„Früher war alles besser“ – es gibt wenige Sätze, denen viele Menschen so freudig zustimmen wie diesem. Das Wetter war früher besser, das Meerwasser wärmer, der Himmel blauer und die Menschen freundlicher. Und überhaupt.

Ältere Semester finden, je nachdem, wann sie ihre Teenie-Zeit verbracht haben, die 1970er- oder die 1980er-Jahre die coolste Zeit, die jemals über die Menschheit hereingebrochen ist. Entweder man trägt auch mit 50 oder 60 Jahren noch Hippie-Klamotten und hört psychedelisches Pop-Gedudel, oder man löst sich auch im fortgeschrittenen Alter noch immer nicht von Karottenjeans und Modern Talking. Schlimm ist beides.

Ertappt bei eigenen Entgleisungen

Der Duden-Verlag hat nun für alle Fans der 70er- und 80er-Jahre zwei Büchlein von Hans Hütt herausgebracht, der einst in Berlin das kultige Radio 100 mitbegründete. Sie huldigen der Nostalgie auf fein ironische Art. Das 70er-Jahre-Büchlein ist in schockfarbenen Orange-Tönen damaliger Tapeten eingebunden, die 80er kommen mit neonfarbenem Leomuster daher. Hach! Man darf schwelgen, grinsen und bisweilen bei geschmacklichen eigenen Entgleisungen auch ertappt zusammenzucken.

Doch warum sind Menschen so glücklich, wenn sie in ihre so rosige Vergangenheit zurückschauen können, in der vermeintlich alles besser war? Hans Hütt bringt es auf den Punkt: „Man dichtet vergangenen Zeiten etwas hinzu, was sie nicht hatten.“ Denn: Rosig war damals überhaupt nix. In den 1970ern suchte die deutsche Gesellschaft nach vermeintlichen Extremisten und die Terrorgruppe der RAF veranstaltete den Deutschen Herbst.

Kalter Krieg und Tschernobyl

Die 1980er-Jahre waren geprägt vom Kalten Krieg und der allgemeinen Befürchtung, dass irgendein Schwachmat den Atomknopf drückt. Die Umwelt war unter aller Sau, Tschernobyl flog in die Luft, und im Rhein türmten sich Schaumberge, bis der Fluss sich 1986 beim Brand von Schweizerhalle in eine rote Kloake wandelte.

Explodiert: das ukrainische Atomkraftwerk Tschernobyl nach dem Super-Gau (1986).
Explodiert: das ukrainische Atomkraftwerk Tschernobyl nach dem Super-Gau (1986). | Bild: dpa

Menschen neigen dazu, die Vergangenheit rosa zu waschen. Unsere Psyche vergisst Unerfreuliches und überhöht schöne Dinge. Damit waschen wir unsere Erinnerungen rein und die schlimmen Erlebnisse weg, weil es uns so besser geht. Das ist zunächst mal nur menschlich. Denn tatsächlich hat sich in den jüngsten Jahrzehnten auf der Welt viel verbessert, wie zuletzt der schwedische Statistiker und Forscher Hans Rosling in seinem Buch „Factfulness. Wie wir die Welt so sehen, wie sie wirklich ist“ erklärte.

Die moderne Welt ist besser, als wir glauben

Er zeigt in diesem Buch ganz nüchtern, dass unsere moderne Welt lange nicht so schlimm dasteht, wie wir es oft meinen. Kindersterblichkeit, Hunger, Kriminalität – alles Faktoren, in denen die moderne Welt weit besser zu bewohnen ist als die Welt vor einigen Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten.

Die eigene Jugend darf man natürlich trotzdem mit rosaroter Brille betrachten. Man war eindeutig jünger und schöner und noch nicht auf den Bananenschalen des Lebens ausgerutscht. Daher im Folgenden ein paar Kostproben mit Kernbegriffen aus den 1970er- und 1980er-Jahren.

  • „Bonanza-Rad“: Die Räder, die heute jeden Verkehrssicherheitsexperten und jeden Männerarzt sofort auf den Plan rufen würden. Der Bananensattel mit Rückenlehne war Kult, vor allem bei den Jungs. Hinfallen durfte man damit allerdings besser nicht. Wir Mädels rümpften die Nase. Ein Sammler in Köln hat die Kulträder noch einmal aufgelegt. Die letzten Exemplare stehen derzeit zum Verkauf.

Wieder zu haben: das legendäre Bonanzarad.
Wieder zu haben: das legendäre Bonanzarad. | Bild: Bonanzarad.info
  • Fußgängerzone: Ein schöner Begriff, der zeigt, dass die Stadt in den 1970ern eigentlich für die Autos da war. Für die Fußgänger, wie der Begriff eben sagt, blieben ausgewiesene „Zonen“. Und dann gab es auch noch die „Zone“ der damaligen DDR.
  • Disco: Ach ja. John Travolta als junger Schnösel, der die Mädels mit den Bee Gees klarmacht. Hütt kommentiert trocken: „Selbst wenn du unter der Woche bloß Farbe verkaufst, kannst du am Samstag in der Disco König sein. Sie ist so angenehm, weil sich die Tanzenden einander nicht förmlich vorstellen müssen.“

Disco-King: John Travolta in einer Szene von „Saturday Night Fever“ (1977).
Disco-King: John Travolta in einer Szene von „Saturday Night Fever“ (1977). | Bild: dpa
  • „Kassetten-Rekorder“: Kinder der frühen 1980er erinnern sich noch, dass man Sonntag Abend vor dem Radio saß, um die „Top Ten“ auf SWR 3 aufzunehmen. Und wie man Tobsuchtsanfälle erlitt, wenn der Moderator mal wieder reinquatschte!
  • Kniefall: Willy Brandts Kniefall vor dem Denkmal des jüdischen Ghettos in Warschau (1970) brachte der Bundesrepublik international endlich wieder Achtung ein. Ähnlich politische Begriffe der 70er: Ostpolitik, Satellitenstaat, Dissident.

Große Geste: Bundeskanzler Willy Brandts Kniefall vor dem jüdischen Mahnmal im einstigen Warschauer Ghetto (1970).
Große Geste: Bundeskanzler Willy Brandts Kniefall vor dem jüdischen Mahnmal im einstigen Warschauer Ghetto (1970). | Bild: DPA
  • Manta: Ja, hier sind wir nun in den 80ern. Das Opel-Coupé nebst Fuchsschwanz war Sehnsuchtsobjekt mancher junger Männer, denen man stets geistige Unterbelichtung attestierte. Siehe auch Til Schweiger im gleichnamigen Film. Die Autos waren teils schlimm lackiert und böse verbastelt. Wobei man sagen muss: Die Form des Mantas ist eigentlich nicht schlecht!
  • Grufties, Punks und Popper: Drei Extremausprägungen der damaligen Jugendkultur. Die einen schwarz gekleidet und eher finster drauf, die zweiten fest in der Null-Bock-Phase, die dritten schick und karriereorientiert. Und selbstverständlich fand jede Gruppe die andere doof.
  • Neon: Beliebt als Farbe für alles. Nagellack, Socken, Legwarmer (ein Kapitel für sich, zu deutsch: Beinstulpen). Und sehr, sehr scheußlich.
  • Aerobic: Jane Fonda hat‘s erfunden, das Turnen auf flotte Popmusik, mit der man den Puls auf 180 hochjagt. Damen mit hochtoupiertem Haar, perfekt geschminkt, mit Legwarmers. Und hoch, und rechts, und links! Heute abgelöst von lateinamerikanischem Zumba.

Fitness-Vorbild: Jane Fonda macht Aerobic und begründet 1983 einen Trend.
Fitness-Vorbild: Jane Fonda macht Aerobic und begründet 1983 einen Trend. | Bild: SUSAN RAGAN
  • Perestroika und Glasnost: Mit der Öffnung der Sowjetunion bleibt Michail Gorbatschow, damals Generalsekretär der Kommunistischen Partei, den Kindern der 1980er-Jahre unvergessen. So begann das langsame Ende des Superstaates, der Weg in ein modernes Russland, um schließlich im Russland von Wladimir Putin zu enden. Die Demokratie hat es dort weiter schwer.

Er stand für Glasnost: Michail Gorbatschow, Präsident der UdSSR, 1990.
Er stand für Glasnost: Michail Gorbatschow, Präsident der UdSSR, 1990. | Bild: dpa
  • Telefax: Weiß noch jemand, was das ist? Die zirpenden Geräte spuckten, wenn nicht gerade Papierstau war, elend schlechte Kopien von Briefen aus, die ein anderer Mensch ein paar Kilometer weiter aufs Fax gelegt hatte. Gott sei Dank durch Scanner und E-Mails mit Anhängen abgelöst.

Die Bücher: Hans Hütt, Die 70er. Ein Jahrzehnt in Wörtern. Ders., Die 80er. Ein Jahrzehnt in Wörtern. Duden-Verlag, je 12 Euro.

Bild: Duden Verlag
Bild: Duden Verlag