jüngerer Sohn scheint schon jetzt ihre Leidenschaft für Kunst zu teilen, und das macht sie besonders stolz. Ihr Mann, Redakteur für eine international agierende Wirtschaftszeitschrift reist sehr viel und sie kann ihn oft begleiten. Und dann: Auf einer Reise bekommt sie Schwindelattacken, von denen
sie sich nicht mehr erholt. Nach Hause zurückgekehrt, wird sie in der Maschinerie klinischer Untersuchungen fast aufgesogen. Plötzlich stellt sich alles infrage. Nichts ist mehr, wie es sein sollte oder zumindest hätte sein können … Endlich hat die Unsicherheit ein Ende, aber der Ausgang ist noch schlimmer: ein bösartiger Tumor im Kopf!

Die Gefühle fahren Achterbahn. Ihr Mann ist aus der Bahn geworfen, ratlos, zweifelnd an allem, was ihm wichtig schien. Ihre Söhne sind wie in Trance, versuchen zu verdrängen. Sie haben natürlich nie mit so einer Nachricht gerechnet und schon gar nicht gelernt, damit umzugehen. Das Umfeld aus Familie, Freunden und Beruf kann es nicht glauben. Sie selbst kann und will die Diagnose zuerst auch nicht akzeptieren. Lähmung macht sich breit. Über ihr bisher so buntes Leben legt sich ein grauer Schleier von Angst, Unsicherheit, Wut und Depression … Am liebsten würde sie einschlafen und sollte sie je wieder aufwachen, erkennen, dass alles nur ein böser Traum war … Über allem schwebt die bohrende Frage: Warum? Warum ich? Warum jetzt? War’s das jetzt?

Die Therapien beginnen, ein Operationstermin wird vereinbart und auch der Kontakt mit komplementären Heilansätzen wird gesucht. Doch alle geben sich sehr zurückhaltend und es wird ihr möglichst deutlich vermittelt, dass die Chancen schlecht stünden. Eine Freundin schickt ihr einen Dokumentationsfilm über spontane Heilungen, in dem über einen Menschen berichtet wird, der durch das Hören eines Musikstücks wieder Mut bekommt. Da sie neben der bildenden Kunst auch Musik so liebt, macht sie das aufmerksam. Und sie beginnt neuen Mut zu schöpfen. Vielleicht gibt’s auch für sie einen neuen Weg?

In diesen Wochen kommt Daniela zum ersten Mal zu mir. Wir unterhalten uns über den immer gesunden Geist im Menschen, über die lebendige Dynamik in uns, über das Unerwartete und Kreative, das in uns allen wohnt. Fast ungläubig sieht sie mich an und ich verstehe mich ganz plötzlich als Botschafter oder Zeuge einer "anderen" Welt. Als einer der mit Be-GEIST-erung eintritt für die Dynamik des Lebens, für den Mut und die Trotzmacht. Ich versuche, bekannte Floskeln zu vermeiden und einfach durch meine tiefe Überzeugung Hoffnung auszustrahlen. Ganz behutsam versuche ich sie zu begleiten, ihr Mut zu machen, ihr Leid ernst zu nehmen, aber nicht ins Mitleid zu verfallen. Das scheint ihr gutzutun.

Die Musik, die sie nun ganz bewusst zu hören beginnt, wirkt keine Wunder, aber sie lässt sie ruhiger werden. Wenn die Angst und der Zweifel hochkommen, hat sie nun ein Mittel gefunden, wieder "zu sich" zurückzukehren. Und ganz langsam kommen die Impulse aus unseren Gesprächen an. Sie beginnt eine Wendung von der bohrenden Frage des "Warum?" zur öffnenden Frage des "Wofür?".

Und wie sie berichtet wirklich überraschend, ja ganz plötzlich schießt ihr der Gedanke ein: Ich will leben! Für meine Kinder, für meinen Mann, für das Schöne, das auf mich wartet, für die Begegnung mit Menschen, für, für, für … Eine Welle an Lebenskraft und vor allem Lebenswillen kommt hoch und macht ihr Mut. Klar, die nötige Chemotherapie belastet sie sehr, doch die Operation kann – nach Wochen des Bangens und Hoffens – abgesagt werden. Sie erholt sich viel schneller, als die Ärzte das vermutet hätten. Meinen Hinweis, sich doch jeden Tag in der Früh zwei kleine Punkte aufzuschreiben, wofür sie heute leben will, verfolgt sie mit großem Eifer. In einigen Wochen hat sie ein kleines "Schatzbüchlein", wie sie es nennt, zusammengetragen, mit ganz vielen kleinen und größeren Wofürs. Ein Spaziergang mit einem der Söhne, ein Gespräch mit einer Freundin, ein gutes Essen mit ihrem Mann, auch wenn sie durch die Chemo noch kaum etwas schmeckt – die gemeinsame Zeit ist ihr Lebenskraftelixier.

Und ganz ohne meinen Hinweis beginnt sie eines Abends dieses Büchlein zu ergänzen mit Notizen wofür sie heute dankbar ist. Ein Blick auf die ziehenden wunderschönen Wolken am Himmel, die Erinnerung an eine Begegnung, das aufbauende Gefühl beim Hören einer neuen Interpretation eines Stückes ihres Lieblingskomponisten … Ihr erstes großes Ziel ist es, am Maturaball ihres älteren Sohnes wieder tanzen zu können. Vor wenigen Monaten hätte das niemand geglaubt. Sie will aber ihre Lebensfreude austanzen, wie sie sagt – und ihre Augen strahlen! Fast stiehlt sie ihrem Sohn die Show bei diesem Ball …

Die Gespräche mit Daniela sind nun Jahre her. Ihr Tumor ist nicht wiedergekehrt. Und noch immer steht sie jeden Morgen auf mit dem kurzen Gedanken: Wofür heute? Für meine Freude und Lust am Leben!"