Zupackend, risikofreudig, erfolgshungrig und egoistisch – ohne diese Charaktereigenschaften geht im Geschäftsleben nur wenig. Doch wird man mit ihnen geboren, oder kann man sie erlernen? Laut aktuellen Studien gibt es noch eine dritte Option: Man wird damit infiziert. Einige Forscher sehen sogar im kompletten Kapitalismus unserer Tage einen heimtückischen Parasiten am Werk.

Für den Philosophen Thomas Hobbes stand fest: „Homo homini lupus.“ Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Es ist ein Satz, bei dem nicht wenige zustimmend nicken, weil sich der Homo sapiens mehr denn je als Raubtier zu gebärden scheint. Doch möglicherweise liegt das gar nicht in seiner ursprünglichen Natur, und er ist krank. Infiziert von Toxoplasma gondii.

Ausgefeilte Überlebensstrategie

Denn dieser Einzeller hat ein Problem: Sein einziger Hauptwirt, in dem er sich vermehren kann, ist die Katze, von der Hausmieze bis zum Tiger; doch um hier von einem Exemplar zum nächsten wechseln zu können, benötigt er Zwischenwirte, wie etwa Vögel, Mäuse und eben auch den Menschen. Und die muss der Parasit dazu bringen, sich von einer Katze fressen zu lassen, damit er wieder dorthin kommt, wo er sich fortpflanzen kann. Dazu muss er das Verhalten seiner Zwischenwirte ändern – und das schafft er mit beeindruckender Präzision.

So verlieren Mäuse ihre Scheu und laufen leichtsinnig im Freien umher, sobald sie mit Toxoplasmose infiziert sind. Für Affen und Menschen wurden ähnliche Verhaltensweisen gefunden: Sie werden nach einer Infektion deutlich risikobereiter und impulsiver, verlieren sogar ihre ursprüngliche Abneigung gegen den Geruch von Katzenurin. „Man nimmt heute an, dass all dies früher zu einer Zunahme der Wahrscheinlichkeit geführt hat, Opfer von Raubkatzen zu werden“, erklärt Manfred Spitzer von der Uni-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Ulm.

Bei Nagetieren konnten durch Toxoplasma verursachte Verhaltensänderungen nachgewiesen werden. So verlieren infizierte Tiere ihre angeborene Scheu gegenüber dem Geruch von Katzen, was dem Lebenszyklus von Toxoplasma förderlich ist.
Bei Nagetieren konnten durch Toxoplasma verursachte Verhaltensänderungen nachgewiesen werden. So verlieren infizierte Tiere ihre angeborene Scheu gegenüber dem Geruch von Katzen, was dem Lebenszyklus von Toxoplasma förderlich ist. | Bild: Wolfgang Kumm

Veränderungen im Gehirn

Forscher der Universität Magdeburg und des Leibniz-Instituts für Neurobiologie haben jetzt auch herausgefunden, wie der Parasit das Verhalten seiner Zwischenwirte manipuliert: Er besetzt deren Gehirn und verändert dort die molekulare Zusammensetzung der Synapsen, also den Kontakteinheiten zwischen den Neuronen. Was an sich schon ziemlich gruselig klingt. Besonders schwer wiegt aber, dass sich daran auch nichts ändert.

Die vom Parasiten eingeleiteten Verhaltensänderungen sind also dauerhafter Natur. Weswegen ein internationales Forscherteam der Frage nachgegangen ist, ob es nur Zufall ist, dass man sich im großen Wirtschaftsbusiness ähnlich verhält wie die Mäuse, Affen und Menschen, die mit Toxoplasmose infiziert sind. Dazu führte man mehrere Studien durch. So untersuchte man den Speichel von knapp 1300 Studenten auf Toxoplasmose-Antikörper und setzte den Befund in Relation zum Studienfach der Probanden. Das Ergebnis: Die BWL-Studenten hatten eine Infektionsquote von 31 Prozent, während man in den übrigen Studiengängen gerade mal auf 22 Prozent kam.

Manager besonders betroffen

Die Forscher differenzierten daraufhin auch innerhalb der BWL-Gruppe, und zwar nach den Studienschwerpunkten. Dabei ergab sich folgendes Bild: Wer sich auf Buchhaltung und Finanzen spezialisiert hatte, war in 29 Prozent der Fälle mit Toxoplasmose infiziert; bei denjenigen hingegen, die ins Management und Unternehmertum wollten, lag die Quote bei 42 Prozent. „Das ist fast doppelt so viel wie bei den anderen Studiengängen“, betont Studienleiterin Stefanie Johnson von der University of Colorado.

Für eine weitere Studie verließen die Wissenschaftler den Uni-Campus, um auf Business-Tagungen die Blutproben von erfolgreichen Unternehmern zu nehmen und sie mit den Proben von denjenigen zu vergleichen, die zwar etwas Eigenes auf die Beine stellen wollen, aber es noch nicht getan haben. Das Ergebnis: Die Infektionsquote der etablierten Firmenbesitzer war ums 1,8-fache höher. Weswegen Spitzer durchaus die Frage für berechtigt hält: „Ist Unternehmertum und damit die wesentliche Triebkraft unseres gesamten Wirtschaftssystems nichts weiter als die Folge einer Infektion?“ Für eine Antwort wäre es interessant, die Infektionsquoten von kapitalistischen und nicht-kapitalistischen Ländern miteinander zu vergleichen. Und das kann man tatsächlich tun. Denn Johnson und ihr Team haben auch die offiziellen Toxoplasmose-Raten von über 40 Ländern erfasst.

Prägt der Parasit Gesellschaften?

Demnach liegt die weltweite durchschnittliche Infektionsquote bei 34 Prozent, aber dabei gibt es offenbar eine weite Streuung. So findet man die niedrigste Quote, gerade mal 8,6 Prozent, in Norwegen. Also einem Land mit bekanntermaßen starkem Sozialsystem. Deutschland liegt mit knapp 42 Prozent im gehobenen Mittelfeld, auf einer Stufe mit der Türkei und Belgien. Besonders interessant ist jedoch, wer die Toxoplasmose-Liste anführt: Nämlich Brasilien mit 60,4 Prozent, dicht gefolgt von Ungarn, Indonesien, Jamaika und Kolumbien. Die stark kapitalistisch und unternehmerisch orientierten USA kommen hingegen gerade mal auf 16 Prozent, liegen also weit unter dem Durchschnitt.

Eine mögliche Erklärung dafür wäre, dass die Toxoplasmose-Spitzenreiter eine ausgeprägt patriarchalische Gesellschaft haben, was zu einem weiteren Effekt des Parasiten passen würde: Er treibt nämlich den Testosteronpegel nach oben. Eine andere Erklärung wäre aber auch, dass der Einfluss des Parasiten doch nicht so groß ist, um ganze Gesellschaftssysteme zwangsläufig umzukrempeln. Bis zu einem gewissen Grad hat der Mensch dies auch selbst in seiner Hand.

Toxoplasma gondii
Eine vergrößerte Aufnahme des Einzellers Toxoplasma gondii. | Bild: Wikipedia

Was ist Egoismus?

"Der Mensch, der mir am nächsten ist, bin ich, ich bin ein Egoist" sang Falco einst. Aus wissenschaftlicher Sicht beschreibt Egoismus Selbstsucht, Ich-Bezogenheit, auch Selbstliebe. In der engsten Definition ist das Verhalten egoistisch, bei dem der Egoist bewusst in Kauf nimmt, dass damit andere geschädigt werden. Oder, nochmal Falco, "die Sterne schreiben meinen Namen in das Firmament, damit er hell in euren Augen brennt". (dod)

Ein Männerding

Sind Männer egoistischer als Frauen? Frauen sind sich laut Umfragen sicher, und selbst Männer sehen Egoismus bei Frauen nicht als wirklich ausgeprägt an. Die Wissenschaft gibt ihnen recht. Zumindest eine Studie der Uni Zürich zeigte 2017, dass das männliche Gehirn egoistisches Verhalten stärker belohnt als das weibliche. Allerdings: Angeboren ist das nicht, sondern anerzogen. Die Forscher erklären das mit verschiedenen kulturellen Erwartungen an Männer und Frauen. (dod)