Ein Geistlicher aus Tannau bei Tettnang hat es im Aostatal zu großem Ansehen gebracht. Am Friedhof des Bergdorfs Gressoney-La-Trinité, wo er begraben liegt, erinnert an ihn eine Gedenktafel. Die "Achtung, Liebe und Dankbarkeit" der Gemeinde sei ihm gewiss, heißt es darauf.

Bild: Bruggaier, Johannes

Wie Nicola Vicquéry betont, ist diese Aussage nicht übertrieben. Das will was heißen: Denn Gerhard Betzle, so hieß dieser Geistliche vom Bodensee, ist schon seit fast 150 Jahren tot.

Hinter dem Monte Rosa

Nicola Vicquéry ist hier aufgewachsen, eine Kindheit im Hochgebirge mit harten Wintern und anstrengenden Sommern.

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Heute arbeitet er hier im Tourismusamt. Im Winter ist er vor allem als Skilehrer tätig.

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Im Sommer verstärkt als Touristenführer.

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Mit Deutschen hat er dabei wenig zu tun: Zu weit ist der Weg hinter das Monte-Rosa-Massiv, zu viele andere Skigebiete und Wanderparadiese sind günstiger gelegen.

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Und doch sind Spuren deutscher Sprache allgegenwärtig. Zum Beispiel im bedeutendsten Museum des Ortes. Es befindet sich im historischen Haus einer einstmals hier wohnhaften Walser-Familie, jener alemannischen Volksgruppe, die auch am Bodensee beheimatet war. Irgendwann im 13. Jahrhundert müssen sie über den Theodulpass gekommen sein, auf der Suche nach neuem Wohn- und Lebensraum.

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Sie handelten mit Stoffen und Trachten, zogen als Krämer von Haus zu Haus und lebten in bescheidenen Hütten, Seite an Seite mit dem Vieh. Im beengten Wohnzimmer erklärt Vicquéry manches erstaunliche Detail. Zum Beispiel das arg klein geratene Fenster: Wer eine großzügige Sicht auf die Landschaft haben wollte, habe seinerzeit mehr Steuern zahlen müssen, sagt er.

Große Fenster, hohe Steuern

"Weil große Fenster immer auch höhere Heizkosten bedeutet haben." Energieverbrauch war also schon damals keine Privatsache. Geheizt wurde schließlich mit Holz, und wer davon viel verbrauchte, bediente sich bei den umliegenden Wäldern.

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Bis heute hat sich das Deutsch der Walser in Gressoney erhalten. "Titsch" nennt sich dieser Dialekt, der die Butter noch als "Anken" bezeichnet und das Frühstück als "Fennis".

Französische Namen in Italien

Man könnte ihn als ein sprachgeschichtliches Randphänomen abtun, wie es in vielen Grenzregionen Europas zu finden ist – wären da nicht die eigentümlichen Ortsnamen dieses Alpentals. Gressoney-La-Trinité, Saint-Vincent, Courmayeur: Klingt das nicht seltsam französisch für italienische Verhältnisse?

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Tatsächlich ist das Französische nicht nur offizielle Sprache des Aostatals, sondern gilt auch als Garantieschein für seine Autonomie mit Sonderstatus: Nach Rom gehen nur zehn Prozent des Steueraufkommens, der Rest darf vor Ort reinvestiert werden. Wer nach dem Grund fragt, lernt Italien verstehen.

Jünger, als man glaubt

Die Nation nämlich ist jünger, als mancher glauben mag. Noch Gerhard Betzle, der Pfarrer vom Bodensee, wäre bei seinem Amtsantritt in Gressonay-La-Trinité nicht auf die Idee gekommen, Teil einer italienischen Gemeinde zu werden. Damals gehörte das Aostatal zum Herrschaftsgebiet des Hauses Savoyen, und gesprochen wurde selbstverständlich Französisch oder aber "Patois", ein frankoprovenzalischer Dialekt.

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Zwar hat die italienische Nationalbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen Staat erkämpft. Die kulturellen Unterschiede aber blieben darin bestehen. Mit Zugeständnissen an Regionen wie das Aostatal versucht die Regierung in Rom bis heute möglichen Konflikten vorzubeugen.

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Damit das so bleibt, müssen die historisch bedingten Unterschiede weiterhin sichtbar bleiben: Vor allem deshalb hat, wer sich um eine Anstellung im öffentlichen Dienst bewirbt, erst eine Prüfung im Fach Französisch zu bestehen – obwohl diese Sprache im Alltag kaum noch gesprochen wird.

Beeindruckendes Alpenpanorama

So liegt die größte Überraschung beim Besuch dieser Gegend nicht etwa im beeindruckenden Alpenpanorama (mit Monte Rosa, Matterhorn und Mont Blanc). Darauf dürfte sich einstellen, wer einen Urlaub am südlichen Alpenrand plant.

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Unerwartet ist vielmehr die kulturelle und historische Dimension: An imposanten Gebäuden wie der 1240 errichteten Burg von Fénis oder auch der erst 1838 vom Haus Savoyen gebauten Befestigungsanlage Fort di Bard lässt sich über die Lebenswirklichkeit und auch die Grenzkonflikte vergangener Epochen mehr lernen als in mancher europäischen Metropole. Wenn Italien ein Stiefel ist, der uns so oft fremd und unbequem erscheint, dann ist das Aostatal der dazu passende Schuhlöffel.

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Das gilt auch für das Kunsthandwerk, das sich in dieser Gegend großer Beliebtheit erfreut und auf dem mehr als tausend Jahre alten Sant'Orso-Jahrmarkt alljährlich Ende Januar gefeiert wird.

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Den Einwohnern ist dieser Umstand ganz offenkundig bewusst. Geschickt kombinieren Hotelbetreiber und Gastronomen die Themenfelder Natur mit Geschichte. Besonders eindrucksvoll ist das zu erleben in der "Confrérie du moyen age" auf etwa 1000 Höhenmetern.

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Was die beiden Gastgeber Giada und Marco Bessone hier auf die Beine gestellt haben, ist außergewöhnlich: eine Herberge, die ihrem Gast das Mittelalter nicht nur vorspielt oder als Museum präsentiert. Sondern die ihn wahrhaftig mit Haut und Haaren in diese Zeit entführt, mit Heiligenbildern auf wurmzerfressenen Holztruhen, Falltüren mit Flaschenzug und Speisen von Zinntellern am offenen Kamin.

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Wer Glück hat, darf dazu auch eine Darbietung von mittelalterlicher Musik genießen.

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Auch wenn es um die Ecke ein kleines Skigebiet gibt, ist die Lage vor allem für Wanderer attraktiv. Vom Hausberg aus lassen sich alle Viertausender der Region sehen. Fürs Matterhorn – aus ungewohnter Perspektive! – reichen schon ein paar Minuten Autofahrt.

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Zum Skifahren lohnt sich eher das Gebiet um Gressoney-La-Trinité mit 180 Pistenkilometern und 26 Liften.

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Und wer gar nicht in die Berge will, der kann ein Utensil gleich zuhause lassen: den Regenschirm. Die geografische Lage des Aostatals sorgt dafür, dass Wasser fast nur in Höhenlagen vom Himmel fällt. Aber wer will bei diesem Anblick schon unten bleiben?

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