Türkische Hochzeiten sind ein Ereignis. Hunderte Gäste, tagelange Feierlichkeiten, märchenhafter Prunk – all das gehört häufig dazu. In jüngster Zeit erregen Hochzeiten türkischstämmiger Paare in Deutschland aber mitunter aus weniger festlichem Anlass Aufsehen: Große Fahrzeugkolonnen blockieren Straßen und sogar Autobahnen und riskieren damit Auffahrunfälle, Gäste schießen mit Schreckschusspistolen in die Luft. Was steckt dahinter?

Jeder soll hören und sehen, dass gefeiert wird

In der türkischen Festkultur werden wichtige familiäre Anlässe traditionell größer gefeiert als in Deutschland. „Das gilt sowohl für freudige Ereignisse wie Hochzeiten und Geburten als auch für traurige wie Beerdigungen“, erläutert Caner Aver vom Zentrum für Türkeistudien in Essen. „Freude und Schmerz sollen mit möglichst vielen Menschen geteilt werden. Und je mehr Menschen bei solchen Anlässen vertreten sind, desto größer ist der soziale Status. Es bedeutet: ‚Mein Netzwerk ist groß, ich bin in einem großen sozialen Gefüge integriert, ich bin beliebt.‘“

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Die Autokorsos haben eine lange Tradition in der Türkei

Hochzeitskorsos haben in der Türkei eine lange Tradition. „Die gab es immer“, sagt Ahmet Toprak, Autor des im Herbst erscheinenden Buchs „Muslimisch, männlich, desintegriert“. Mehrere Autos fahren dabei schön geschmückt und hupend durch die Gegend. Die Botschaft ist klar: Hier wird geheiratet!

Eine Autoblockade durch eine Hochzeitsgesellschaft auf der A3 bei Ratingen in Nordrhein-Westfalen im März diesen Jahres. Immer wieder muss die Polizei bei solchen Hochzeitskorsos eingreifen.
Eine Autoblockade durch eine Hochzeitsgesellschaft auf der A3 bei Ratingen in Nordrhein-Westfalen im März diesen Jahres. Immer wieder muss die Polizei bei solchen Hochzeitskorsos eingreifen. | Bild: Polizei Düsseldorf/dpa

Auch Deutsche übernehmen inzwischen diese Form des Feierns

Toprak: „Vor Erfindung der Handys und anderer moderner Kommunikationsmittel war das sehr wichtig, um die Dorfgesellschaft auf dieses Ereignis aufmerksam zu machen. Daher kommt auch das Schießen.“ Inzwischen macht Gürbey die Beobachtung: „Auch andere Bevölkerungsgruppen, darunter auch Deutsche, übernehmen diese Form des Feierns zunehmend, sie kopieren es, weil es schlichtweg Aufmerksamkeit erzeugt und Spaß macht.“

In der Türkei nicht zu sehen

Auch die Straßenblockade geht im Ursprung auf einen alten türkischen Brauch zurück: Dabei versperrten Angehörige der Braut dem Korso den Weg und erwarteten ein kleines Geldgeschenk des Bräutigams. „Erst wenn er sozusagen sein Wegegeld entrichtet hatte, wurde die Straße wieder freigegeben“, erklärt Toprak. „Der Bräutigam muss gleichsam für die Braut, die er bei ihren Eltern abgeholt hat, bezahlen.“

„In der türkischen Community wird das Thema gerade sehr stark diskutiert.“Caner Aver, Zentrum für Türkeistudien in Essen
„In der türkischen Community wird das Thema gerade sehr stark diskutiert.“Caner Aver, Zentrum für Türkeistudien in Essen | Bild: dpa

„Das hat mit Tradition in keiner Weise etwas zu tun“

Das Blockieren von Autobahnen oder Verkehrsknotenpunkten ist nach übereinstimmender Sicht der Experten aber neu und in der Türkei unbekannt. „Das hat mit Tradition in keiner Weise etwas zu tun“, betont Aver. „Leute, die in dieser Art den Verkehr gefährden, kann man eher als Chaoten abspeichern.

Autobahnblockaden bringen die eigentlich positiv besetzten Hochzeitskorsos in Misskredit

Provokation könne ebenfalls eine Rolle spielen, gerade auch vor dem Hintergrund der angespannten deutsch-türkischen Beziehungen. Für Ahmet Toprak wird mit den Autobahnblockaden etwas Schönes und Beliebtes – nämlich der Hochzeitskorso – in Misskredit gebracht: „Früher waren Korsos etwas Positives, seit den Autobahnblockaden sind sie nun plötzlich negativ besetzt. Deshalb finden auch lang nicht alle türkischen Migranten das gut.“

Schon bald ein Ende der Blockaden?

„In der türkischen Community wird das Thema gerade sehr stark diskutiert.“ Aver wagt deshalb die Prophezeiung: „Ich glaube nicht, dass das noch lange anhalten wird.“