Ermittler K. muss geduldig sein an diesem 19. Verhandlungstag. Über 330 Seiten Chatprotokolle haben er und seine Kollegen im Zusammenhang mit dem Freiburger Gruppenvergewaltigungsfall ausgewertet. Jetzt werden sie vor Gericht vorgetragen. Gut ein Jahr ist es nun her, dass der Fall an die Öffentlichkeit geriet: Franziska W., damals 18 Jahre alt, soll in der Nacht zum 14. Oktober 2018 von mindestens elf Männern vergewaltigt worden sein. Die Angeklagten – acht Syrer, ein Algerier, ein Iraker und ein Deutscher – sind zwischen 18 und 30 Jahren alt.

Fußfesseln werden nicht abgenommen

Der Prozess begann im Juni – inzwischen merkt man den Verfahrensbeteiligten an, dass er sie mürbe macht. Zuletzt verweigerte Richter Stefan Bürgelin, den Angeklagten die Fußfesseln abzunehmen. Zu schnell kippt die Stimmung im Saal, werden die Stimmen der jungen Männer laut, die von sich sagen, dass sie keine Vergewaltiger seien. Doch die Protokolle von Chats und Anrufen klingen verdächtig.

Es hat intensiven Telefon- und WhatsApp-Verkehr zwischen den mutmaßlichen Tatbeteiligten gegeben, vor allem zwischen dem Hauptangeklagten Majd H. und Mitangeklagten wie dem deutschen Timo P. und Alaa A. – jenem jungen Mann, der Franziska W. und ihrer Freundin Corinna S. in der Tatnacht Ecstasy verkauft haben soll und der sich als Zweiter an der damals 18-Jährigen vergangen haben soll.

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Es gab Gespräche wie „sag nichts zu niemandem“ und Fragen zu guten Anwälten, Angst vor dem Knast. „Ich weiß, ich bin bald im Knast“, schreibt der Hauptangeklagte Majd H. Es gibt zudem eine Videoaufnahme, die Majd H. mit nacktem Oberkörper am Tag nach der Tat zeigt. Eine Verfärbung am Oberkörper lässt sich aber auch mit digitaler Forensik nicht zweifelsfrei als Verletzung identifizieren. Es hätte ein Hinweis sein können, dass Franziska W., das mutmaßliche Opfer, sich zur Wehr gesetzt hat gegen ihren Peiniger. Der behauptet nach wie vor, die junge Frau habe den Sex gewollt und eingefordert. Die anderen schweigen oder schließen sich der Version von Majd an.

Psychische Belastung für Angeklagten

Timo P.s Chatverläufe sind nur bedingt hilfreich – er hatte vor allem Angst, dass seine damalige Freundin und heutige Verlobte Wind von der Sache bekommen könnte: „Sag nichts, sonst gibt es Stress.“ Er ist der junge Mann, der behauptet, Franziska W. habe unbedingt Sex mit ihm haben wollen, an seiner Hose herumgefingert und ihn schließlich überredet, ihn oral befriedigen zu dürfen. Seine Anwältin Hanna Palm hat inzwischen durchgesetzt, dass der Hosenknopf ihres Mandanten auf DNA-Spuren der jungen Frau untersucht wird. Das Ergebnis steht noch aus. Timo P. war zuletzt durch einen emotionalen Ausbruch aufgefallen: Er klagte über die lange U-Haft und die psychische Belastung der Haftsituation.

Ahmed A., einer seiner Mitangeklagten, wird durch ein Protokoll eines Anrufs erheblich belastet – auch wenn sein Anwalt Stephan Althaus betont, dass es dabei nicht um Franziska W. gehe. Der Gesprächsverlauf beschreibt, wie sich Ahmed A. über eine junge Frau in der Straßenbahn äußert. Sie trägt offenbar eine „schöne offene Bluse“, „ich kann ihre Brüste sehen“, die enge Hose und der „schöne Arsch“ bringen ihn zu der Schlussfolgerung, dass er sie „vergewaltigen“ wollte.

„Man sollte das nicht überinterpretieren“, versucht Anwalt Althaus zu beschwichtigen. Es seien lediglich Äußerungen „zwischen Jungs“. Dabei bestätigt auch ein der im Saal anwesende Dolmetscher mehrfach, im auf Arabisch geführten Telefonat das Wort „Vergewaltigung“ vernommen zu haben. Es ist erst der Beginn der Beweisaufnahme in diesem Prozess. Für einige der Angeklagten könnte es im Lauf der weiteren Verhandlung eng werden.