Eben noch hat er am frühen Morgen lauthals die ganze Nachbarschaft geweckt, nun stakst der Hahn mit stolz geschwellter Brust über einen Zebrastreifen – einen regenbogenfarbenen. Willkommen in Key West, dem südlichsten Punkt des amerikanischen Festlandes, wo alles ein wenig alternativer und entspannter ist als anderswo.

Stolzer Wecker: Hahn in Key West.
Stolzer Wecker: Hahn in Key West. | Bild: Feiertag, Ingo

Das wusste bereits der Schriftsteller und Katzenliebhaber Ernest Hemingway, der von 1931 bis 1939 hier wohnte. Heute kann das Haus besichtigt werden, in dem er seine Bestseller geschrieben hat, oder das Schlafzimmer mit dem Bett, das längst Kater Archibald McLeish okkupiert hat.

An die 60 Katzen leben auf dem Grundstück, allesamt Nachfahren der Tiere des Autors. Die Vierbeiner haben durch einen Gendefekt mehr Zehen als normale Samtpfoten und werden seither als Hemingway Cats bezeichnet.

Die Katzen im Hemingway-Haus haben wegen eines Gendefektes mehr Zehen als ihre Artgenossen.
Die Katzen im Hemingway-Haus haben wegen eines Gendefektes mehr Zehen als ihre Artgenossen. | Bild: Feiertag, Ingo

Viele Wohlhabende zieht es dank Sonne, Strand und Palmen auf die Inseln im Golf von Mexiko, vor knapp 200 Jahren begründeten die Wrackjäger den Reichtum von Key West. Wann immer ein Schiff in den rauen Gewässern auf Grund lief, eilten die Einheimischen zur Bergung heran. Mitte der 1850er-Jahre war Key West pro Kopf die reichste Stadt der USA. Dies und viel mehr erfährt man im Shipwreck Treasure Museum, wo es nächtens spuken soll, wie man bei einer Geistertour erfährt.

Gleich nebenan bietet der Besuch bei Mel Fisher einen weiteren Ausflug in die Welt der Schatzsucher. Fisher barg in den 1980er-Jahren das Wrack der legendären Atocha. In den Vitrinen seines Museums sind Münzen, Schätze, Kanonenkugeln und alte Karten ausgestellt, die in der stürmischen Nacht am 5. September 1622 im Meer versanken.

Hier soll es laut der Geistertour spuken: das Shipwreck Treasure Museum in Key West.
Hier soll es laut der Geistertour spuken: das Shipwreck Treasure Museum in Key West. | Bild: Susanne Folz

Heute geht es auf dem Ozean beschaulicher zu. Sanft schwappen die Wellen an den Rumpf der „Appledore Star“. Wie jeden Abend sticht der Motorsegler in See, um den Tag zu verabschieden, wenn die Sonne malerisch hinter dem Horizont versinkt.

Die zwei Stunden mit der kleinen und familiären Gruppe vergehen bei Cocktails und Snacks wie im Flug. Wer sich stattdessen in den Trubel stürzen will, ist an Land auf dem Mallory Square besser aufgehoben, wo sich Menschenmassen zwischen Gauklern, Jongleuren und Feuerschluckern versammeln.

Dem Sonnenuntergang entgegen: Sunset Cruise auf dem Motorsegler Appledore Star.
Dem Sonnenuntergang entgegen: Sunset Cruise auf dem Motorsegler Appledore Star. | Bild: Feiertag, Ingo

Die Idylle unter Wasser ist dagegen stark bedroht. „Wir gehen davon aus, dass in den nächsten 50 Jahren 90 Prozent der Korallenriffe verschwunden sein werden“, prognostiziert Raquel Gilliland, eine Meeresbiologin, die für die Coral Restoration Foundation (CRF) auf Key Largo tätig ist. Die Gesellschaft hat ein großes Ziel: Gilliland und ihre Mitstreiter züchten und pflegen Korallen und setzen sie an den Riffen wieder aus, um das Sterben zu stoppen oder zumindest zu verlangsamen.

Video: Coral Restoration Foundation

Sie erklären alles über die bedrohten Korallen und wie sich die Meereswelt verändert hat. Auf einem Bild von 1975: ein buntes und gesundes Riff, 2004 wird alles grauer, und 2014? Ein trauriger Unterwasserfriedhof. Die Gefahren sind: Taucher und Schnorchler, die Korallen berühren, Anker von Booten, Verschmutzung, Sonnencreme mit Oxybenzon, Überfischung und Seeigel. Und über allem steht: der Klimawandel, der „eine der größten Bedrohungen ist“, wie PR-Chefin Alice Grainger sagt.

Nur noch ein Prozent der eigentlichen Korallen in Florida seien übrig. Deshalb werden Vorträge wie dieser an Schulklassen oder Universitäten gehalten. Und wer selbst mithelfen will, ist dazu eingeladen, mit anzupacken, als Taucher oder Schnorchler. 80 000 Korallen hat die CRF in den vergangenen zehn Jahren gepflanzt, dieses Jahr allein 22 000.

Taucher in der "Korallen-Baumschule".
Taucher in der "Korallen-Baumschule". | Bild: Zach Ransom

Ähnlichen Gefahren sind die Schildkröten ausgesetzt, wie die Mitarbeiter des Schildkröten-Krankenhauses auf Marathon erklären. Die geretteten Tiere sind in verschiedenen Becken zur Reha, ehe sie im Idealfall wieder freigelassen werden. Während die Besucher die Patienten füttern, wird zu jedem einzelnen eine Geschichte erzählt. Dabei geht es um operierte Tumore, Mägen voller Plastikmüll und Luftblasen unter dem Panzer, die von Verletzungen durch Schiffsschrauben stammen. Manche Schildkröten sind nur einige Wochen da, andere für immer.

Video: Susanne Folz

Ein paar Kilometer weiter zeigt Talon, ein Enkel von Flipper, im Delfin-Forschungszentrum, was er so draufhat. Er kann zwitschern wie ein Vogel, Meter hoch aus dem Wasser springen und an die 60 Stundenkilometer schnell schwimmen. Auf 100 Kommandos hören er und seine 25 Artgenossen auf der Anlage mit den rustikalen Holzstegen. „Sie machen alles freiwillig“, beteuert Trainerin Christine, „und sie bekommen ihr Futter auch, wenn sie mal keine Lust haben.“

Video: Susanne Folz

Manche der Delfine sind gerettet, andere wurden hier geboren. Dank ihnen lernen die Forscher viel über das Verhalten ihrer Art und wie bestimmte Krankheiten behandelt werden können. Delfine, die bei Menschen leben, werden viel älter als in freier Wildbahn. Talons Mutter Tursi etwa ist schon 45. Die Tiere sind in sozialen Gruppen untergebracht, und ihre Meerwasser-Becken sind nur mit Zäunen vom Ozean abgetrennt.

„Die Delfine könnten über die Abgrenzungen springen oder rausschwimmen, das wollen sie aber gar nicht. Zuletzt haben wir das beim Hurrikan Irma letztes Jahr gesehen, als das Wasser die Zäune überflutet hat und keiner abgehauen ist“, erklärt Christine den Besuchern, die mit ihrem Ticket einen ganzen Tag auf der Anlage verbringen können.

Beliebtes Fotomotiv: der südlichste Punkt der kontinentalen USA.
Beliebtes Fotomotiv: der südlichste Punkt der kontinentalen USA. | Bild: Feiertag, Ingo

Mit etwas Glück kann man die tollen Tiere auch unter Wasser in freier Wildbahn bestaunen. Das Tauchen hat eine lange Tradition auf den Florida Keys. Besonders viel darüber erfährt man im History of Diving Museum auf Islamorada. Das rührige Ehepaar Joe und Sally Bauer hat hier in 50 Jahren eine stolze Sammlung über die Geschichte des Tauchens zusammengetragen. Hier findet man etliche Kuriositäten, vom Industrie- über Militär- und Freizeittauchen bis hin zur Unterwasserfotografie.

Alles zum Thema Tauchen findet man im History of Diving Museum in Islamorada.
Alles zum Thema Tauchen findet man im History of Diving Museum in Islamorada. | Bild: Susanne Folz

Beim Stand-Up-Paddel-Yoga braucht man weder Tauchermaske noch Kamera, um der Unterwasserwelt nahe zu kommen. Das kristallklare Wasser unter den Füßen bietet eine spektakuläre Sicht auf Ammenhaie und Tarpune. Im Windschatten der Mangroven werden die Anker geworfen, um ungestört bei einer Yogastunde in den Tag zu starten. Es tut gut, bei der Abschlussmeditation die Füße ins kalte Wasser baumeln zu lassen.

Bild: privat

Es weht ein leichter Wind, sanft schaukelt das Brett auf den Wellen. Die Augen geschlossen, hört man nur das leise Plätschern des Meeres auf den Florida Keys, dem Inselparadies im Golf von Mexiko.