Herr Brühl, würden Sie sagen, die Armut in Deutschland wird verkannt?

Ich denke, dass Armut in Deutschland lange Zeit nicht so sichtbar war beziehungsweise darüber hinweggesehen wurde. Wir leben in einer Gesellschaft, in der sich Gruppen immer weiter voneinander abgrenzen. Oder wie viele Hartz-IV-Empfänger kennen Sie persönlich? Durch Organisationen wie die Tafel sind Armut, Ausgrenzung und soziale Benachteiligung etwas mehr in den Fokus geraten.

Wie gut funktioniert das deutsche Sozialsystem?

Das ist eine Frage der Verhältnismäßigkeit: Wir sind ein reiches Land, aber es gibt trotzdem 12 bis 16 Millionen Menschen, die von Armut bedroht oder betroffen sind. Wir sehen tagtäglich, dass Menschen zeitweise oder dauerhaft von der Gesellschaft abgehängt werden. Dass sich Menschen nicht wahrgenommen fühlen, sieht man in den sozialen Netzwerken, bei Demonstrationen und nicht zuletzt bei den Wahlergebnissen. Dass so viele von Armut betroffen sind, macht uns als Tafel schon sehr nachdenklich.

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Würden Sie sagen, dass Menschen in Deutschland grundsätzlich von Hartz IV leben können?

Die Frage ist schwierig zu beantworten, weil ich sie anders stellen würde. Man kann von Hartz IV leben, wenn man sich auf bestimmte Bedürfnisse beschränkt. Aber es gibt Menschen, die vier Jobs haben und das letzte Mal vor 20 Jahren im Urlaub waren, sich keinen Friseur oder die Zeitung leisten oder die Schulausflüge ihrer Kinder nicht bezahlen können… Die Tafel dient auch dazu, solche Menschen zu entlasten. Dazu kommen noch die hohen Mieten, vor allem in Ballungsräumen: Da ist es schon für eine Krankenschwester oder den Busfahrer schwierig, sich etwas zu leisten. Wenn man noch weniger hat, wird die Herausforderung noch größer. Wir müssen uns eines bewusst machen: Nicht nur Reichtum vererbt sich, sondern auch Armut.

Wie stellt sich das dar?

Wenn die Kinder und Enkelkinder auch wieder zur Tafel kommen, weil sie keine gute Ausbildung genossen haben oder schlicht nicht aus dem Kreislauf herauskommen. Sich vom Arbeiter zum Universitätsstudenten hochzuarbeiten ist heute eher schwierig. Das führt dazu, dass sich gerade in bestimmten Gegenden Armut sehr schnell vererbt und die Kinder in derselben Schleife sind. Wir reden in Deutschland von zwölf bis 16 Millionen Menschen, die von Armut bedroht oder betroffen sind. Zu den Tafeln kommen nur zehn Prozent davon. Armut ist kein Problem, dass nur die Tafeln betrifft, sondern eines, dass die gesamte Gesellschaft und Politik angeht. Es nützt nichts, sich zu entrüsten, die Politik muss handeln.

Trifft das auch auf die Rente zu?

Schon jetzt kommen 200.000 Rentner zur Tafel, weil ihre Bezüge zu gering sind. Vielleicht weil sie im Niedriglohnsektor gearbeitet haben oder weil man als 55-Jähriger kaum noch einen Job bekommt. Es wird prognostiziert, dass die Zahl der Menschen in Altersarmut ebenfalls steigen wird.

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Die Tafel gibt es seit 25 Jahren. Ist die Bedürftigkeit in dieser Zeit gestiegen?

Die Bedürftigkeit bewegt sich wellenartig. Wir haben derzeit 1,5 Millionen regelmäßige Kunden. Diese Zahl ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Aber auch vorher schon gab es immer wieder spürbare Anstiege. Als die Spätaussiedler kamen, stieg sie an, oder als die Studenten in den Ballungszentren durch die hohen Mieten immer schwieriger über die Runden kamen. Mit der Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland stieg die Zahl wieder. Die Tafel-Kunden sind ein Seismograf der Gesellschaft, wie ein kleines Brennglas.

Welchen Hintergrund hat der durchschnittliche Tafel-Kunde?

Das kann man nicht so sagen – unsere Kunden sind wie ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Das ist der Rentner, der Berufsunfähige, der Arbeitslose, die Studentin, der Flüchtling, der Übersiedler, der Suchtmittelabhängige oder die alleinerziehende Mutter.

Wie schwierig ist es für die Tafel geworden, Lebensmittelspenden von Supermarktketten zu bekommen?

Die Lebensmittelüberschüsse gibt es ja nach wie vor: Schauen Sie sich mal an, was abends um halb zehn in den Discountern noch da ist. Unser Problem ist eher ein logistisches. Wir müssen überlegen, wie wir im Zuge der Digitalisierung als Nichtregierungsorganisation die Lebensmittelüberschüsse dorthin bringen, wo sie gebraucht werden. Wir sind dabei, das zu eruieren.

Trotzdem landen Lebensmittel in der Tonne. Wie groß ist die Verschwendung in Deutschland?

Wir geben pro Jahr allein als Tafel 264 000 Tonnen Lebensmittel weiter, das sind 723 Tonnen täglich. Jede und jeder von uns verschwendet durchschnittlich etwa 82 Kilogramm Lebensmittel pro Jahr.

Was sagen Sie Kritikern, die im Spendensystem der Tafel eine Abmilderung der Armut sehen, die folglich nicht bekämpft wird?

Wir reden von zehn Prozent der Armen, die zu uns kommen. Die Tafel ist eine Unterstützung. Was ist denn die Alternative? Das wäre wie wenn wir alle freiwilligen Feuerwehren schließen würden, weil das eigentlich Aufgabe des Staates ist. Ehrenamt ist ein Teil unserer Gesellschaft. Wir bauen eine Brücke zwischen Überfluss und Mangel. Dass der Staat alles macht, ist nur im Paradies möglich, wo Milch und Honig fließen. Wir müssen uns eher fragen, wer sich um die 90 Prozent der Bedürftigen kümmert, die nicht zur Tafel kommen. Da muss etwas passieren. Die Gesellschaft oder Politik darf sich nicht dahinter verstecken, dass es solche Organisationen wie uns gibt.

Wer für die Tafel arbeitet, tut dies normalerweise ehrenamtlich. Haben Sie eigentlich Schwierigkeiten, genügend Mitarbeiter zu finden?

Bei den Tafeln arbeiten etwa 60 000 Ehrenamtliche. Ich selbst bin einer davon. Ich finde es wichtig, dass das wahrgenommen wird: Unser Staat ist nicht nur die Politik in Berlin, unser Staat, das sind auch wir. Wir können einen wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft leisten. Egal, woher wir kommen, wen wir lieben und woran wir glauben. Das wünsche ich mir von unserer Gesellschaft, diese Unterschiede nicht hervorzuheben, sondern Menschen in unsere Mitte zu holen.

Was hat sich seit der Flüchtlingswelle geändert?

Ich habe schon Probleme mit dem Wort Flüchtlingswelle. Es ist so, dass Menschen zu uns gekommen sind. Politik und Gesellschaft hatten offensichtlich unterschiedliche Einschätzungen der Situation. Organisationen wie die Tafel hatten mit einem Zuwachs von Kunden zu tun, zum Teil von 80 auf 600 pro Tag. Das hat jede Tafel für sich versucht zu regulieren.

Helfer räumen die Theke ein – wie hier die Backwaren.
Helfer räumen die Theke ein – wie hier die Backwaren. | Bild: Sabine Tesche

Wie die Tafel in Essen. Sie sind dort selbst Mitglied. War Ihnen das Vorgehen der dortigen Tafel im Vorhinein bekannt?

Dass die Aufnahme von Menschen mit ausländischem Pass temporär ausgesetzt wird, war mir so nicht bekannt. Aber ich finde es nach wie vor schwierig, welchen Auswuchs dieser Vorfall hatte. Es war ja sogar in der New York Times und der Washington Post. Wir haben uns immer um Ausländer und Flüchtlinge gekümmert und die Essener Tafel hat immer Essen an Menschen mit ausländischem Pass ausgegeben: Deshalb hat mich das schon irritiert.

War die öffentliche Reaktion nicht absehbar?

Das finde ich nicht. Es gibt eine Art Entrüstungspopulismus: Die Gesellschaft hat sich auf eine lokale Ausgabestelle im Ruhrgebiet eingeschossen. Das Engagement der Helfer wurde dabei nicht gewürdigt. Da frage ich mich, warum das Thema Ausgrenzung und Armut nicht kanalisiert wird. Zur Essener Tafel hat sich jeder Politiker geäußert. In den sozialen Netzwerken wurden Kampagnen gestartet. Skandalös an dem Fall ist nicht der temporäre Aufnahmestopp einer lokalen Tafel, sondern die steigende Armut in unserer Gesellschaft.

Welche Lehren ziehen Sie aus dem Aufruhr um die Essener Tafel?

Dass sich die Gesellschaft nicht hinter Vorfällen wie in Essen verstecken darf. Ich frage mich, wo die Entrüstung darüber bleibt, dass die Zahl der Bedürftigen in unserer Gesellschaft immer noch steigt. Die eigentliche Frage lautet doch: Warum war die Essener Tafel überfordert? Wir als Organisation haben versucht, einer Situation Herr zu werden. Es wird draufgehauen, statt sich mit den Ursachen zu befassen. Da stelle ich mich vor unsere Mitarbeiter, die nach bestem Wissen und Gewissen versuchen, Menschen zu helfen. Bis heute warte ich von der Politik auf konstruktive Lösungsvorschläge.

Fragen: Mirjam Moll

Fünf Menschen, fünf Schicksale: Leben mit der Tafel

In Radolfzell am Bodensee sind einige Menschen auf die Unterstützung der Tafel angewiesen. Manche wollen nicht darüber reden, warum sie Unterstützung brauchen. Andere erzählen uns von ihrem Schicksal. Was ist passiert, dass sie es nicht alleine schaffen?

  • Werner (72): Der Renter stammt aus Kirgisien, seit 18 Jahren lebt er in Deutschland. Früher arbeitete er als Hausmeister in einem Kindergarten, jetzt lebt er von einer schmalen Rente. „Ich bin nicht ungebedingt auf die Tafel angewiesen“, sagt er, „aber sie erleichtert vieles“. So könne er sich auch einmal eine Kleinigkeit leisten – einen Kaffee zum Beispiel. Manchmal geht er auch zur Krankenhauskantine: „Die haben da richtig gutes Essen für sechs Euro, eine ordentliche Portion“, erzählt er. Für ihn sind diese Besuche etwas Besonderes, er gönnt sie sich nur selten.
  • Eamad und Suad (27 und 26): Das junge Ehepaar stammt aus dem syrischen Aleppo. Eamad lebt seit zwei Jahren in Deutschland, arbeitet bei Höri Gartenbau. Gerade hatte er einen Arbeitsunfall, zwei Finger sind gebrochen und mit Metallschienen verschraubt. Seine Frau ist erst vor Kurzem mit der vierjährigen Tochter nachgereist. Eamad bezahlt viel Geld für die 30 Quadratmeter kleine Wohnung, 720 Euro sagt er. Was übrig bleibt, reicht kaum zum Leben. Deshalb kommt er nun zur Tafel.
  • Eske (51): Die Frührentnerin ist alleinstehend. Zum Tafelladen kommt sie seit sieben Jahren. „Ohne würde ich es nicht schaffen“, sagt sie. Zum Leben blieben ihr monatlich nur etwa 200 Euro. „Wenn Jens Spahn behauptet, es gebe in Deutschland keine Armut, kann ich nur lachen“, schimpft sie. Manchmal gibt die Tafel auch Freikarten für kulturelle Veranstaltungen im Radolfzeller Milchwerk aus – das genieße Eske besonders: „Ich liebe klassische Musik und Theater, aber das könnte ich mir selbst nie leisten.“
  • Bilal (18): Der junge Syrer aus Damaskus lebt seit zweieinhalb Jahren in Deutschland. Er spricht gut deutsch, witzelt. Im September möchte er eine Ausbildung beginnen als Einzelhandelskaufmann und sucht derzeit nach einer Stelle. Bevor Bilal nach Radolfzell kam, lebte er in Sigmaringen und Gaienhofen. Geflüchtet war er mit seinem Bruder, später kamen Eltern und Geschwister nach. Die fünfköpfige Familie ist froh, dass sie bei der Tafel einkaufen kann: „Damit ist es leichter“, sagt Bilal, der seine Mutter manchmal zum Laden begleitet.
  • Ditmar (77): Der frühere Maschinenbauingenieur arbeitete lange Zeit selbstständig, das Geschäft lief gut, Ditmar zahlte in seine Lebensversicherung ein, nicht aber in eine freiwillige Rentenversicherung. Seinen Betrieb fressen die hohen Spesen auf, hinzu kommt die finanzielle Belastung einer Scheidung. Mitte 60 wird er schwer krank, er muss das Haus verkaufen: „Da war ich eine Zeit lang eng dran“, erinnert er sich. Heute lebt er von einer Minirente in Höhe von 800 Euro. Dennoch hadert Ditmar nicht mit seinem Schicksal. „Wenn ich durchgehend in die Rentenkasse eingezahlt hätte, bekäme ich heute ganz andere Bezüge.“ Er macht keinen Hehl daraus, dass er zur Tafel geht.