Der Gebetsruf des Muezzin weht von einer nahen Moschee in die Nikolauskirche des südtürkischen Städtchens Demre. Reisebusse laden Besuchergruppen ab, die an Restaurants und Souvenirgeschäften vorbei zum Kirchengelände schlendern. Die meisten, die an diesem sonnigen Wintermorgen zur Kirche kommen, sind aus Osteuropa: Besonders für russische Pilger ist die Kirche zweieinhalb Autostunden südwestlich von Antalya ein beliebtes Wallfahrtsziel. Die türkischen Gastgeber haben sich ganz auf sie eingestellt.

Seit fast 100 Jahren ist es keine christliche Gegend mehr

Glocken läuten hier schon lange nicht mehr. Fast hundert Jahre ist es her, dass die einheimischen Christen diese Gegend verlassen mussten, beim Bevölkerungsaustausch zwischen der Türkei und Griechenland von 1923. Lykien hieß dieser Landstrich in der Antike, die Stadt hieß damals Myra und war Bischofssitz. Hier war Nikolaus im vierten Jahrhundert nach Christus Bischof. Die uralte Kirche wird vom türkischen Staat heute als Museum geführt. Für umgerechnet fünf Euro können Besucher sie besichtigen.

Die Außenansicht der Kirche des Nikolaus in Demre.
Die Außenansicht der Kirche des Nikolaus in Demre. | Bild: Susanne Güsten

Ab acht Uhr morgens kommen die Besucher – im Sommer bis zu dreitausend pro Tag. Im Vorhof sitzen Museumswärter unter Orangenbäumen in der warmen Wintersonne und trinken Tee. Von hier aus blickt man hinab auf die Kirche: Sie liegt zwei bis drei Meter tiefer als die moderne Ortschaft Demre, die im Laufe der Jahrhunderte um sie herum emporgewachsen ist. Ein provisorisches Plastikdach schützt den byzantinischen Bau vor Regen: Seit Jahrzehnten sind Archäologen damit beschäftigt, die Kirche zu restaurieren.

Die Begeisterung für die Kirche kennt keine Grenzen

Im Inneren der Kirche schieben sich die Besuchergruppen durch die Bogengänge, bestaunen den glatt geschliffenen Marmor, die Bodenmosaiken und die gut erhaltenen Fresken und lauschen den Reiseleitern, die auf Russisch referieren. Die meisten Besucher kommen aus Russland. Etwa Natalya, eine Mittvierzigerin aus Moskau, die beide Hände auf ihr Herz presst, um ihr Glück zu fassen: „Es ist einfach wunderbar für mich, hier zu sein“, sagt sie. „Ich habe mein ganzes Leben davon geträumt, einmal hierher kommen zu können. Dies ist ein toller Augenblick für mich. Meine Seele ist jetzt erfüllt, ich bin nun wunschlos glücklich.“ Ihr Vater heiße Nikolai, erzählt sie, nach dem heiligen Nikolaus. Der ist im orthodoxen Christentum ein besonders bedeutender Heiliger, weit mehr noch als im Westen.

In der nahen Hafenstadt Patara geboren, soll Nikolaus in jungen Jahren vom römischen Kaiser Diokletian wegen seines christlichen Glaubens verfolgt worden sein. Als erster Bischof von Myra machte er sich im vierten Jahrhundert durch Wundertaten und Hilfe für die Schwächsten der Gesellschaft einen Namen. Unter anderem erweckte er drei Jungen wieder zum Leben, die ermordet und in einem Salzfass versteckt worden waren.

Eine Besuchergruppe besichtigt die Nikolaus-Kirche. Vor allem <br />Osteuropäer pilgern dorthin.
Eine Besuchergruppe besichtigt die Nikolaus-Kirche. Vor allem
Osteuropäer pilgern dorthin. | Bild: Susanne Güsten

Die Grundlage für seinen bis heute andauernden Ruhm legte der Bischof mit seiner Mildtätigkeit und seiner Hilfe für die Armen. Der Legende nach warf er unerkannt Säckchen voller Geldmünzen durch den Schornstein von Häusern, um den Töchtern der Armen zu einer Aussteuer zu verhelfen und ihnen damit eine Eheschließung zu ermöglichen. Weil er die jungen Frauen damit vor der Prostitution rettete, wurde Sankt Nikolaus unter anderem zum Schutzheiligen der Jungfrauen. Die Vorstellung, dass die Weihnachtsgeschenke durch den Schornstein ins Zimmer sausen, hat sich bis heute im anglo-amerikanischen Kulturkreis gehalten.

Der Stellenwert des Nikolaus ist nicht überall der Gleiche

In seiner südtürkischen Heimat dagegen geriet Nikolaus nach dem Exodus der Christen fast in Vergessenheit. Zwar hat Myra nominell noch einen Metropoliten, einen orthodoxen Erzbischof, doch der sitzt heutzutage in Istanbul am Patriarchat von Konstantinopel und kommt nur einmal im Jahr am 6. Dezember, um einen Gottesdienst in der Nikolauskirche zu zelebrieren – wenn es die türkischen Behörden erlauben, was nicht immer der Fall ist.

Im Seitenschiff der Kirche gibt es einen Stau, die Besucher drängen sich vor einer Nische im Mauerwerk. Ein Marmorsarkophag steht dort, der arg beschädigt ist – eine Seite ist aufgerissen und gibt den Blick ins Innere frei, das sichtlich leer ist. Was es damit auf sich hat, weiß jeder der Pilger hier. Eine bosnische Reiseleiterin erzählt es noch einmal: „Das ist das Grab von Sankt Nikolaus, hier wurde er im vierten Jahrhundert begraben. Doch im elften Jahrhundert holten italienische Kaufleute seine Gebeine heraus und brachten sie nach Bari in Italien.“ Auch dorthin ist Natalya deshalb schon gepilgert, um die Nikolaus-Reliquien in der Basilika von Bari zu besuchen. Wie viele orthodoxe Christen will sie aber auch am ursprünglichen Grab beten.

Ein Decken-Fresko in der Nikolaus-Kirche.
Ein Decken-Fresko in der Nikolaus-Kirche. | Bild: Susanne Güsten

Nach der Besichtigung schwärmen die Besuchergruppen in Demre aus, um Andenken zu kaufen. Die Läden an dem Platz vor der Kirche werben mit kyrillischen Schildern, die Verkäuferinnen sprechen fließend Russisch. Nikolaus-Ikonen sind der Verkaufsschlager: Von bunten Holztäfelchen bis zu Kunstwerken aus Silber werden Hunderte Ikonen feilgeboten; die teuersten Stücke gibt es nur auf Anfrage zu sehen.

Gebet steht bei dem Besuch im Vordergrund

Die russischen Besucher sparen nicht beim Andenkenkauf, wie die Verkäuferin Yulia, die selbst aus Russland stammt, täglich beobachten kann. „Sie kommen ja hierher, um zu beten und etwas zu erbitten“, sagt sie. „Wenn sie zum Beispiel ein Kind bekommen wollen, dann kommen sie und beten darum. Aber auch Geschäftsleute kommen und beten für ihre Geschäfte.“

Für heute erwarten die Andenkenläden aber keine großen Geschäfte mehr, denn die Ikonen werden überwiegend vor der Kirchenbesichtigung gekauft, erzählt eine andere Händlerin: „Die Besucher nehmen ihre Ikonen mit in die Kirche hinein, stellen sie am Grab auf und beten davor, damit sie den Segen des Nikolaus bekommen. Dann nehmen sie die gesegnete Ikone mit nach Hause, nach Russland.“

Der ursprüngliche Sarg des Nikolaus. Dessen Gebeine liegen mittlerweile in Italien. Auf den Ur-Sarg werfen Besucher Gebetszettel in der Hoffnung, dass sie erhört werden.
Der ursprüngliche Sarg des Nikolaus. Dessen Gebeine liegen mittlerweile in Italien. Auf den Ur-Sarg werfen Besucher Gebetszettel in der Hoffnung, dass sie erhört werden. | Bild: Susanne Güsten

Die Busfahrer werfen die Motoren an, die Reiseleiter treiben ihre Schäfchen zusammen. Überglücklich klettert Natalya in den Bus, der ihre Reisegruppe noch zu den Sinterterrassen von Pamukkale bringen soll, bevor sie nach Moskau zurückfliegen: „Ich hätte mir das ja nie leisten können, aber dann habe ich dieses Angebot gesehen: Sondertour, Moskau–Antalya–Demre zum heiligen Nikolaus und obendrein noch Pamukkale, alles zusammen für 400 Dollar!“, erzählt sie begeistert, und weiter: „Ich habe die Anzeige gesehen, und da war mir klar: Gott hat mir das geschickt, um meinen Lebenstraum zu erfüllen.“

Das könnte Sie auch interessieren