Ach ja, was wollte und sollte man nicht noch alles tun! Sich besser ernähren etwa, gesünder leben und endlich ein wenig Sport treiben – Schach zum Beispiel. Stattdessen schieben wir eine Bugwelle aus unerledigten Aufgaben, mehr oder weniger guten Ideen und uralten, aber heißgeliebten Plänen vor uns her.

Irgendwie kommt halt immer was dazwischen. Anstatt mal langsam die letzten dreißig angeschafften Bücher zu genießen und den Stapel aus gefühlt fünfzig Ausgaben dieser unhandlichen Wochenzeitung durchzusehen, landet man regelmäßig vor dem Fernseher und isst irgendwas Ungesundes, um nicht zu vergessen, was man nicht mehr essen wollte.

Ein schlechterer Mensch, der sich besser fühlt

Ein Glück, dass irgendjemand für willensschwache Menschen vor längerer Zeit den Jahreswechsel erfunden hat, um mit Pauken und Raketen ein neues persönliches Zeitalter beginnen zu können. Der Silvesterabend ist die Gelegenheit, ein besserer Mensch zu werden – oder wenigstens ein schlechterer, der sich besser fühlt.

Im neuen Jahr endlich mehr bewegen: ein sehr beliebter guter Vorsatz, dem oft nur wenig Taten folgen.
Im neuen Jahr endlich mehr bewegen: ein sehr beliebter guter Vorsatz, dem oft nur wenig Taten folgen. | Bild: Alena Ozerova - stock.adobe.com

Dumm nur, dass man auf der Fete zum Jahreswechsel nicht allein ist mit der Idee des Neuanfangs. Das Kokettieren mit der eigenen Unzulänglichkeit gehört schließlich an diesem Abend zum guten Ton. Auch wer sich glücklich und zufrieden fühlt, denkt sich lieber schnell ein im neuen Jahr zu beseitigendes Manko aus, um nicht völlig desinteressiert und entwicklungsunwillig zu erscheinen.

Zu viel auf einmal

Wer dagegen Verbesserungspotenzial im Überfluss bei sich sieht, beschränkt sich vor anderen lieber auf ein oder zwei Vorhaben. Denn mit der öffentlichen Erklärung, endlich Italienisch lernen zu wollen, beginnt eine Bewährungsfrist – genau wie mit der parallel im Stillen gefassten Absicht, auch gleich Zucker, Fett und Fleisch den Kampf anzusagen, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen und mehr für die Beziehung zu tun, den Fernseher – abgesehen von einer komplizierten Ausnahmeregelung – völlig zu boykottieren und sich körperlich mehr zu bewegen.

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Dummerweise gelingt es kaum jemandem, sich über den Abend der großen Entschlüsse hinaus zu bewähren. Spätestens nach zwei Monaten sind alle Vorsätze vergessen, oder konnten leider aufgrund unvorhersehbarer Umstände nicht realisiert werden. Die Folge: Man fühlt sich mal wieder schlecht, böse, schwach und dumm, kurz: Das Gewissen plagt, sobald wir daran denken, was eigentlich alles anders werden sollte – und das weit vor der nächsten Gelegenheit zur feierlichen Selbstkorrektur.

Dinge, die man garantiert schafft

Wer sich nichts vornimmt, entwickelt sich nicht weiter und kapituliert vorauseilend vor der eigenen Schwäche. Setzt man sich Ziele, scheitert aber daran, beginnt das neue Jahr gleich mit einem Misserfolg, der auch nicht gerade aufbauend wirkt. Wer sich als willensstark erleben will, muss Prioritäten setzen!

Mehr Zeit für die Familie: Das wünschen sich die meisten Menschen.
Mehr Zeit für die Familie: Das wünschen sich die meisten Menschen. | Bild: Rido - stock.adobe.com

Deshalb nehmen wir uns diesmal lauter Dinge vor, die wir garantiert schaffen: Keine Vokabeln lernen, nichts für die Partnerschaft tun, bloß keinen Sport treiben oder gar weniger essen! Während andere sich dann kurz darauf beklagen, dass ihre Vorhaben dahinschwinden, werden wir endlich mit gutem Grund das eiserne Festhalten an unseren Zielen feiern: Miese Stimmung daheim, kein Gewichtsverlust, keinerlei Wissenszuwachs – wir sind im Plan!

Einfach um die Ecke gedacht

Selbstcoaching kann so einfach sein, wenn man nur ein wenig Ehrgeiz und guten Willen an den Tag legt. Nur was passiert, wenn wir auch diesmal versagen sollten? Hier etwas weniger gegessen, da ein nettes Wort zu viel, dort zu lange spazieren gegangen und schon sind alle Vorhaben wiederum vom Scheitern bedroht.

Ganz einfach: Wir nehmen uns auch vor, nach einiger Zeit alle Vorsätze zu vergessen und damit sind wir endgültig auf der sicheren Seite! Und wer weiß, vielleicht macht es dann ja sogar Spaß, sich dem bis dahin Verbotenen zu widmen: wie aus Versehen nett sein im engsten Umfeld, heimlich Vokabeln lernen, oder unauffällig weniger essen. Es ist eben doch ganz leicht, Veränderungen zu erreichen – man muss nur wissen, wie.

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