Was hatte ich mir im Vorfeld der Aufzeichnungen nicht alles angeschaut: Die Hauptstädte der US-Bundesstaaten, die Liste aller Phobien-Namen, die aktuellen Oscar-Gewinner und dann ging es am Ende doch um Curry-Farben und Heavy-Rotation. Es ist ein bisschen so wie bei der Vorbereitung auf eine Geburt: Wochenlang bereitet man sich in Kursen vor und dann, wenn es Ernst wird und der große Moment da ist, kommt doch alles anders.

Als Geburtshelfer für einen satten Gewinn sieht sich Showmaster Günther Jauch freilich nicht. Als ich während der Show sagte, dass ich mir als Newsmanager doch mehr aktuelle Fragen aus dem Nachrichtengeschehen gewünscht hätte, meint er trocken, dass ich ihm das vorher hätte sagen sollen. Wäre das möglich gewesen? Natürlich nicht. Bei den Proben lässt sich der TV-Star von einem Kollegen der Produktionsfirma vertreten. Günther Jauch ist auch für die Kandidaten erst bei der richtigen Aufzeichnung zu sehen.

Auf dem Stuhl stimmte die Chemie zwischen uns dann zum Glück von Anfang an. Mit den Tipps zu den Zahnwachstumsschmerzen meiner kleinen Tochter kam er direkt in Plauderlaune, das Eis war somit schnell gebrochen. Trotzdem ist die Situation auf dem Stuhl in der Mitte auch für mich als medien- und kameraerfahrener Newsmanager irgendwie surreal. Hinter den Kulissen bestätigt mir auch eine weitere Kandidatin, die auf dem Stuhl war, dass vieles, was auf dem Stuhl passiert, noch nicht direkt im Kopf ankommt, sondern erst einmal für einige Tage in einem schwarzen Loch zwischengeparkt wird. Was war noch mal die 300-Euro-Frage? Und wann habe ich den Telefonjoker eingesetzt? Das besondere Erlebnis, bei einer Sendung plötzlich im Zentrum zu stehen, die man seit seiner Kindheit selbst anschaut und im Schnitt von vier Millionen Menschen gesehen wird, verdrängt das Abspeichern von Einzelheiten im Kurzzeitgedächtnis.

Matthias Reim fieberte mit

Ähnlich sieht es mit den Reaktionen nach der Ausstrahlung aus. Zehn Fragen habe ich in der Sendung richtig beantwortet, bei Frage elf war Schluss. Wenn von t-online („Frecher Blitzmerker vom Bodensee“), „Bild.de“, über „web.de“ und „n-tv“ bis hin zu „Intouch“ jeweils eigene Texte über einen verfasst werden, bekommt man einen Eindruck davon, welche mediale Wucht so ein Auftritt entfalten kann. Dass für die Quote und den schnellen Klick nicht jeder Beitrag und jede Schlagzeile wohlwollend ist? Geschenkt. Und dass in den sozialen Medien nicht jeder Kommentar wörtlich genommen werden darf, ist mir berufsbedingt bekannt. Wichtiger sind mir die Reaktionen aus dem privaten Umfeld und im Kollegenkreis.

Gekrönt natürlich von der Rückmeldung des Sängers Matthias Reim, mit dem ich in der Show zusammen auf einem Bild zu sehen war. Als er im SÜDKURIER las, dass ein Radolfzeller bei Günther Jauch zu Gast sein würde, schaute Reim (er wohnte lange Zeit auf der Mettnau) die Ausstrahlung selbst an. „Ich hätte schon mächtig Respekt vor der Teilnahme und könnte mir vorstellen, unter Druck vielleicht bei einfachen Fragen einen Blackout zu haben“, sagt er im Hinblick auf eine mögliche Teilnahme eines Promispecials, das ich während der Aufzeichnung ins Spiel brachte. Da er aber einer generellen Teilnahme für den guten Zweck nicht abgeneigt wäre, bleibt die Aussicht, vielleicht doch noch mal in das „Wer wird Millionär“- Studio zurückzukehren. Dann vielleicht ganz entspannt als Begleitung oder im Fanblock von Promi-Spezial-Teilnehmer Matthias Reim.

 

Zur Person

Tobias Kaiser (33) ist Newsmanager bei SÜDKDURIER Online und wohnt mit seiner Familie in Radolfzell. Nach seinem Medienstudium in Offenburg absolvierte er beim SÜDKURIER ein Volontariat und begann im Anschluss daran als Regio-Onliner am Hochrhein, bevor er 2016 in das Haupthaus nach Konstanz wechselte. (tk)