Goldenes Nachmittagslicht strömt auf den Markusdom in Venedig, der vom extremen Hochwasser im November des vergangenen Jahres stark in seiner Substanz angegriffen wurde, auch wenn man das auf den ersten Blick gar nicht unbedingt sieht. Der Platz vor dem mächtigenSakralbauist zu dieser Jahreszeit normalerweise prall gefüllt mit Touristen.

Keine ausgebuchten Hotels

Ganz anders in diesem Jahr.

Nur ein paar kleine Besuchergruppen wandern umher. Auf dem Markusplatz wird gerade der Karneval vorbereitet, der am Samstagabend mit einer Show auf dem Wasser begonnen hat. Karneval ist einer der touristischen Höhepunkte des Jahres in Venedig. Aber dieses Mal ist es anders: Die Stadt ist nicht ausgebucht.

Eine Frau fotografiert ein Schild an einem Cafe am Markusplatz „A Spritz a day keeps the Acqua Alta away“ (ungefähr: Ein „Spritz“ am Tag hält das Hochwasser fern). Drei Monate nach dem dramatischen Hochwasser klagt Venedig auf einmal über zu wenig Besucher.
Eine Frau fotografiert ein Schild an einem Cafe am Markusplatz „A Spritz a day keeps the Acqua Alta away“ (ungefähr: Ein „Spritz“ am Tag hält das Hochwasser fern). Drei Monate nach dem dramatischen Hochwasser klagt Venedig auf einmal über zu wenig Besucher. | Bild: Annette Reuther, dpa

„Wir hatten einen katastrophalen Dezember, mit einer kleinen Erholung um Neujahr herum“, sagt Paola Mar, Tourismusbeauftragte der Stadt. Über die rund zwei Wochen langen Karnevalsfeiern bis zum 25. Februar würden zwar mehr Besucher erwartet. „Aber im März wird es wieder sehr wenig sein.“

Fake News bremsen Touristenstrom

Denn zum „Acqua Alta“ kam der Coronavirus hinzu, weshalb weniger chinesische Touristen kommen. Doch das sei nicht so sehr spürbar, sagt Mar, da die meisten Besucher in Venedig aus den USA und Europa kämen.

Die Ruhe auf dem Markusplatz wissen die Einwohner durchaus zu schätzen.
Die Ruhe auf dem Markusplatz wissen die Einwohner durchaus zu schätzen. | Bild: Annette Reuther, dpa

Das Problem beim Hochwasser seien auch „Fake News“ gewesen. „In Indien dachten einige sogar, wir hatten hier 250 Tote durch das Hochwasser“, erzählt sie. Viele glaubten, die Stadt habe kontinuierlich unter Wasser gestanden.

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Aber die Flut zog sich nach einigen Stunden wieder zurück. Hoteliers sprechen von einer „Psychose“ verängstigter Besucher. Sie erzählen, Menschen hätten angerufen und gefragt, ob sie mit ihren Kindern kommen könnten, oder ob es zu gefährlich sei.

Hochwasserschäden sind im Stadtbild kaum sichtbar

Die Bilder von dem Hochwasser hätten den falschen Eindruck hinterlassen, dass ganz Venedig zerstört sei, klagt der venezianische Hotelverband. Die Buchungen seien extrem zurückgegangen. Insgesamt beziffert die Stadt die Schäden durch das Hochwasser auf mehr als eine Milliarde Euro. Aber im Stadtbild sieht man das kaum. Restaurants, Cafés und Bars, Museen und Hotels waren nach wenigen Tagen wieder betriebsbereit.

In diesen Tagen fast schon ein seltener Anblick: Eine Gondel mit Touristen fährt durch einen Kanal in Venedig.
In diesen Tagen fast schon ein seltener Anblick: Eine Gondel mit Touristen fährt durch einen Kanal in Venedig. | Bild: Annette Reuther, dpa

Es ist eine absurde Situation: Venedig – die Stadt, die wie kaum eine andere unter „Overtourism“ leidet – bittet auf einmal um mehr Besucher. Kommune und Hoteliers rufen Journalisten aus dem Ausland auf, Fehlinformationen von einer angeblich kaputten Stadt geradezurücken.

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Eine Ruhe, die es sonst zu dieser Zeit gar nicht gibt

Sicher, es ist nur ein Teil der Menschen in Venedig, die nun um Touristen bitten. Der Rest ist einfach froh, dass ein wenig Ruhe eingekehrt ist. Eine Zeit, in der die Stadt reflektieren kann, was es neben dem Tourismus sonst noch gibt. Und wie das Welterbe vor einer neuen Flut wirklich geschützt werden kann.

Nachhaltig beschädigt: Der unter Wasser stehende Markusdom im November 2019.
Nachhaltig beschädigt: Der unter Wasser stehende Markusdom im November 2019. | Bild: Elisa Lingria, dpa