Dass Tirol einer der größten Infektionsherde für das Coronavirus ist, bestreitet inzwischen kaum jemand. 1260 positiv auf Corona-Getestete zählte Tirol bis gestern Nachmittag. Davon liegen 130 im Krankenhaus, vier verstarben bereits. Da in Südtirol mit 44 sehr viel mehr Todesfälle beklagt werden, teilte der Tiroler Landeshauptmann Platter mit, dass fünf der 48 Südtiroler Intensivpatienten nach Nord- und Osttirol übernommen werden. Mit dieser guten Nachricht lässt sich der Behördenskandal jedoch kaum überdecken.

Seit Montag beschäftigt das Vorgehen der Verantwortlichen für die Corona – Hot-Spots Ischgl und St. Anton auch die Gerichte. Nach dem Land Tirol hat sich auch die österreichische Verbraucherschutzorganisation (VSV) an die Staatsanwaltschaft in Innsbruck gewandt. Der Vorsitzende der VSV, Peter Kolba, bittet die Staatsanwaltschaft, in einer Sachverhaltsdarstellung zu ermitteln, ob die Tiroler Behörden absichtlich die Sperre von Hotels und Pisten hinausgezögert haben, um die Tourismusbetriebe zu schützen.

Wer war in Ischgl?

Außerdem wollen die Verbraucherschützer europaweit diejenigen sammeln, die sich in Ischgl und anderen Tiroler Skiorten mit dem Corona-Virus infiziert haben. Gegebenenfalls sollen Entschädigungen eingeklagt werden. Ermitteln soll die Staatsanwaltschaft gegen die Verantwortlichen in Tirol: den Landeshauptmann Günther Platter, zwei Landesräte, mehrere Bürgermeister von bekannten Skiorten sowie drei Seilbahnverantwortliche.

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Das Land Tirol schaltete die Staatsanwaltschaft aufgrund einer Anfrage der ZDF-Journalistin Britta Hilpert an den Bürgermeister von Ischgl ein. Es geht um die Information, dass schon Ende Februar in einem Ischgler Après-Ski-Betrieb eine Mitarbeiterin wegen Verdachts auf Corona-Infektion nach Hause geschickt worden sein soll. Anders als gesetzlich vorgeschrieben, meldete der Arbeitgeber den Fall nicht den Gesundheitsbehörden. Es ist unklar, ob es sich tatsächlich um eine Infektion handelte, weil kein Test stattfand.

Hilpters Mail dürfte die Tiroler aufgeschreckt haben. Der Bezirkshauptmann von Landeck, Markus Maaß, bat Hilpert um Namen und Anschrift ihrer Informanten. Da dies gegen den journalistischen Quellenschutz verstößt, behielt Hilpert ihre Quelle für sich. Daraufhin wurde die Anfrage der Staatsanwaltschaft übergeben.

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Die Staatsanwaltschaft in Innsbruck prüft die fahrlässige Gefährdung von Menschen durch übertragbare Krankheiten. Tiroler Hoteliers müssen mit Klagen ihrer Gäste rechnen. Denn aus dem abgeschlossenen Beherbungsvertrag ergeben sich Schutz- und Sorgfaltspflichten. Dazu gehört auch der Schutz vor Infektionen.

Gäste aus Island, die sich vor der Anreise beim Hotel nach der Bedeutung der in Island kursierenden Nachrichten über Corona-Infektionen erkundigten, hätten Anspruch auf eine fundierte Auskunft gehabt. Sollte die nicht erfolgt sein, müssten Gäste, die sich infiziert haben, nachweisen, dass die Infektion im Hotel stattfand. Der Staat Österreich könnte im Rahmen der Amtshaftung verklagt werden, unabhängig davon, ob die real Verantwortlichen auf Bezirksebene oder im Land Tirol zu suchen sind.