Stonehenge im Süden des heutigen Englands ist das wohl bekannteste Monument aus der Steinzeit Europas: Vier Meter hoch, gut zwei Meter breit und rund 25 Tonnen schwer ist jeder einzelne der 30 Steine, die Menschen vor ungefähr 4500 Jahren in einem Kreis mit einem Durchmesser von 33 Metern aufstellten. Oben drauf lagen dreißig Decksteine und inmitten des Kreises standen fünf von jeweils einem Deckstein überdachte Paare aus noch viel größeren, jeweils etwa 50 Tonnen schweren Steinen. Heutzutage besuchen jedes Jahr mehr als eine Million Menschen aus aller Welt diesen mythischen Steinkreis.

Ähnlich attraktiv muss Stonehenge bereits vor 4500 Jahren gewesen sein. Damals strömten dort im Winter Menschen aus allen Teilen Großbritanniens zu einem riesigen Festival zusammen, schließen Richard Madgwick von der Cardiff University in Wales und seine Kollegen aus der Analyse von Schweineknochen und –zähnen aus dieser Zeit.

Stonehenge beflügelt die Fantasie der Menschen bis heute – diese feiern dort auf teils kuriose Art auch die Wintersonnenwende.
Stonehenge beflügelt die Fantasie der Menschen bis heute – diese feiern dort auf teils kuriose Art auch die Wintersonnenwende. | Bild: BEN BIRCHALL

Analysen erschwert

„In anderen Epochen wurden in Großbritannien viele Schafe und Rinder gehalten, aus dieser Zeit finden wir dagegen vor allem die Reste von Schweinen“, erklärt Richard Madgwick die Konzentration der Forscher auf diese Tiere. So liegt gerade 2,5 Kilometer von Stonehenge entfernt die Fundstätte Durrington Walls, in der die Forscher neben einem Steinkreis sehr viele Tierknochen fanden. 90 Prozent davon stammten von Schweinen, gerade acht Prozent von Rindern und von Schafen fanden sich praktisch gar keine Überreste.

Für jemanden wie Richard Madgwick, der sich für die Regionen interessiert, aus denen die Menschen nach Stonehenge, Durrington Walls und anderen Stätten in der näheren Umgebung kamen, ist das zunächst einmal keine gute Nachricht. Normalerweise finden sie mit sogenannten „Isotopen-Analysen“ in den Knochen und Zähnen von Menschen, die in dieser Zeit dort bestattet wurden, Hinweise auf die Regionen, in denen die damals Verstorbenen vor ihrem Tod gelebt hatten. Nur haben die Forscher bisher kaum Überreste der Steinzeitmenschen dort entdeckt. Doch auch aus Tierknochen kann man die Herkunft herauslesen.

Überreste eines Festtags - neolithische Knochen - wurden beim Stonehenge Riverside Project entdeckt.
Überreste eines Festtags - neolithische Knochen - wurden beim Stonehenge Riverside Project entdeckt. | Bild: epa Adam Stanford for National Geographic (NATIONAL_GEOGRAPHIC)

Schweine kamen von anderswo

Doch während Rinderherden zum Beispiel im Nordamerika des 19. Jahrhunderts quer durch den Kontinent getrieben wurden, sind solche Wanderungen von Hausschweinen dagegen kaum bekannt. „Man könnte also annehmen, dass Bauern in der Gegend von Stonehenge Schweine gezüchtet und gemästet haben, die sie anschließend an die Besucher verkauften, die zu den großen Festen dort kamen“, fasst Richard
Madgwick seine anfänglichen Überlegungen zusammen. Wäre diese Annahme richtig, dürften die Schweineknochen kaum Hinweise auf die Wanderungen der Menschen geben.

Doch dem war nicht so. Die Kombination der Isotopenwerte vergleicht Richard Madgwick mit Funden in anderen Regionen Großbritanniens und kann so relativ gut die Gegend bestimmen, aus denen die Schweine stammten. Zu seiner großen Überraschung grunzten die wenigsten der Tiere in der Umgebung von Stonehenge. Vielmehr kamen die Schweine aus verschiedenen Regionen und stammten zum Beispiel aus dem fernen Schottland, dem Nordosten Englands oder aus Wales. Sehr wahrscheinlich stammten also auch ihre Besitzer aus diesen Gegenden.

Bleibt die Frage, wie die Schweine damals nach Stonehenge kamen. Vielleicht hatten die Steinzeitmenschen die Tiere vor 4500 Jahren ja zu Hause geschlachtet und nur ihr Fleisch mit auf Reisen genommen. Da Schweinefleisch rasch verdirbt, hätten sie es mit Pökelsalz und Räuchern haltbar machen können und wären dann mit einem leckeren Schinken zum fernen Festival aufgebrochen. „Allerdings finden wir in Durrington Walls jede Menge Schweineschädel und Kieferknochen, an denen kaum Fleisch ist und deren Transport sich daher nicht lohnt“, meint Richard Madgwick.

Archäologen haben Lehmfußböden neolithischer Häuser an den Durrington Walls freigelegt, wo die Erbauer von Stonehenge wohnten.
Archäologen haben Lehmfußböden neolithischer Häuser an den Durrington Walls freigelegt, die die Erbauer von Stonehenge bewohnten. | Bild: epa Adam Stanford for National Geographic (NATIONAL_GEOGRAPHIC)

Tiere wurden eingeschifft

Lebende Tiere wiederum dürfte man von Schottland oder dem Norden von England und Wales aber kaum über Land nach Stonehenge getrieben haben. Zwar finden die Schweine im Sommer reichlich Futter und können im Herbst in die Wälder getrieben werden, wo sie sich die Bäuche mit Eicheln und anderen Früchten vollschlagen. Von dort aber lassen sich die Tiere kaum nach Süden treiben. „Und wenn doch, kämen die Schweine wohl ziemlich abgemagert in Durrington Walls an“, ist sich Richard Madgwick sicher.

Bleibt also ein Transport auf dem Wasser. Zwar kennen Archäologen aus dieser Zeit kaum Boote und Schiffe. Sie wissen allerdings, dass die Menschen selbst auf abgelegenen Inseln wie den Orkneys im Norden von Schottland die gleiche Keramik nutzten wie auf der Hauptinsel. Damals musste es also Schiffe und Boote gegeben haben. Auf denen lassen sich Schweine wiederum gut transportieren. Aus dem Landesinneren ging es dann auf Flüssen zur Nordsee oder zur Irischen See und dann an den Küsten entlang zum Ärmelkanal. Von dort treidelten die Menschen ihre Boote den Avon-Fluss hinauf und erreichten einige Wochen nach dem Aufbruch schließlich rechtzeitig zur Wintersonnenwende und den beginnenden großen Festen Stonehenge.

Neben Kultur und Religion handelten die Menschen dort höchstwahrscheinlich auch, vielleicht lernte man sogar den Partner fürs Leben dort kennen. Und für das leibliche Wohl sorgte ein leckerer Schweinebraten aus der Heimat.

Stonehenge bei Wiltshire: Es gibt viele Spekulationen gibt darüber, wie die Kultstätte gebaut wurde.
Stonehenge bei Wiltshire: Es gibt viele Spekulationen gibt darüber, wie die Kultstätte gebaut wurde. | Bild: Charlotte Zink

Die lange Geschichte einer Megalith-Anlage

Die Urgeschichte von Stonehenge liegt weitgehend im Dunkeln. Bekannt ist nur, dass die Gegend bereits vor rund zehntausend Jahren offensichtlich eine besondere Bedeutung hatte. Aus dieser Zeit stammen jedenfalls die Spuren von mindestens drei tiefen Löchern, in denen ganz in der Nähe des alten, 2013 geschlossenen Besucherparkplatzes von Stonehenge vermutlich mächtige Baumstämme standen. Über den Zweck dieser Pfosten rätseln die Archäologen bis heute, berichtet die Stiftung English Heritage, die neben Stonehenge noch mehr als 400 weitere historische Stätten in England verwaltet.

  • Entstehung: Die Vorgeschichte der Megalith-Strukturen von Stonehenge begann erst vor 5100 Jahren mit einem kreisrunden Wall, der einen Durchmesser von gut hundert Metern hatte. Dort entdeckten Archäologen einen Kreis von 56 Erdlöchern, in denen nach ersten Theorien Holzpfosten standen. Erst kürzlich entdeckten Forscher allerdings gute Indizien, dass dort jeweils etwa vier Tonnen schwere Blausteine standen, die mühselig aus einem Steinbruch aus den 250 Kilometer entfernten Preseli-Hügeln herangeschafft worden waren. Genutzt wurde die Anlage offensichtlich für mindestens 64 Brandbestattungen. 2018 zeigten Analysen, dass dort etwa 150 Menschen verbrannt und beigesetzt wurden, die aus den Preseli-Hügeln in Wales stammten.
  • Nicht nur Party: Vor etwa 4500 Jahren stellten die Menschen, die mit ihren Schweinen gekommen waren, die heute sichtbaren riesigen Megalith-Steine von Stonehenge auf. „Die Steinzeitmenschen kamen also nicht nur zum Feiern, sondern auch zum Arbeiten“, erklärt Richard Madgwick. 200 oder 300 Jahre später wurden dann die Blausteine der Brandbestattungen aus unbekannten Gründen umgesetzt. In den folgenden Jahrhunderten folgten zwei weitere Rearrangements.
  • Nutzung: Als Sonnen-Observatorium wurde Stonehenge wahrscheinlich genutzt: Die Steine sind so aufgestellt, dass die Strahlen der aufgehenden Sonne zur Wintersonnenwende kurz vor Weihnachten genau in das Herz der Anlage scheinen. Vermutlich gab es einen Kult um dieses wichtige Datum im Jahreslauf. Möglicherweise könnten mit dieser Anlage zusätzlich auch Mondfinsternisse vorhergesagt worden sein. Die Steinzeitmenschen hatten daher eine Reihe von Gründen, um dort zum Feiern zusammenzukommen. (rhk)