Als Jäger und Sammler ist der Mensch zu Wohlstand gelangt. Vom Jagen hat er sich schon vor längerer Zeit weitgehend verabschiedet: Massentierhaltung erübrigt jedes Halali. Geblieben ist ihm noch die Sammelei, bevorzugt natürlich von Geld, aber auch von Briefmarken, Bierdeckeln, Gedenkmünzen.

Spielzeugautos: Konnte mann früher nicht genug haben.
Spielzeugautos: Konnte mann früher nicht genug haben. | Bild: butch – stock-adobe.com

Was hat der Mensch noch bis vor wenigen Jahren nicht alles gesammelt! Autonadeln wurden auf Schulhöfen vertickt, Modellbahn-Lokomotiven auf Liebhabermärkten. Und während Fußball-Weltmeisterschaften standen Hanuta und Duplo auf dem Speiseplan eines jeden Jungen: wegen der Klebebilder mit Spielern der deutschen Nationalmannschaft.

Autonadeln? Was ist das denn?

Heute gibt es statt der Sticker bloß noch „Team-Cards“, zu bestellen im Internet gegen Eingabe eines Codes. Autonadeln sind kaum noch erhältlich. Alben mit einst enorm wertvollen Briefmarken bekommen Flohmarktbesucher schon mal als Gratisdreingabe mit auf den Heimweg. Warum ist das Sammeln aus der Mode gekommen?

Sammel-Objekte: Münzen....
Sammel-Objekte: Münzen.... | Bild: Marcus Roczen - stock.adobe.com

Einer hat es schon früh kommen sehen: der Philosoph Walter Benjamin. In seiner „Rede über das Sammeln“ sprach er Anfang der 30er-Jahre vom „Unzeitgemäßen dieser Passion“. Er habe gar keinen Zweifel daran, „dass für den Typus, von dem ich hier spreche, die Nacht hereinbricht“.

Zu Benjamins Zeiten war Besitz noch an physisch greifbares Material gebunden. Literatur stand auf Papier gedruckt in Regalen, Musik befand sich in der Rille einer Schallplatte, bildende Kunst auf Leinwand oder Fotopapier. Sammeln, das bedeutete Anfassen, Einordnen, Wegräumen.

Das Wohnzimmer des Besitzers

Vor allem aber bedeutete es Wohnen. Denn als solches muss man dieses „allertiefste Verhältnis, das man zu Dingen überhaupt haben kann“, verstehen: „nicht, dass sie in ihm (dem Sammler) lebendig wären. Er selbst ist es, der in ihnen wohnt.“

Albenweise: Und erst die Briefmarken!
Albenweise: Und erst die Briefmarken! | Bild: M. Schuppich - stock.adobe.com

Ganz gleich, ob es um Bücher, Münzen oder Briefmarken geht, die Sammlung ist so etwas wie das eigentliche Wohnzimmer ihres Besitzers. In ihr zeigen sich seine ästhetischen Vorlieben, alltäglichen Gewohnheiten, ja mitunter sogar seine politischen Überzeugungen so direkt und unverfälscht wie nirgends sonst.

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Deshalb ist öffentliches Sammeln auch etwas ganz anderes als privates. Ein Museum sammelt für den wissenschaftlichen Nutzen und zum Erhalt für die Nachwelt. Der Privatmann sammelt für sich selbst. Wie viele junge Männer haben sich vergeblich bemüht, ihre Angebetete durch die stolze Präsentation ihrer Briefmarkensammlung zu beeindrucken!

Intimste Einblicke

So rührend die gescheiterten Versuche auch sind: Das Anliegen war ehrenwert. Denn tatsächlich gab so ein Album ja auf einen Blick intimste Einblicke in die Persönlichkeitsstruktur seines Besitzers. Eine „magische Enzyklopädie“ nannte Benjamin das: „Alles Erinnerte, Gedachte, Bewusste wird Sockel, Rahmen, Postament, Verschluss seines Besitztums.“

Heute heißt diese „magische Enzyklopädie“ Facebook oder Instagram. Anders als das Briefmarkenalbum werden diese Portale nicht belächelt, sondern ausgiebig studiert. Das Erinnerte und Gedachte ist darin scheinbar ganz direkt und unverfälscht zu finden.

Oder lieber Porzellantassen....
Oder lieber Porzellantassen.... | Bild: Victoria Schaad - stock.adobe.com

Wer heute noch eine Karriere als Sammler starten will, steht gleich zu Beginn vor einem Problem: Mit was denn überhaupt? Auf E-Mails kleben ebenso selten Briefmarken, wie in Smartphones Telefonkarten stecken. Münzen muten in Zeiten des bargeldlosen Geldverkehrs seltsam gestrig an. Und Bücher zeigen an, dass ihr Besitzer den E-Book-Reader nicht beherrscht. Die Digitalisierung entzieht unserem Leben die Gegenstände. Zurück bleiben Jäger und Sammler, die nach dem Ende des Jagens nun auch nicht mehr wissen, was sie noch sammeln sollen.

Reisen durch Zeit und Geografie

Es gibt durchaus Gründe, diese Entwicklung zu bedauern. Mögen wir auch im digitalen Raum andere Formen der Selbstreflexion, sogar der Selbstinszenierung finden: Die Kulturtechnik des Sammelns von Dingen schulte unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit.

„Man hat nur einen Sammler zu beobachten, wie er die Gegenstände seiner Vitrine handhabt“, heißt es bei Benjamin: „Kaum hält er sie in Händen, so scheint er inspiriert durch sie hindurch, in ihre Ferne zu schauen.“ Die Ferne, die hier gemeint ist, konnte geografischer oder auch zeitlicher Natur sein.

Wo bitte ist Fujeira?

Jeder Philatelist erinnert sich an diesen Moment, als ihm erstmals der Namen „Fujeira“ auf einer Marke begegnete. Wo um alles in der Welt mag nur dieses Land liegen? Welche Post versieht ihre Briefmarken mit solch aufwendig gezeichneten Tieren vor goldenem Hintergrund? Die Antwort lautete: ein arabisches Emirat. Und schon kreisten die Gedanken um die Gluthitze, in der diese Marke einst auf einen Brief geklebt wurde, und um den Weg, den sie anschließend genommen haben muss.

Durch ein Sammelobjekt konnte der Sammler aber auch zeitliche Dimensionen durchschreiten. Dann sprach aus der historischen Münze oder der antiken Vase die Ästhetik eines anderen Zeitalters. Das Bewusstsein, etwas in Händen zu halten, was bereits vor Hunderten von Jahren hergestellt, verkauft und aufbewahrt worden war, flößte Ehrfurcht ein: vor dem Ding selbst, vor seinem Alter, vor seinen bisherigen Besitzern. Heute gibt es nur noch das Jetzt. Und das braucht keine Ehrfurcht – sondern nur noch Internet.