Schon mit 19 Jahren war Lara Cardella ein Star. Ihr Roman „Ich wollte Hosen“: ein Bestseller weit über Italien hinaus. Wer heute noch ein Buch der sizilianischen Autorin in deutscher Übersetzung kaufen will, findet allenfalls noch diesen einen Titel: „Ich wollte Hosen“. Alle weiteren Romane: vergessen.

Zoë Jennys Romandebüt „Das Blütenstaubzimmer“ schoss 1997 wie eine Rakete aus dem Nichts in die Spitze der Bestsellerlisten empor. Ihr Buch wurde in 27 Sprachen übersetzt, mit 23 Jahren reiste die Schweizer Autorin zu Vorträgen nach Amerika, China und Japan. Heute nimmt kaum mehr jemand Notiz von ihr. Die letzte relevante Auszeichnung datiert auf das Jahr 2002. Sie mache „mehr durch ihr Liebesleben als durch Publikationen auf sich aufmerksam“, ätzte kürzlich die Basler Zeitung.

Noch 2008 trat Zoë Jenny mit anderen Stars des Literaturbetriebs wie hier Paulo Coelho auf. Heute ist ihr Stern gesunken. Bild: dpa
Noch 2008 trat Zoë Jenny mit anderen Stars des Literaturbetriebs wie hier Paulo Coelho auf. Heute ist ihr Stern gesunken. Bild: dpa | Bild: A1885 epa Keystone Kefalas

Von wegen Schiller und Goethe: Iffland war der Star der deutschsprachigen Literaturszene

Diese Woche beginnt die Frankfurter Buchmesse. Sie ist der größte Branchentreff weltweit, und auch in diesem Jahr wird es dort wieder zahlreiche Lara Cardellas und Zoë Jennys geben: junge Autoren, die heute noch als kommende Großmeister der Weltliteratur gelten. Und die schon morgen allenfalls Experten noch ein Begriff sein werden.

Skeptiker der Moderne führen dieses Phänomen auf die Schnelllebigkeit unserer Epoche zurück. Doch vergessene Bestseller-Autoren gibt es schon länger, als viele glauben. Selbst Experten kommen ins Staunen, wenn sie erfahren, welche Dichter im 18. oder 19. Jahrhundert bei den Lesern hoch im Kurs standen. Von wegen Schiller und Goethe: August Wilhelm Iffland war der Star der deutschsprachigen Literaturszene! August von Kotzebue! Christian Heinrich Spieß!

Fast alle Klassiker sind Protestanten

Nicolas Detering, 33, ist Literaturwissenschaftler an der Universität Konstanz. Um zu erklären, was die Menschen vor hundert oder zweihundert Jahren gelesen haben, lässt er eigens die Bibliothek aufschließen. Nicht die gewöhnliche, in der Studenten die Schiller-Gesamtausgabe oder die Sekundärliteratur zu Thomas Mann durchforsten. Es handelt sich vielmehr um die sogenannte „Wessenberg-Bibliothek“: Der Konstanzer Freiherr und Bistumsverweser Ignaz Heinrich von Wessenberg lebte von 1774 bis 1860 und legte sich in dieser Zeit einen Bestand von mehr als 20 000 Büchern an. Nach seinem Tod ging die Sammlung an die Stadt. Heute lässt sich an ihr so etwas wie eine Spiegel-Bestsellerliste des frühen 19. Jahrhunderts ablesen.

„Schauen Sie hier“, ruft Detering und zieht ein in Leder eingebundenes Buch hervor: „Theodor Mügge! Mir war der Name selbst vollkommen fremd. Aber zu Wessenbergs Zeiten waren seine Abenteuerromane sehr beliebt!“ Er stellt das Buch zurück und zeigt auf die andere Regalseite. „Oder hier: Auf der rechten Seite sehen Sie den Bestand an Goethe-Exemplaren. Weiter links aber hat Wessenberg Bücher von Berthold Auerbach gesammelt: Das sind viel mehr!“

Warum dachte man über literarische Qualität im 19. Jahrhundert so anders als heute?

Tatsächlich. Auerbach schlägt Goethe zwar nicht um Längen, aber doch deutlich: Auch die Tatsache, dass er mit seinen „Schwarzwälder Dorfgeschichten“ heimatliche Gefühle bediente, kann diesen Umstand nur unzureichend erklären. Wie konnte es passieren, dass man über literarische Qualität im 19. Jahrhundert so anders dachte als heute?

Eine wichtige Rolle, sagt Detering, während er in einem Band von Auerbach blättert, habe die Idee einer Nationalliteratur gespielt. „Die Deutschen wollten nach ihrer Befreiung von Napoleon einen eigenen Literaturkanon haben.“ Und wer in diesen aufgenommen werden wollte, musste vor allem eines sein: protestantisch. So wie die Preußen, die dem in seiner Entstehung begriffenen Deutschen Reich ihren Stempel aufdrückten.

Goethe, Schiller, Lessing, Kleist: alles Protestanten und damit geeignet für einen preußisch-deutschen Literaturkanon. Es war nicht weiter schlimm, wenn Dichter wie Friedrich Hölderlin mit ihrer protestantischen Konfession haderten. Hauptsache, sie standen grundsätzlich auf der richtigen Seite des Glaubens. Als problematischer galt schon der Umgang mit Konvertiten wie Friedrich Schlegel, der sich bereits vor seinem Konfessionswechsel im Literaturbetrieb etabliert hatte.

Berthold Auerbach in einem Stich von Veit Froer (1884). Bild: Wikipedia
Berthold Auerbach in einem Stich von Veit Froer (1884). | Bild: Wikipedia

Die schwierigsten Bedingungen aber hatten zweifellos jüdische Autoren wie Berthold Auerbach. Von ihm ist die Aussage überliefert, es sei eine „schwere Aufgabe, ein Deutscher und ein deutscher Schriftsteller zu sein, und noch dazu ein Jude“. Heinrich Heine versuchte, dieses Problem durch Übertritt zum Christentum zu lösen. Dass er sich evangelisch taufen ließ, versteht sich von selbst.

Nicht nur viele Katholiken und Juden habe der preußische Kulturbetrieb verdrängt, sagt Detering und stellt den Auerbach wieder zurück ins Regal. Auch eine Literatur, die allzu deutlich Bezüge zur höfischen Dichtung Frankreichs aufwies, fand vor Kritikern, Verlegern und Lehrern keine Gnade: also nahezu alles, was im 16. und 17. Jahrhundert in deutscher Sprache erschienen ist. So kommt es, dass die Briten noch heute ihren Milton, ihren Marlowe und natürlich Shakespeare haben – wir Deutschen aber Martin Opitz oder selbst Andreas Gryphius nicht annähernd den gleichen Stellenwert zugestehen.

Begehrte Selbstmörderbiografien

Und was genau las man nun zu Goethes Zeiten? Welche Bestseller stapelten sich auf den Grabbeltischen der Buchhandlungen? Zum Beispiel „Biographien der Selbstmörder“ von Christian Heinrich Spieß. „Selbstmord galt ja als schwere Sünde und war ein großes Tabuthema“, erklärt der Literaturwissenschaftler. „Und genau deshalb ließen sich Geschichten über Selbstmörder so gut verkaufen.“ Der Trick des Autors: Er versteckte seinen Tabubruch hinter der Fassade bürgerlicher Sorge. Wer sich dieses Buch ins Regal stellte, tat dies nicht aus voyeuristischen Motiven, Gott bewahre! Nein, es ging natürlich allein darum, sich an den beschriebenen Lebensläufen ein mahnendes Beispiel zu nehmen!

Der Erfolg des Christian Heinrich Spieß verblasst aber hinter dem Bestseller eines gewissen Herrn Heinrich Anselm von Ziegler und Kliphausen. „Bis zum Jahr 1800“, sagt Detering, „hat es auf dem deutschen Buchmarkt drei überragende Verkaufserfolge gegeben: Sebastian Brants ‚Narrenschiff’, Goethes ‚Werther’. . . und: ‚Die asiatische Banise’ von Heinrich Anselm von Ziegler und Kliphausen.“ Die asiatische was? Von wem?

Nicolas Detering beim Studium alter Schriften in der Konstanzer Wessenberg-Bibliothek.
Nicolas Detering beim Studium alter Schriften in der Konstanzer Wessenberg-Bibliothek. | Bild: Bruggaier, Johannes

Es handele sich, sagt der Experte, um einen Abenteuerroman aus dem Jahr 1689, der noch bis weit ins 18. Jahrhundert hinein europaweit in zahlreichen Übersetzungen verschlungen wurde. Er spielt in „Pegu“, einem fiktiven Land des fernen Ostens, und erzählt von bösen Mächten, entführten Prinzessinnen, großen Helden, viel Exotik und Erotik. Kurz: „Die asiatische Banise“ war das Netflix ihrer Zeit, ein Angebot zum Eskapismus. Einfach mal die Schrecken des Krieges in ein fern gelegenes Fantasiereich auslagern, sich dabei wohlig im Gefühl der eigenen Sicherheit wiegen: Gerade in den wenigen Friedensjahren war das ein verlockendes Angebot. Damals wie heute.

Es hängt nicht allein vom Autor ab, ob er seine Zeit zu überdauern vermag

Beim Verlassen der Bibliothek löscht Detering das Licht, über die vergessenen Bücher legt sich wieder die Dunkelheit. Eine Frage bleibt noch: „Welche dieser im Dunkel liegenden Bücher sollten wir denn heute wiederentdecken?“ Detering überlegt kurz. „Die Literatur vieler Autorinnen des 18. und 19. Jahrhunderts. Außerdem Werke, die ideologisch fragwürdig geworden sind – allein, um daran unsere eigenen heutigen Überzeugungen zu prüfen.“

Tatsächlich hat es den Anschein, als habe sich im 20. Jahrhundert der Prozess des Aussortierens unliebsamer Autoren wiederholt. Diesmal unter politischen, statt konfessionellen Vorzeichen. Noch bis in die Sechzigerjahre hinein standen Bücher von Autoren wie Frank Thiess und Hans Carossa in jedem Haushalt. Es war die Literatur der sogenannten „Inneren Emigration“, also jener Dichter, die während der Nazizeit im Land geblieben waren. „Sie hatten sich für eine Literatur der Weltflucht entschieden“, sagt Detering: „Stoffe, die in ferner Vergangenheit spielen und kaum Bezüge zu aktuellen Debatten haben.“ Genau das machten ihnen die Studenten im Umfeld der Achtundsechziger-Bewegung zum Vorwurf.

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Es hängt also nicht allein vom Autor ab, ob er seine Zeit zu überdauern vermag. Entscheidend sind politische Umschwünge, Glaubenskriege und auch technische Weiterentwicklungen. Trotzdem können Dichter auch heute noch selbst zum langfristigen Erfolg beitragen. Detering nennt das Rezept.

Erstens: In regelmäßigen Abständen publizieren. Nur wenn die Erinnerung an den letzten Bestseller noch nicht verflogen ist, werden Kritiker auch den kommenden Roman besprechen. Und erfährt der Leser, dass der Autor des Bestsellers X jetzt das neue Buch Y geschrieben hat, dann kauft er womöglich beide Bücher.

Zweitens: eine skandalträchtige Aussage hier, ein aufsehenerregender Medienauftritt dort. Autoren wie Maxim Biller oder Juli Zeh machen vor, wie man öffentlich im Gespräch bleibt.

Drittens: Institutionen im Blick behalten, die eine literarische Kanonisierung betreiben. Neben Medien sind das Theater, Universitäten und Schulen. Autoren wie Daniel Kehlmann und Felicitas Hoppe schreiben so, dass vor allem Germanisten und Historiker verzückt sind: wichtige Multiplikatoren im Kulturbetrieb.

Wer diese Regeln missachtet, dem ist das Schicksal von Theodor Mügge, Hans Carossa oder Lara Cardella so gut wie gewiss. Wer sich dagegen dran hält, dem winkt die Ewigkeit.