Herr Geißler, warum regt die Menschen die Zeitumstellung denn so dermaßen auf?

Ich bin ein uhrloser Zeitforscher, und ohne Uhr merke ich das gar nicht. Es ist also keine Zeitumstellung, sondern eine Uhrumstellung. Wer sich sein Leben nach der Uhr einrichtet, ist betroffen. Wer das nicht tut, dem ist das egal.

Nur haben halt viele nicht die Wahl, weil sie arbeiten müssen. Ich muss im Frühjahr eine Stunde früher aufstehen, und das nervt mich.

Karlheinz Geißler ist Zeitforscher in München.
Karlheinz Geißler ist Zeitforscher in München. | Bild: privat

Was die Leute so aufregt, ist nicht der Sachverhalt, dass die Uhr umgestellt wird. Sondern dass jemand anders in ihrer Zeit rumpfuscht, in ihrer Zeiteinteilung. Wir bekommen ja beigebracht, dass wir unsere Zeit selbst einteilen sollen. Und jetzt kommt der Staat und sagt: Nee, im März nehmen wir Euch eine Stunde weg, die kriegt ihr im Herbst wieder. Die Leute nervt, dass sie nicht selbst über ihre Zeit entscheiden können. Die Umstellung merken Sie ja kaum. Wenn Sie von Köln nach Dresden fahren, ist das im Prinzip auch eine Stunde Zeitunterschied.

Ärgern Sie sich über Leute, die zu einem Termin zu spät kommen?

Heute kommen Leute ja nicht zu spät, sie vergessen zu telefonieren. Beim Auto sind wir ohnehin flexibler, aber jeder ist sauer, wenn der Zug zehn Minuten zu spät in Hamburg eintrifft. Ich habe mal den Bahnvorstand beraten und sagte dann: Hört endlich auf mit dieser Pünktlichkeitsinitiative! Ihr werdet es nie schaffen, dass Züge über so lange Strecken pünktlich sind. Das geht gar nicht, weil immer was dazwischenkommt. Der Punkt ist ein anderer: Wenn der Zug unpünktlich ist, muss ich auf kalten, zugigen Bahnsteigen warten. Man muss das Warten attraktiver machen, dann ist das kein Problem mehr.

Sie sagen ja, dass Uhr und Zeit nicht dasselbe sind. Was genau ist dann Zeit?

Zeit ist ein Begriff, mit dem wir Veränderungen klassifizieren. Zeit ist das, was sich verändert. Wenn sich nichts verändert, leben wir in einer zeitlosen Zeit. Zeit ist also Veränderung. Da gibt es Begriffe wie Stunde, Sekunde, Minute. Oder Tag und Nacht. Es gibt naturbezogene Kriterien wie die Jahreszeiten oder die Bäume, die ausschlagen. Im Mai schlagen die Bäume aus. Während wir sagen, dass der Frühling am 21. März um soundsoviel Uhr beginnt. Früher ging man ins Bett, wenn man müde war. Das war mehr mit Zeiterleben verknüpft. Heute geht man um elf oder zwölf Uhr ins Bett. Oder nach den Tagesthemen. Nach Kriterien, die fast nichts mit dem eigenen Körper zu tun haben.

Sie sagen, dass die Uhr ihre Schuldigkeit getan hat, weil jeder ein Smartphone hat, um die Uhrzeit nachzuschauen. Weniger hektisch ist die moderne Welt deshalb aber nicht geworden.

Die moderne Welt braucht keine Uhren mehr. Wir sind am Ende des Uhrenzeitalters angekommen, das ist die These. Die Uhren sind zu wenig flexibel, das Handy hat die Uhr zur Koordination von Menschen abgelöst. Wir haben ja auch keinen genauen Zeitpunkt für unser Gespräch ausgemacht, sondern gesagt: am Nachmittag. Dafür brauchen wir die Uhr nicht. Das ist ein gewisser Vorteil der Flexibilisierung. Wir können uns einfacher verabreden und müssen nicht mehr so pünktlich sein. Die Welt wird dadurch allerdings nicht von der Zeitorganisation entlastet. Wir organisieren noch mehr Zeit, aber dafür schneller.

Brauchen Menschen nicht auch eine gewisse Art von Struktur, um zwischen Arbeit und Freizeit unterscheiden zu können? Viele beklagen ja auch, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit immer mehr verschwimmen.

Natürlich brauchen Menschen eine Strukturierung. Die Frage ist, an welcher Art von Struktur wir uns orientieren, an einer technischen oder an einer natürlichen. Unser Körper hat ja auch eine Struktur. Der ist mal müde und mal aktiv. Wenn wir uns angestrengt haben, ist unser erhöhter Herzschlag zum Beispiel ein Signal, jetzt ein wenig langsamer zu machen. Bis vor 500 oder 600 Jahren haben wir uns an natürlichen Dingen orientiert. Dann begann das Uhrenzeitalter; seitdem orientieren wir uns an einem toten Instrument. Das ist die Mechanik der Uhr. Dadurch haben wir uns unsere ganzen ökologischen und gesundheitlichen Probleme aufgehalst.

Die Flexibilität, von der Sie sprechen, ist aber sehr stark kulturabhängig, nicht wahr? Sie bringen in Ihrem Buch das hübsche Beispiel von einem Mann aus Sri Lanka...

Genau, der sagt, komm mich um sieben besuchen. Wenn ich um acht nicht da bin, warte bis neun, und um zehn kannst du nach Hause gehen. Diese Menschen sind in einer anderen Form flexibel, die orientieren sich an der Natur. Wir eher an der Technik. Die ist flexibler, macht aber auch eher Druck.

Wir Deutschen gelten ja als superpünktlich.

Die Deutschen sind pünktlich gemacht worden. Das hat uns auch viele Vorteile und Wohlstand gebracht in der Industriegesellschaft, weil viel produziert wurde, weil alle gleichzeitig und pünktlich zur Arbeit kamen. Aber wenn Sie heute am Computer sitzen, ist die Uhrzeit eigentlich egal. Sie müssen selbst andauernd über Zeit entscheiden. Das macht viel Arbeit! Der Stress, den heute viele haben, kommt besonders daher, dass sie so viel über Zeit entscheiden müssen. Das haben früher andere entschieden, die Kirche oder der Arbeitgeber. Solche Entscheidungen sind lästig, entlasten aber auch.

Viele haben ja auch in der Freizeit Stress und Termine ohne Ende. Was würden Sie diesen Leuten raten? Erst mal die Uhr ausziehen?

Wir haben ja nicht zu wenig Zeit, wir haben zu viel zu tun! Wir packen zu viel in die Zeit rein. Das Wichtigste für die Gesellschaft heute ist, verzichten lernen, übersehen lernen, um sich konzentrieren zu können. Wir müssen nicht nur To-do-Listen erstellen, sondern auch Let-it-be-Listen. Was mache ich nicht? Dann kommen wir aus diesem Druck raus. Nicht immer auf die Zeit zugehen, sondern sie auf sich zukommen lassen. Wir tun ja immer so, als könnten wir sie beherrschen. Das stimmt ja nicht, sie beherrscht uns. Wenn wir sie auf uns zukommen lassen und schauen, worauf wir jetzt Lust haben – das ist eine wichtige Übung.

Sie selbst tragen keine Uhr.

Ja, aber um mich herum gibt es viele Uhren. Ich lebe nicht ohne Uhr, aber ich trage keine. Ich ertrage sie. Ich verabrede mich auch in Zeiträumen, nicht in Zeitpunkten. Das nimmt ganz viel Stress raus.

Sie schreiben ja, dass die Schule nicht nur zur Wissensvermittlung dient, sondern auch dazu, Kinder zur Pünktlichkeit zu erziehen...

In der Schule bekommt man nicht beigebracht, wie der Körper als Zeitmodell genutzt werden kann. Die Kinder bekommen nicht beigebracht, wann sie lernfähig ist, sondern es wird ihnen beigebracht, nach der toten Zeit der Uhr zu funktionieren. Das löst auch einen guten Teil des Widerstands der Kinder aus. Ich bin zum Beispiel dafür, dass die Schule mit Gleitzeit beginnt. Die Kinder könnten dann zwischen acht und neun kommen, je nachdem wie ausgeschlafen sie sind.

Da sagt der Lehrer dann aber sofort: So kann ich aber nicht meine Deutschstunde halten. Oder meinen Mathematikunterricht.

Das sagt der dann. Aber man könnte das problemlos organisieren. Man macht das ja auch an der Uni so. Da gibt es immer eine Viertelstunde. Da sind wir mit den Erwachsenen großzügiger als mit den Kindern.

Wobei wir alle mit dem Spruch großgeworden sind: Zeit ist Geld.

Aus Sicht eines Ökonomen müssen die Leute immer aktiv sein und etwas mit der Zeit tun. Nur das ist in Geld verrechenbar. Wir verrechnen Zeit in Geld. Beim Konsumieren wird auch Zeit in Geld verrechnet, nur verdient da jemand anderes.

Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige, heißt es auch. Könige müssen ja keinesfalls pünktlich sein.

Das ist völliger Blödsinn, denn Pünktlichkeit ist überhaupt nicht höflich. Höflich ist, sich mit Leuten in flexibler Art und Weise zu treffen. Sonst herrscht immer einer über die Zeit des anderen, und das ist nicht höflich.

Bild: Hirzel Verlag

Zur Person

Karlheinz Geißler, Jahrgang 1944, war Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München. Er ist Zeitforscher und Mitinhaber der Zeitberatungsfirma „timesandmore“. Bücher zum Thema (Auswahl): „Enthetzt euch! Weniger Tempo – mehr Zeit! (Hirzel 2012), „Alles hat seine Zeit, nur ich hab keine“ (oekom, 2011 und 2014).

Das neue Buch: K. Geißler: „Die Uhr kann gehen. Das Ende der Gehorsamkeitskultur“. Hirzel 2019.