Herr Paech, auf Konsum zu verzichten und minimalistisch zu leben ist ja derzeit ein Trend. Freut Sie das?

Es geht nicht um Konsumverzicht, sondern es geht um eine Optimierung des Konsums im Sinne eines Überlastungsschutzes. Wir stehen vor den psychischen Grenzen des Wachstums, weil die Aufnahmefähigkeit vieler Menschen für Konsumgüter erschöpft ist. Somit wäre eine wohltuende Entrümpelung des Lebens sinnvoll. Der Minimalismus, den wir gerade erleben, ist tatsächlich eine Trenderscheinung. Wichtig ist aber der Blick auf die gesamte Ökobilanz der Menschen, die behaupten, sie seien Minimalisten. Viele Minimalisten, die stolz darauf sind, kein Auto und weniger Konsumgüter zu haben, jetten um den Planeten und richten rekordverdächtige Umweltschäden an.

Wie gelingt die Entrümpelung des Lebens?

Jeder Mensch kann sein Leben aus der Vogelperspektive betrachten und sich fragen: Was tut mir eigentlich gut? Von welchem Wohlstandsschrott und welchen Komfortkrücken, die nur mein Leben verstopfen, kann ich mich befreien, um stressfreier zu leben? Hilfreich ist dabei, eine persönliche CO2-Bilanz aufzustellen, beispielsweise mit einem Online-CO2-Rechner, um die dicksten Brocken dieser Bilanz einmal zu identifizieren. Flugreisen – also purer Luxus – schlagen am stärksten zu Buche. Erst dann folgen Heizung, Strom, Ernährung und Konsum. Eine einzige Interkontinentalflugreise verursacht mehrere Tonnen CO2 – und zwar pro Kopf.

Kaufen, kaufen, kaufen: Der Nachhaltigskeitsexperte Niko Paech ruft zum Umdenken auf. Bild: Michael Messal
Kaufen, kaufen, kaufen: Der Nachhaltigskeitsexperte Niko Paech ruft zum Umdenken auf. | Bild: Jens Büttner

Weniger Stress und weniger Konsum, das klingt gut. Doch wie fange ich so ein Leben an?

Es ist erstaunlich: Moderne Menschen waren nie gebildeter als heute, reden sich aber damit raus, ein ökologisch verantwortbares Leben sei zu schwierig. Komplex wird es immer, wenn unterschiedliche Alternativen verglichen werden müssen, deren Wirkungen niemand mehr durchschaut. Aber Wachstumskritik heißt eben nicht, die Dinge nur anders oder besser zu machen, sondern manche Bedarfe ersatzlos fallen zu lassen. Und da ist es, wie gesagt, am besten, mit den größten Brocken zu beginnen. Mit Reduktion anzufangen bedeutet, sich auf ein Übungsprogramm einzulassen. Jede erreichte Reduktion kann ein Erfolgserlebnis darstellen.

Sie sagen, Konsum macht keine Freude, sondern strengt an. Was sind Alternativen zum Konsum?

Das sage ich überhaupt nicht, sondern dass Konsum nach Erreichen eines Sättigungspunktes dem Glück abträglich werden kann. Das gilt für Mobilität und digitalen Komfort mindestens genauso.

Warum macht Konsum nicht glücklich?

Jede Art des Konsums kostet Aufmerksamkeit und damit auch Zeit. Der Tag hat nur 24 Stunden. Wenn Arbeit, Haushalt, Körperpflege und Schlaf abgezogen werden, bleiben etwa drei bis fünf Stunden zur freien Verfügung. Jede Ware und jedes Ding braucht ein Minimum an Zeit, um genutzt und glückstiftend ausgeschöpft werden zu können. Wenn wir die nicht vermehrbare Zeit auf immer mehr Dinge verteilen, kann nichts davon seinen Reiz entfalten, obwohl wir rechnerisch immer reicher geworden sind.

Macht Konsum sogar krank?

Von 2000 bis 2010 hat sich die Anzahl der Antidepressiva, die verschrieben wurden, verdoppelt. Zeitgleich sind die meisten Konsumgüter, die sich vormals nur reiche Eliten leisten konnten, für die breite Masse erschwinglich geworden. Gemeint sind beispielsweise Smartphones und andere elektronische Geräte, Flugreisen, Lebensmittel oder Einkaufsmöglichkeiten im Internet. Inmitten dieses Wohlstands haben Reizüberflutung, Orientierungslosigkeit, Burnout und schließlich psychische Erkrankungen drastisch zugenommen. Hier scheint ein Zusammenhang zu bestehen.

Leben Sie dieses minimalistische Leben auch selbst?

Wie kann ich als Wissenschaftler einen Wandel der Lebensstile empfehlen, wenn ich dergleichen nicht einmal selbst umzusetzen in der Lage bin? Ich bin bemüht, angemessen zu leben, fahre nur Eisenbahn, benütze weder Flugzeug noch Auto, besitze kein Smartphone, kein Handy, keinen Toaster, keinen elektrischen Rasierer und kein einziges elektrisches Werkzeug. Meine Möbel und Textilien sind oft sehr alt und werden auch geflickt.

Was sind die größten ökologischen Probleme, vor denen wir stehen?

Das größte Problem ist der Klimawandel. Um das Zwei-Grad-Klimaziel zu erreichen, dürfte jeder Erdbewohner pro Kopf und Jahr nur noch 2,5 Tonnen CO2 verursachen. In Deutschland liegt der Wert bei mindestens elf Tonnen. Eine einzige Flugreise nach Neuseeland und zurück bringt 14 Tonnen CO2-Belastung.

Die Große Koalition hat angekündigt, dass sie die Klimaziele für 2020 nicht erreichen wird.

Deutschland war nie Vorreiter in Sachen Klimapolitik, daher überrascht mich das nicht. Der Flugverkehr nimmt in einem Maße zu, den niemand für möglich gehalten hätte. Die Autos werden nicht kleiner, sondern immer größer. Wir zerstören die allerletzten Reste an Natur durch einen Bauboom, der ebenfalls einmalig ist. Plastikmüll und Elektronikschrott erreichen ebenfalls ungeahnte Dimensionen. Nachhaltige Entwicklung hat in Deutschland derzeit nur in Nischen eine Chance. Von dort wird sie sich verbreiten, wenn das System kollabiert.

Sie schlagen vor, in regionalen und lokalen Kreislaufzusammenhängen zu leben. Mit Gemeinschaftsgärten, Tauschkreisen, Repair-Cafés und so weiter. Gibt es Beispiele, wo so eine Art Zusammenleben bereits gelingt?

Es gibt in jeder Stadt Menschen, die schon heute ein Leben führen, das kompatibel ist mit einer Postwachstumsökonomie. Diese Menschen leben sesshaft und engagieren sich in Projekten der ergänzenden Selbstversorgung. Nicht wenige Menschen gehen achtsam mit Konsumgütern um, sie schmeißen Dinge nicht weg, sondern reparieren sie und verdoppeln so ihre Nutzungsdauer. Es entstehen Ökodörfer, in denen die einzig noch denkbare Zukunft vorweggenommen wird.

Welche Vorteile bringt es, wenn Menschen nur noch 20 anstatt 40 Stunden in der Woche arbeiten?

Diese Maßnahme ist unverzichtbar, um den ökologisch überlebenswichtigen Rückbau der Industrie mit Vollbeschäftigung zu vereinbaren. Die gesparte Zeit kann für moderne Selbstversorgung genutzt werden. Mit Freunden oder Nachbarn können gemeinsame Obst- und Gemüsegärten bewirtschaftet werden. Außerdem bedarf es einer Reparatur-Revolution, die in Repair-Cafés und an anderen geeigneten Orten als Basisbewegung begonnen werden kann. Genauso viele Einsparpotenziale bestehen darin, Konsumgüter mit anderen zu teilen. Es ist doch hinderlich und viel zu teuer, wenn jede Familie ein eigenes oder gar zwei Autos besitzt. Also: Selbst produzieren, reparieren und mit anderen teilen – das sind neben Sesshaftigkeit und genereller Genügsamkeit die Trumpfkarten, die wir in den Händen halten.

Brauchen wir ein Nachhaltigkeitsministerium?

Die Politik setzt keine Grenzen, sondern wetteifert darin, die Menschen zur ökologischen Verantwortungslosigkeit zu ertüchtigen. Den Weg in die Postwachstumsökonomie können wir nicht an die Politik delegieren, sondern müssen bei uns beginnen.

Fragen: Claudia Kneifel