Die meisten Jünger von Jesus waren verheiratet. In der frühen Kirche des 3. Jahrhunderts war es üblich, dass Bischöfe oder Diakone eine Familie um sich scharten, ohne ihre Kinder zu verstecken. Nur Jesus selbst lebte ausweislich der vier Evangelien ohne Frau und Kinder. Er begründet dies auch und gibt dem Alleinsein einen Sinn, er sagte: „Wer es fassen kann, der fasse es.“

Damit öffnet er einen neuen Raum: Wer nicht heiraten will um einer höheren Sache willen, der soll dies nicht tun müssen. Jesus spielt damit auf seine jüdischen Kritiker mit großen Familien an. Sie versahen ihren Tempeldienst so, dass sie eine große Sippe ernähren konnten. Dieser Druck hat zum Missbrauch geradezu eingeladen. Gleichzeitig rehabilitiert Jesus all jene, die ohne Familie leben. Ein moderner Gedanke.

Die römische Linie siegte

Seine Richtung ist klar: Der Zölibat ist etwas Gutes, und er ist freiwillig. Die frühe Lehre bewertet die Ehelosigkeit als höheres Gut, stellt sie aber frei. Wer sie halten kann, soll dies tun, dann aber aus freien Stücken und nicht aus einem äußeren Zwang heraus.

Die Pflicht zur Ehelosigkeit wurde in der katholischen Kirche deutlich später eingeführt. Die Synoden nach der Jahrtausendwende machen sich den Zölibat zu eigen.

Die Geistlichen in den Dörfern sahen das nicht ein, sie scharten eine Familie um sich und lebten als Werktags-Bauern. Trotz hartem Widerstand in den Diözesen siegte die römische Linie. Beim 2. Laterankonzil wird der Zölibat verbindlich für alle Geistlichen eingeführt. Wer bisher mit einer Konkubine lebt, muss diese verabschieden. Das war im Jahr 1139, zur Zeit des Kaisers Friedrich Barbarossa.

Vor allem kleine Gemeinden wollten einen enthaltsamen Pfarrer

Dafür gab es einen guten Grund, auch wenn er so nicht in der Bibel steht: Die Priester auf dem Land wollten vor allem ihre Kinder versorgen. Also zweigten sie Vermögen ab oder versuchten, den Grundbesitz der Kirche zu schmälern. Deshalb waren es damals vor allem kleine Gemeinden, die sich einen enthaltsamen Pfarrer wünschten. Diese Regelung gilt im Prinzip bis heute. Die Ehelosigkeit ist für katholische Priester verpflichtend. Wenn er verheiratet ist, kann er das Weiheamt nicht ausüben.

Andere Glaubensgemeinschaften sehen das anders. Die orthodoxen Kirchen beispielsweise regeln es über den kirchlichen Rang: Gemeindepriester in Griechenland oder Russland dürfen heiraten und Familie gründen. Nur ab Bischof aufwärts sind sie zum ehelosen Leben verpflichtet. Die Folge: Ein einfacher Pope kann nie Bischof werden – das höhere Personal wird aus den Klöstern rekrutiert. Vom Mönch auf den Stuhl des Patriarchen – das ist eine normale Laufbahn innerhalb der vielen orthodoxen Kirchen.

Evangelisches Pfarrhaus mit vielen Kindern

Auch die Reformation konnte mit dem Zölibat (wie auch mit Klöstern) nicht viel anfangen. Für Martin Luther war die Ehe „Gottes Werk“, wie er nach der Heirat mit der ehemaligen Nonne Katharina von Bora schrieb. Zuvor hatte er alle seine ehemaligen Mitbrüder aus dem Orden der Augustiner-Eremiten unter die Haube gebracht, indem er ihnen das Heiraten empfahl.

Damit begründete er eine Tradition: Das evangelische Pfarrhaus mit vielen Kindern hat seit Luthers Zeit Deutschland nachhaltig geprägt. Viele berühmte Männer und Frauen sind Pfarrerkinder und haben Erstaunliches zustande gebracht. Ohne diese Schar wäre Deutschland nicht das, was es ist.