Herr Böhme, Sie sortieren Tag für Tag Tonnen von Plastikmüll – auch aus Mainfranken. Ersticken wir bald darin, wie es Skeptiker gerne behaupten?

Wir ersticken nicht in Plastikmüll. Aber wir nehmen zunehmend die falsche Kunststoffart, um Dinge einzupacken – nämlich die, die man nicht mehr recyceln kann.

Zum Beispiel?

Diese Mehrschichtverpackungen für Wurst aus dem Supermarkt. Sie bestehen aus so vielen Schichten, dass man sie nicht mehr ordentlich zu stofflichen Produkten machen kann. Leider setzen wir den Kampf bei der Plastiktüte an, die meistens aus Polyethylen besteht und die man eigentlich sehr gut recyceln könnte.

Wer genau ist bei diesen Wurstverpackungen mit der schwarzen Schale in der Pflicht?

Der Verbraucher hat die Möglichkeit, durch sein Einkaufsverhalten auf den Handel und die Verpackungshersteller Einfluss zu nehmen. Da kämpft häufig das ökologische Gewissen gegen die Bequemlichkeit.

Da Sie die Problematik kennen: Wie reagieren Sie als Kunde im Supermarkt?

Ich gestehe – ich kaufe auch diese Verpackungen. Weil man teilweise gar nicht drum herumkommt.

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Bundesumweltministerin Svenja Schulze hat vor Kurzem im Kampf gegen Plastikmüll einen Fünf-Punkte-Plan vorgelegt. Ist das der große Wurf?

Nein. Es ist leider nur eine Mischung. Es geht in die richtige Richtung, aber der Weg ist häufig mit Symbolpolitik gepflastert. In dem Fünf-Punkte-Plan steht: überflüssiges Plastik vermeiden. Das kann man sofort unterschreiben. Ich stehe jeden Tag vor einem fünf Meter hohen Berg mit Verpackungsabfall aus ganz Nordbayern, den wir sortieren. Ich entdecke da aber keine Trinkhalme oder Wattestäbchen und ganz wenig Einweggeschirr. Das ist nicht unsere Hauptzielrichtung. Wir müssen an die tagtäglichen Verpackungen, die die Masse ausmachen.

Was genau ist an dem Fünf-Punkte-Plan gut?

Die Zielsetzung ist die richtige. Erst mal vermeiden, dann umweltfreundlicher gestalten und dann das Recycling fördern. Der Weg dahin – darüber muss man diskutieren.

Und was genau ist an dem Plan schlecht?

Dass – wie oft in der Politik – mit vielen Symbolen gehandelt wird. Zum Beispiel das Thema Kampf gegen Plastikmüll in den Meeren: Das ist kein deutsches Problem und die Lösung wird auch keine deutsche sein. Das ist vielmehr eine chinesische oder vielleicht noch afrikanische Problematik. Die Chinesen werden sich von den 50 Millionen Euro, die der Bund bereitstellt, wenig beeindrucken lassen.

Es ist auch die EU im Spiel. Sie will gegen Einwegplastik vorgehen. Was ist davon zu halten?

Das ist diese Symbolpolitik. Es sind keine Wattestäbchen und keine Trinkhalme aus Deutschland, die die Weltmeere verschmutzen. Dieser Zusammenhang wird oft hergestellt, doch er ist schlichtweg falsch. Die Verschmutzung der Weltmeere und diese Müllteppiche kommen aus zehn Flüssen. Von diesen sind sieben in China und drei in Afrika. Diese Länder interessiert das nicht. Dort gibt es keine geordnete Müllabfuhr. Da muss man ansetzen.

China und Afrika: Es heißt immer, dass unser Plastikmüll dorthin gebracht wird. Also hätten wir doch eine Mitschuld an der Verschmutzung der Meere.

Plastikmüll nach China – das war einmal. Die Chinesen hatten viele Kunststoffabfälle eingekauft. Allerdings nicht, um sie ins Meer zu kippen. Sie kauften ein, weil sie den Rohstoff für ihre Kunststoffindustrie brauchten. Sie haben dafür teures Geld bezahlt. Das ist aber seit vorletztem Jahr fast komplett zum Erliegen gekommen aufgrund chinesischer Importbestimmungen. Es war auch nicht unser Verpackungsmüll, der dahin ging. Sondern es waren technische Kunststoffe aus der Kunststoffindustrie. In China ist der Konsum viel stärker gewachsen als die Abfallbewirtschaftung. Die haben das einfach nicht. Die Abfallbewirtschaftung in China ist der Fluss.

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Umweltministerin Schulze denkt über ein Verbot überflüssiger Verpackungen nach. Wird sich das überhaupt durchsetzen lassen?

Man muss nicht gleich mit einem Verbot arbeiten. Ökologisch unvorteilhafte Verpackungen sollen ja schon durch das neue Verpackungsgesetz teurer werden für die Hersteller und Inverkehrbringer. Dann werden die sich dreimal überlegen, ob sie eine nicht recycelbare Verpackung verwenden.

Die Dualen Systeme erreichen bis heute nicht jene Recyclingquoten, die sich die politisch Verantwortlichen davon versprochen haben. Wie erleben Sie das in der Praxis?

Der Druck auf die Recyclingquoten ist enorm gewesen. Mittlerweile ist der technische Fortschritt größer geworden: Wir investieren jedes Jahr Millionenbeträge in unsere Sortieranlage, um auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Es ist ja nicht so, dass wir etwa aus Bequemlichkeit oder Profitgier nur ganz wenig aus dem Abfallgemisch herausholen. Das Problem setzt woanders an: Man müsste erst einmal aufklären, was da überhaupt rein darf. Denn weil nur die Hälfte dessen, was wir reinbekommen, Verpackung ist, wird es schwierig, über die Hälfte stofflich wieder zu recyceln. Der Rest sind Störstoffe.

Seit diesem Monat macht in Deutschland das neue Verpackungsgesetz höhere Recyclingquoten zur Pflicht. Bringt uns das voran?

Natürlich. Ich begrüße es sehr, dass die Latte höher gelegt wird. Wir erreichen diese Quoten bereits seit zwei Jahren. Die Entwicklung wird weitergehen, dass immer mehr recycelt und herausgeholt wird. Weil man technisch und eben jetzt auch gesetzlich dazu gezwungen sein wird. Man darf aber trotzdem nicht vergessen, dass das, was bei uns in den Sortieranlagen ankommt, recyclingfähig sein muss.

Von Ihnen stammt die Aussage, dass sich die Verpackungsindustrie wenig darum schert, wie die Sortieranlagen mit dem Müll klarkommen.

Richtig. Ich bemerke aber ein Umdenken. Es gibt viele Initiativen, die genau da ansetzen – was ich sehr begrüße. Die Entwicklung geht dahin, dass man sagt: Kann man nicht zum Beispiel Polyolefine – also Polyethylen, Polyproylen – stärker verwenden als andere technische Kunststoffe? Eine weitere Herausforderung: Mit den ehrgeizigeren Recyclingquoten nimmt die Menge an Sekundärrohstoffen für die Verarbeiter zu. Es muss jetzt nur noch eine Nachfrage geben für das Regranulat, das daraus entsteht.

Woran hakt es?

Es ist teilweise für einen Verpackungsproduzenten günstiger, aus Rohöl hergestellte Neuware einzusetzen als Recyclingkunststoffe. Ein Problem ist, dass die Lebensmittelindustrie begründet, dass Recyclingkunststoff nicht ohne Weiteres wieder eingebracht werden kann. Weil man ja vermeiden will, dass dadurch irgendwelche verunreinigten Stoffe in den Lebensmittelzyklus eingebracht werden. Die Anwendungsmöglichkeiten sind noch nicht so, dass die Produzenten unbedingt unser Material brauchen. Andererseits gibt es schon hochwertiges Recycling, wo man nicht merkt, dass man es mit Recyclingkunststoff zu tun hat.

Mikroplastik, Verschmutzung der Weltmeere: Haben Sie als Privatmann Angst, wohin die Menschheit da steuert?

Nein. Angst nicht. Ich sehe wohl, dass man da was tun muss. Ich muss nochmal auf die Symbolpolitik zurückkommen: Die halte ich für gefährlich, weil man meint, man hat jetzt was getan. Man hat den Trinkhalm verboten und das Wattestäbchen – und damit ist es gut und das Gewissen beruhigt. Wenn man aber tagtäglich sieht, was da alles weggeworfen wird, wird klar, dass man sich auf die Mengenströme konzentrieren muss. Es sollte auch bei der Herstellung von Produkten angesetzt werden: Man muss in ein Shampoo keine Kunststoffpartikel einbringen, die dann ins Wasser gelangen. Das könnte man verbieten.

Fragen: Jürgen Haug-Peichl