Naraku Brock lebt zwei Leben. Tagsüber steckt die gelernte Goldschmiedin, mit den vielen bunten Tatoos in einem Betrieb feinmechanische Teilchen zusammen. Und weil das oft den Geist wenig fordert, begibt sie sich in Gedanken schon mal in ihr zweites Leben. Dort ist sie das fröhliche Magier-Mädchen Sakura, der bösartige King Joffrey II oder die zarte Elfe Mother of Moth. Naraku, japanisch etwa "dämonische Hölle", ist ihr Künstlername, den echten Vornamen behält sie für sich.

Abends und am Wochenende, überhaupt fast in jeder freien Minute, ist die 31-Jährige in einer anderen Welt zuhause. Die Basis dieser Welt ist im Keller ihres Elternhauses in Ispringen bei Pforzheim. Wer ihr Reich betrifft, findet sich in einer Kreativ-, Näh- und Bastel-Werkstatt wieder, in der Fantasy-Träume zum Leben erweckt werden. Elfenflügel an der Wand, ein Wolfskopf in der Ecke.

Großes Bild
Bild: Bäuerlein, Ulrike

Und Hunderte Schächtelchen mit Knöpfen, Ketten, Applikationen oder Regale mit Perrücken.

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Platz ist hier auch für Stoffballen und Dutzende von Garnrollen, Näh- und Stickmaschinen, dazwischen lebensgroße Puppen mit fertigen oder halbfertigen Kostümen.

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Gerade arbeitet sie daran, die Schneewittchen-Illustration der japanischen Star-Zeichnerin Sakizo in ein echtes Kostüm zu verwandeln. Damit will Naraku im Oktober auf der Deutschen Meisterschaft antreten, die auf der Frankfurter Buchmesse stattfinden wird.

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"Ich bin völlig detailverrückt", sagt Naraku, die sogar die höchst filigrane Spitze für ihr Schneewittchen-Kostüm selbst fertigt, Stoffe bedruckt und Schmucksteine selbst gießt, wenn es sie so nicht zu kaufen gibt.

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"Für mich ist das mehr als ein Hobby, das ist mein halbes Leben", sagt Naraku. Als sie mit zehn Jahren zum ersten Mal auf einer Cosplay-Veranstaltung sah, dass sich echte Menschen in die Fantasy-Helden verwandeln können, war sie für die normale Welt verloren. "Im Grunde habe ich die Comic-Welt nie verlassen", sagt sie.

Cosplayer zeigen ihre Kreationen auf Websites und in den sozialen Medien, es gibt Profis, bei internationalen Wettbewerben ist inzwischen sogar viel Geld zu gewinnen. Auch Naraku tritt an, als Captain Hook war sie schon deutsche Vizemeisterin und mit King Joffrey Vize-Europameisterin. Sagenhafte 158 Kostüme hat sie in 18 Jahren bereits angefertigt, Anleitungen dazu vertreibt sie in selbst verlegten Büchern.

Einer ihrer Lieblingscharaktere ist das Magier-Mädchen Sakura aus Card Captor Sakura von der japanischen Zeichner-Gruppe Clamp.

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Die Verwandlung von Naraku in das Magier-Mädchen dauert nur etwa eine Stunde, inklusive Schminken und Anziehen. Oft dauert die Maske viel länger, etwa, wenn Nakura Männercharaktere annimmt. Das Magier-Mädchen dagegen ist schneller fertig. Zunächst wird Make-Up aufgelegt – kräftig, denn "das Kostüm frisst Make-Up", sagt Naraku.

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Dann müssen die Haare verstaut werden – schließlich muss die Perücke nachher richtig sitzen.

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Das Kostüm – von der Perücke bis zu den Schuhen selbst gefertig, muss zusammengesucht werden. Gar nicht so einfach, alle Teile zu finden – in der Werkstatt lagern Dutzende von Kostümen.

Fantasy-Werkstatt: Naraku hat die "Sakura"-Maske aufgetragen, das Kostüm liegt bereit.
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Das Anziehen ist oft ein wenig mühsam. Das Make-Up darf nicht verschmieren, das Kostüm soll nicht beschädigt werden.

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Jetzt noch die Perücke möglichst richtig herum aufsetzen...

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...dann noch die Schuhe an – natürlich auch selbst passend zum Kostüm bearbeitet.

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Und plötzlich ist Sakura, das fröhliche Magier-Mädchen aus der Fantasy-Serie ins echte Leben getreten – mitten in Narakus Werkstattkeller.

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