Als deutsche Truppen am 12. März 1938 in Österreich einmarschierten, breitete sich im benachbarten Liechtenstein die Angst aus. Viele der 10.000 deutschsprachigen Liechtensteiner fragten sich: Wird der deutsche Diktator Adolf Hitler seinen Blick auch auf das kleine Fürstentum werfen? Wird Hitler Liechtenstein schlucken? Alarmiert vor der braunen Gefahr begab sich der Regierungschef Liechtensteins, Josef Hoop, zum Fürsten von Liechtenstein, Franz I. Liechtensteins Herrscherfamilie, eine der ältesten österreichischen Adelsdynastien, residierte ausgerechnet im entfernten Wien, das nun in der Hand Hitlers war.

„Diese Zeit des sogenannten Anschlusses Österreichs an Deutschland war sicher eine der bedrohlichsten in der Geschichte unseres Landes“, sagt Rainer Vollkommer, der Direktor des Landesmuseums in Liechtensteins Hauptstadt Vaduz. „Wenn wir in diesem Jahr den 300. Geburtstag Liechtensteins feiern, sollten wir auch dankbar sein, dass wir unsere staatliche Souveränität bewahren konnten.“

Wahrung der Selbstständigkeit Liechtensteins

Ab diesem Mittwoch steigen in Liechtenstein die Feste. Denn genau 300 Jahre zuvor, am 23. Januar 1719, fasste Kaiser Karl VI. die Grafschaft Vaduz und die benachbarte Herrschaft Schellenberg zusammen und erhob das Gebiet zu einem Reichsfürstentum mit dem Namen Liechtenstein. Vorher hatte Fürst Johann Adam Andreas von Liechtenstein die ärmlichen aber reichsunmittelbaren Territorien Vaduz und Schellenberg erworben. Die Herrschaft über reichsunmittelbare Gebiete war notwendig, um dauerhaft im Reichsfürstenrat Platz zu nehmen. Nachdem der Aufstieg geschafft war, zeigten die Fürsten von Liechtenstein nicht gerade großes Interesse für ihren Staat. Als erster Fürst stattete Alois II. im Jahre 1842 seinem Liechtenstein einen Besuch ab, 123 Jahre nach der Staatsgründung. Bis 1938 genossen Liechtensteins Staatsoberhäupter ein Leben in ihren prunkvollen Schlössern in Wien und in der damaligen Tschechoslowakei – sie verschmähten das karge Vaduz.

Dieses Kuriosum ließ sich nach der Einverleibung Österreichs durch das Dritte Reich 1938 nicht mehr aufrechterhalten. „Der todkranke Fürst Franz I. und Regierungschef Hoop legten auf ihrer Wiener Krisensitzung, die am Wochenende des sogenannten Anschlusses stattfand, klare Ziele fest“, erläutert Historiker Vollkommer, der über die Ereignisse eine Ausstellung organisierte. „Die staatliche Selbstständigkeit Liechtensteins mit der engen Anbindung an die Schweiz sollte unbedingt gewahrt werden, gleichzeitig wollte man das Dritte Reich nicht reizen.“ Liechtenstein wäre der deutschen Wehrmacht völlig schutzlos ausgeliefert gewesen. Das wirtschaftlich schwache Miniland verfügte noch nicht einmal über eine Armee. Im Jahre 1868 hatte Fürst Johann II. die Streitkräfte abgeschafft.

Zu unbedeutend für den Führer

Angesichts der Spannungen erschien Thronfolger Franz Josef am 18. März 1938 in Liechtenstein. Dort sollte er in Zukunft residieren – und damit den Anspruch auf ein unabhängiges Liechtenstein untermauern. Auch der Landtag von Liechtenstein pochte auf die Eigenständigkeit des Landes. Ganz vorne kämpfte der Landtagspräsident Anton Frommelt, ein katholischer Pfarrer, für das Weiterbestehen des Staates. Doch schwirrten in den Märztagen 1938 wilde Gerüchte über eine bevorstehende Annexion oder über eine Beruhigung der Lage umher, auch in den Zeitungen des Auslandes. So meldeten am 17. März die Neuen Zürcher Nachrichten: „Liechtenstein bleibt unabhängig“. Zwei Tage später, am 19. März, hieß es in der Arbeiterzeitung aus Winterthur: „Doch Anschluss Liechtensteins?“

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Keiner der Journalisten wusste, dass sich Hitler am 18. März entschieden hatte. Der Hasardeur an der Spitze des Deutschen Reiches wollte Liechtenstein nicht. „Wunsch des Führers … dass wir uns nicht einmischen“ heißt es in einer handschriftlichen Randbemerkung auf einem Dokument des Berliner Auswärtigen Amtes vom 19. März 1938. Der „Wunsch“ Hitlers blieb jedoch unter Verschluss. Liechtenstein sei für Hitler zu unbedeutend gewesen, so hält der Historiker Donat Büchel in einer Schrift des Landesmuseums fest. „Nach dem Anschluss Österreichs war Hitler zudem um den Eindruck bemüht, er wolle Frieden in Europa.“

Tatsächlich blieb Liechtenstein von der Eroberungsgier der NS-Führung verschont. Nach dem Tod von Franz I. im Juli 1938 folgte ihm Franz Josef II. als Fürst von Liechtenstein. Franz Josef II. ließ sich als erstes Staatsoberhaupt von Liechtenstein in Liechtenstein nieder, auf Schloss Vaduz.

Die zehn kleinsten Staaten der Welt

Heute feiert Liechtenstein sein 300-jähriges Bestehen. Das Fürstentum in den Alpen ist das sechstkleinste Land der Welt. Wer gehört sonst noch zu den Top Ten in dieser Disziplin? Der SÜDKURIER nimmt die Zwergstaaten unter die Lupe. Die Kirchengeschichte, so viel sei jetzt schon verraten, spielt hier und da eine nicht unbedeutende Rolle.

  • 10. Malta mit 316 Quadratkilometern, Lage: Mittelmeer, Merkmale: Hier landeten im 16. Jahrhundert die Mitglieder des Johanniterordens an; deren Großmeister Jean de la Valette baute dort eine nach ihm benannte Festung. Ergebnis: Maltas Hauptstadt heißt noch heute La Valletta. Und der katholische Zweig des Johanniterordens firmiert unter dem Namen Malteser.
  • 9. Malediven mit 298 Quadratkilometern, Lage: Indischer Ozean, Merkmale: Die luxuriösen Hotel-Ressorts sind Hotspot der Schönen und Reichen. In den Schlagzeilen stehen die Malediven inzwischen aber vermehrt wegen des Klimawandels: Die steigenden Meerespegel bedrohen den Erhalt des Archipels, der aus mehreren Atollen und fast 1200 Inseln besteht. Um darauf aufmerksam zu machen, fand 2009 eine viel beachtete Sitzung der Regierung unter Wasser statt.
  • 8. St.Kitts und Nevis mit 261 Quadratkilometern, Lage: Traumhaft – auf den Kleinen Antillen in der Karibik, Merkmale: Briten und Franzosen stritten sich lange um das Territorium, das 1983 von der britischen Krone in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Ende der 1990er-Jahre wollte sich Nevis von St. Kitts lösen. Das hätte die Rangliste der Zwergstaaten noch einmal gehörig aufgemischt.
  • 7. Marshallinseln mit 181 Quadratkilometern, Lage: Mittlerer Pazifik, Merkmale: Eher düstere Vergangenheit als Kernwaffentestgelände der USA. Dass der Bikini-Badeanzug nach einem der Atolle benannt wurde, mutet im Nachhinein zynisch an.
  • 6. Liechtenstein mit 160 Quadratkilometern, Lage: In den Alpen zwischen Österreich und der Schweiz, Merkmale: Sportliche Naturen könnten es Bergführer Michael Bargetze nachtun. Der lief in den 1980er-Jahren in 23 Stunden und 16 Minuten die rund 150 Kilometer lange Landesgrenze ab – 10 000 Höhenmeter inklusive. Noch eine Besonderheit: Das 1997 errichtete Erzbistum Vaduz ist identisch mit den Landesgrenzen.
  • 5. San Marino mit 61 Quadratkilometern, Lage: Umgeben von Italien „auf der Ostabdachung der etruskischen Apenninen“, Merkmale: Gilt als „älteste bestehende Republik der Welt“. Angeblich im Jahr 301 durch den heiligen Marinus gegründet.
  • 4. Tuvalu mit 26 Quadratkilometern, Lage: Pazifischer Ozean, Merkmale: Wie viele andere Inselstaaten durch den Klimawandel massiv bedroht; am Rande notiert: Staatskirche ist die protestantische „Ekalesia Kelisiano Tuvalu“ („Christliche Kirche Tuvalu), der laut Weltkirchenrat (ÖRK) rund 9.700 Mitglieder angehören.
  • 3. Nauru mit 21 Quadratkilometern, Lage: Pazifik, Merkmale: Ehemals bedeutende Phosphat-Lagerstätte; gehörte vor dem Ersten Weltkrieg zur Kolonie Deutsch-Neuguinea. Die Rohstoffgier der Weltwirtschaft bescherte den knapp 10.000 Einwohnern zeitweilig sagenhaften Reichtum. Inzwischen sind die leichter zugänglichen Vorräte erschöpft – der Abbau geht gleichwohl weiter mit teils desaströsen Folgen für das Erscheinungsbild der kleinen Insel.
  • 2. Monaco mit 2 Quadratkilometern, Lage: An der französischen Mittelmeerküste zwischen Menton und Nizza, Merkmale: Weitgehend zubetonierter „Place to be“ für alle Schönen und Reichen, die sich gerade nicht auf den Malediven aufhalten. Nicht zuletzt dank des regierenden Fürstenhauses der Grimaldi ist Monaco ein verlässlicher Lieferant für Schlagzeilen der Yellow Press.
  • 1. Vatikan mit 0,44 Quadratkilometern, Lage: Im Herzen von Rom, Merkmale: Das Zentrum der katholischen Kirche. Hier residiert der Papst, der nicht nur Kirchenoberhaupt, sondern auch „Souverän des Staates der Vatikanstadt“ ist. Den Mittelpunkt bildet der Petersdom, auf dem Gelände haben aber auch die Vatikanischen Museen, ein Postamt und ein Bahnhof Platz. Beliebtes Fotomotiv sind die bunt gewandeten Schweizergardisten, die über die Sicherheit des Papstes und des Vatikan wachen. (KNA)