Herr Professor Seibel, mit einigen Studenten haben Sie die Loveparade 2010 in Duisburg wissenschaftlich untersucht und ein Buch geschrieben. 21 Menschen kamen damals ums Leben. Wäre die Katastrophe vermeidbar gewesen?

Sie war auf jeden Fall vermeidbar. Die Veranstaltung hatte einen langen Vorlauf, sie musste erst einmal geplant und genehmigt werden. Das Bauordnungsamt in Duisburg sagte klipp und klar, dass auf dem vorhergesehenen Gelände die gesetzlichen Sicherheitsvorschriften nicht eingehalten werden konnten. Aber die Entscheidungsträger an der Spitze der Stadtverwaltung setzten sich darüber hinweg.

Warum wurde die Loveparade dann doch genehmigt?

Auf die Mitarbeiter im Bauordnungsamt wurde Druck ausgeübt, vor allem durch die Entscheidungsträger an der Spitze der Stadtverwaltung, so dass sie die Genehmigung sozusagen zähneknirschend dann doch erteilt haben. Obwohl der private Veranstalter eingestanden hatte, dass die Fluchtwege nur ein Drittel der gesetzlich vorgeschriebenen Mindestbreite aufwiesen.

Dann war das eine Katastrophe mit Ansage ?

In jedem Fall. Aber das muss man differenzieren. Die Genehmigung der Loveparade durch die Stadt Duisburg war nicht nur objektiv rechtswidrig, sie war vor allem Ausdruck einer unfassbaren Verantwortungslosigkeit im Umgang mit Risiken für Leib und Leben Tausender von Veranstaltungsbesuchern. Aber das Behördenversagen löste die Katastrophe natürlich nicht automatisch aus. Das geschah vielmehr dadurch, dass am Veranstaltungstag auf ausdrückliche Anweisung der Vorgesetzten die Mitarbeiter der Genehmigungsbehörde die eigenen Sicherheitsauflagen nicht überwachen durften, weil man offenbar genau wusste, dass diese Auflagen nicht zu erfüllen waren. Als dann Fehleinschätzungen des Sicherheitspersonals und der Polizei hinzukamen, geriet die Lage außer Kontrolle.

Haben der Oberbürgermeister und seine Dezernenten dafür Verantwortung übernommen?

Nein, das haben sie zu keinem Zeitpunkt getan. Der OB wurde später abgewählt, zwei Dezernenten wurden nicht wiedergewählt. Doch spiegelt das nur die Oberfläche. Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen und die damalige Koalition von SPD und Grünen hat das Behördenversagen in Zusammenhang mit der Loveparade-Katastrophe nie aufarbeiten lassen. Man wollte offenbar nichts wissen, also wollte man auch nichts lernen. Auch das ist eine völlig inakzeptable Flucht aus der Verantwortung und auch eine besondere Dreistigkeit gegenüber den Hinterbliebenen der 21 Todesopfer.

Waren Ihre Studenten und Sie die Ersten, die sich tiefgründig mit Duisburg befassen?

Zumindest ist unser Buch der erste Versuch, das Behördenversagen zu analysieren, was den Tod von 21 überwiegend jungen Menschen ausgelöst und zu 652 Verletzten geführt hat. Unsere Untersuchung ist ja nicht strafrechtlicher Natur, damit befasst sich jetzt endlich das Landgericht Duisburg. Wir zielen auf den Bereich Organisationsversagen und Prävention.

Was bedeutet das für die Zukunft? Kann man etwas daraus lernen?

Die Verwaltung darf die physische Sicherheit von Menschen unter gar keinen Umständen anderen Gesichtspunkten unterordnen, insbesondere nicht politischen Erwägungen, wie das in Duisburg der Fall war, aber auch nicht wirtschaftlichen oder finanziellen Motiven. Das tut die Verwaltung im Normalfall auch gar nicht. Sie muss sich aber wappnen gegen Zumutungen politischer oder fiskalischer Art, die scheinbar pragmatische Lösungen verlangen, bei denen dann Leib und Leben Dritter in Gefahr geraten können.

Wie sieht es in Baden-Württemberg aus? Haben Sie sich in diesem Bundesland schon mit Verwaltungsversagen befasst?

Nein, bisher nicht. Es gibt den Missbrauchsfall in Staufen. Der Vorgang ist deshalb gravierend, weil das Jugendamt Bescheid wusste. Dennoch konnte der Junge von der eigenen Mutter auf dem Internetmarkt angeboten werden. Eine Obhutnahme durch das Jugendamt war verfügt, aber das Gericht hat sie aufgehoben. Auch das muss lückenlos aufgearbeitet werden, eben zum Zweck nachhaltiger Prävention.

Ist das Zufall: Immer wieder geraten Jugendämter ins Schussfeld – ob berechtigt oder nicht. Gehen Sie dem nach?

Die Jugendämter arbeiten gewissenhaft. Sie haben es schließlich mit Kindern zu tun, also mit besonders schutzbedürftigen Menschen. Aber es mangelt immer wieder an Personal, vor allem an ausreichend erfahrenem Personal. Denn beim Schutz des Kindeswohls geht es oft um schwierige Abwägungsprobleme. Die Hemmschwelle, ein Kind zu dessen Schutz aus der Familie zu nehmen, wenn es dort gefährdet scheint, ist zu Recht besonders hoch. Und da kommt es dann auch zu tragischen Fehleinschätzungen. Da ist Staufen ja leider kein Einzelfall. In Bremen und in Hamburg gab es Todesfälle von Kleinkindern, weil die Jugendämter gerade auf diesem Gebiet versagt hatten. Einen dieser tragischen Fälle haben wir übrigens in unserem Buch ebenfalls untersucht.

 

Zur Person

Wolfgang Seibel, 64, lehrt Verwaltungswissenschaft an der Universität Konstanz. Er forschte unter anderem über den Holocaust oder den Verwaltungsaufbau in den (damals) neuen Bundesländern.