Warum bricht ein Sohn, eine Tochter den Kontakt zu den Eltern ab? Was haben wir falsch gemacht? Die 75-jährige Anna S. aus der Nähe von Villingen-Schwenningen, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, kennt diese Fragen.

Mit Ende 20 zog ihr Sohn aus, um mit seiner Freundin zusammen zu leben. Bis dahin hatte Anna S. (Name geändert) gesorgt für die Familie, auch für den erwachsenen Sohn, der seinem Job als Handwerker nachging. Schon ein halbes Jahr vor dem Auszug hatte er aufgehört, mit seinen Eltern zu sprechen.

Tina Soliman, Journalistin und Autorin, hat mit tausenden Betroffenen gesprochen und zwei Bücher zum Thema verlassene Eltern geschrieben: "Funkstille" und "Der Sturm vor der Stille" (beide bei Klett-Cotta in Stuttgart erschienen)
Tina Soliman, Journalistin und Autorin, hat mit tausenden Betroffenen gesprochen und zwei Bücher zum Thema verlassene Eltern geschrieben: "Funkstille" und "Der Sturm vor der Stille" (beide bei Klett-Cotta in Stuttgart erschienen) | Bild: Uwe Zucchi/dpa

Zahlen darüber, wie oft es zu solchen Kontaktabbrüchen kommt, gibt es nicht. Als die Journalistin und Autorin Tina Soliman 2006 begann, sich mit dem Phänomen zu beschäftigen, waren solche Abbrüche weder in Psychiatrien noch bei Psychotherapeuten ein Thema. "Eigentlich hat sich daran nichts geändert", sagt sie. „Ich habe den Eindruck, dass nur ganz wenige Therapeuten mit dem Bindungsverhalten wirklich arbeiten."

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Bei ihr melden sich bis heute viele Menschen, die unter dem Kontaktabbruch in der Familie massiv leiden, die Trennung fast schon als traumatisch erleben und immer wieder in diese Schleife geraten, auch in Paarbeziehungen, verlassen zu werden oder zu flüchten. "Schaut man sich ihre Biografien an, weiß man warum. Die Abbrecher kommen aus 'Funkstille-Familien', sagt sie. 2011 erschien ihr erstes Buch "Funkstille – Wenn Menschen den Kontakt abbrechen", 2014 das zweite mit dem Titel "Der Sturm vor der Stille". Sie hat inzwischen tausende E-Mails von Betroffenen beantwortet.

Drei Jahre ohne jeden Kontakt

Seine Eltern hätten die Schwester bevorzugt, indem sie ihr das Studium finanzierten. Das war der einzige Vorwurf, den Anna S. und ihr Mann hörten. Doch auch ihr Sohn habe alle Freiheiten gehabt, beruflich zu tun, was er wolle. Die Funkstille machte ihnen sehr zu schaffen. Sie dauerte drei Jahre. Als ihr Sohn Geld brauchte, um sich selbständig zu machen, rief er das erste Mal wieder bei ihnen an. "Natürlich haben wir ihm das Geld gegeben", erinnert sich Anna S. Sie hätten immer das Beste für ihn gewollt. Sie sieht den Kontaktabbruch heute als Befreiungsschlag ihres Sohnes, der sich von ihnen emanzipieren musste. Inzwischen haben sie wieder Kontakt: "Er schaut oft, wie es uns geht und hilft uns, wo er kann."

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Es ist eine lange Zeit, die Eltern ihre Kinder begleiten, in der sie sie prägen, aber auch ihre eigenen Traumata weitergeben. "Die Kinder gehen aus Not, weil sie sich nicht mehr anders zu helfen wissen als zu schweigen", sagt Tina Soliman. "Sie sind der Ansicht, dass sie sehr deutlich kommuniziert haben, dass etwas in der Beziehung nicht stimmt." Viele hätten den Eindruck, dass sie nicht gut genug seien, so wie sie sind. Die Verlassenden bemängelten oft eine Gefühllosigkeit bei der Mutter, die nicht lieben könne, und eine Ignoranz beim Vater.

Sie hat eine Gruppe für Eltern gegründet: Bettina von Kienle, Gemeindepfarrerin der Matthäusgemeinde Villingen und Brigachtal und Klinikseelsorgerin am Schwarzwald-Baar Klinikum.
Sie hat eine Gruppe für Eltern gegründet: Bettina von Kienle, Gemeindepfarrerin der Matthäusgemeinde Villingen und Brigachtal und Klinikseelsorgerin am Schwarzwald-Baar Klinikum. | Bild: Gudrun Eckert

Auch Bettina von Kienle lernt als evangelische Pfarrerin und Klinikseelsorgerin im Schwarzwald-Baar Klinikum in Villingen-Schwenningen Eltern kennen, die tief verzweifelt sind, weil ihre Kinder nicht mehr nach Hause kommen. Deshalb hat sie zusammen mit einem Psychologen und einer Trauerbegleiterin eine Gruppe gegründet, die allerdings niemanden mehr aufnimmt, damit die Mitglieder angemessen zu Wort kommen können. Nur so könne man dem Einzelnen genügend Raum geben, sich mitzuteilen, sagt sie.

Vor vier Jahren, als ihr Sohn seine Freundin kennenlernte, brach ihr Sohn den Kontakt ab: Marion Hendreich aus Radolfzell vor einem Familienfoto aus besseren Tagen.
Vor vier Jahren, als ihr Sohn seine Freundin kennenlernte, brach ihr Sohn den Kontakt ab: Marion Hendreich aus Radolfzell vor einem Familienfoto aus besseren Tagen. | Bild: Jarausch, Gerald

Marion Hendreich weiß, wie sich das Verlassensein anfühlt

Marion Hendreich kennt die Zeiten des Alleinseins, des sich Verlassenfühlens. Gefasst und ruhig erzählt sie bei einer Tasse Tee von ihrem jüngeren Sohn, der vor vier Jahren mit ihr gebrochen hat: "Ich gehe inzwischen offen damit um." Deshalb hat sie vor drei Monaten in Konstanz eine Selbsthilfegruppe gegründet, in der sich verlassene Eltern austauschen können, um zu lernen, mit dem Schock zu leben. Die 62-jährige Physiotherapeutin aus Radolfzell ist geschieden und Mutter von zwei Söhnen. Ihr damaliger Freund trennte sich von ihr, als sie im fünften Monat schwanger war.

Als der heute 35-Jährige seine Freundin kennenlernte, kam es zum Bruch. Es war 2015 an seinem 31. Geburtstag, bei dem er seinen Gästen eröffnete, dass seine Freundin und er Eltern werden. "Er hat mir übel genommen, dass ich nicht kam", sagt Marion Hendreich, die sich von einer Krankheit erholte und die Feier nicht besuchen konnte. Während der Schwangerschaft sah sie ihren Sohn und dessen Freundin nur einmal, als die beiden sie fragten, ob sie sich vorstellen könnte, das Kind zu betreuen, weil die Freundin ihre Ausbildung fortsetzen wollte. Marion Hendreich freute sich und sagte zu.

"Ich habe geweint und war so verletzt"

Eine Woche nach der Geburt ihres Enkels, habe sie die junge Familie besuchen wollen. Nachdem sie ihren Besuch einige Tage vorher angekündigt hatte, stand sie mit frisch gekochten Rouladen und Geschenken vor der Tür. Doch die Mutter der Freundin ihres Sohnes wimmelte sie ab. Sie sah das Kind nicht, auch ihren Sohn und die Freundin nicht. "Ich bin davongestürzt, habe geweint und war so verletzt", sagt sie. Wenig später bekam sie einen Brief, mit dem Verbot, ihren Enkel zu sehen.

Als ihr Sohn krank wurde, sprang sie ein und kam einmal die Woche nachmittags in die Wohnung der jungen Eltern, um den Kleinen zu versorgen. Doch schon nach wenigen Wochen, überwarf sich die Freundin mit ihr, meinte, das Kind sei bei ihr nicht gut versorgt. Wieder Funkstille.

Marion Hendreich bat in einem Brief um ein Foto ihres Enkels. Erst Monate später bekam sie die ersten Bilder. Doch seit er auf der Welt ist, hat sie nie mit ihm Weihnachten feiern dürfen. Ihr Sohn lehnte jede Frage nach dem Warum, auch jedes Gesprächsangebot seiner Mutter ab. Vor dem Kontaktabbruch waren die beiden einmal im Monat zusammen essen.

Zur Taufe vor zwei Jahren war Marion Hendreich wieder eingeladen. Dazwischen kein Kontakt. Zum 80. Geburtstag ihrer eigenen Mutter vergangenen Sommer, kamen auch ihr Sohn mit seiner Freundin und dem Enkel. Beide haben kein Wort mit ihr gesprochen. "Ich habe sehr gelitten, die Schuld bei mir gesucht", sagt sie. Heute glaubt sie, dass ihr Sohn nach Gründen sucht, um loslassen zu können. "Wenn man 20 Jahre lang alles für seine Kinder tut und dann so behandelt wird, fühlt man sich wie eine Versagerin." Erst suchte sie nach Erklärungen, dann hatte sie Verständnis, später kam die Wut. Vor einem Jahr habe sie sich die Macht über ihr Leben zurückgeholt. Sie hat sich in Kursen viel mit sich selbst beschäftigt. "Heute weiß ich, dass es nicht nur eine Ursache gibt."

Auch für die Abbrechenden sei der Prozess sehr schmerzhaft, sagt die Journalistin Tina Soliman, denn es koste Kraft, nicht ans Telefon zu gehen: "Das sei wie Leistungssport, hat mir neulich eine Frau geschrieben." Eltern rät sie, den Abbruch zu respektieren: "Wenn man jemandem zu nahe kommt, kann er auch nicht auf einen zugehen."