Kurze Stille, denn der Weg in die Erdumlaufbahn ist lang, dann meldet sich der Mann mit der Glatze bestens gelaunt: „Insel Mainau, hier ist die Internationale Raumstation, wir hören Sie laut und deutlich!“ Jubel brandet auf. Natürlich spricht Alexander Gerst, derzeit Commander auf der ISS die zwei Sätze auf Englisch, wie es sich in der Raumfahrt gehört. Kurz zuvor hat Mission Control in Houston (Texas) die Verbindung vom Bodensee ins All hergestellt. Auf einer Leinwand im Palmenhaus der Mainau ist Alexander Gerst, 42, erschienen und winkt in die Kamera – im weißen Polo-Shirt vor der Werkstatt-Kulisse im Columbus-Labor der ISS.

Video: Alexander Michel

Der Live-Call mit Deutschlands derzeitigen Astronauten im All kann starten. Es ist der Höhepunkt des heutigen Mainau-Tags, der sich ganz der Raumfahrt widmet. Aber nicht für die Wissenschaftler, sondern für die, die es vielleicht einmal werden wollen: Mehr als 100 Jugendliche Schüler, darunter auch eine Klasse des Konstanzer Ellenrieder-Gymnasiums. Viele von ihnen tragen das weiße T-Shirt des Wettbewerbs „Beschützer der Erde 2.0“. Er wird vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) ausgeschrieben, und hat ein Ziel: Schüler zu motivieren, später einmal Wissenschaftler zu werden.

Die Internationale Raumstation ISS mit dem angedockten europäischen Wissenschaftslabor Columbus (Mitte unten links) in der Erdumlaufbahn. Im Labor hat sich Alexander Gerst während des Live-Gesprächs mit den Schülern aufgehalten.
Die Internationale Raumstation ISS mit dem angedockten europäischen Wissenschaftslabor Columbus (Mitte unten links) in der Erdumlaufbahn. Im Labor hat sich Alexander Gerst während des Live-Gesprächs mit den Schülern aufgehalten. | Bild: dpa

Daran arbeitet auch Alexander Gerst mit, der gelernte Geophysiker und Vulkanforscher aus Künzelsau. Acht Schüler können ihm heute Fragen stellen, die Zeit für den Live-Call zur ISS ist knapp bemessen. Den Anfang macht allerdings Björn Graf Bernadotte: „Was vermissen Sie am allermeisten?“ so die Frage des Mainau-Hausherrn an Gerst, der als „Astro-Alex“ das Interesse an der Raumfahrt beflügelt hat. „Ich wünsche mir jetzt am meisten, einen Salat zu essen und dann im Wald joggen zu gehen und mich mit meinen Freunden zu treffen.“ Es sind die einfachen Dinge, die jemand ersehnt, der ein halbes Jahr in großen Blechbüchsen zubringen muss, die er nur in einem schweren Raumanzug verlassen kann.

Video: Alexander Michel

Forschungen an Mars-Gestein in 20 Jahren

Gunnar Hartmann, 16, Schüler in Kempten, stellt die zweite Frage und bittet um einen Blick in die Zukunft: An was in der Raumfahrt in 20 Jahren geforscht werde. Gerst antwortet als Optimist, wie es von einem Astronauten erwartet wird: „Ich wünsche mir, dass wir dann an Mars-Gestein forschen, das wir selbst vom Mars zurückgebracht haben.“ Eine der brennendsten Fragen sei die nach weiterem Leben im All. Aber vielleicht, schränkt der Astronaut ein, werde man sich mit Fragen beschäftigen, „die außerhalb meiner Vorstellungskraft liegen“. Das sei gut so. „Denn die Wissenschaft bewegt sich immer in Bahnen, die man nicht komplett vorhersagen kann“, macht Gerst das Abenteuer Forschung klar.

Astronaut Alexander Gerst hat auf der Raumstation ISS einen für Experimente streng durchgeplanten Arbeitstag.
Astronaut Alexander Gerst hat auf der Raumstation ISS einen für Experimente streng durchgeplanten Arbeitstag. | Bild: dpa/esa

Die Neugier der Schüler jedenfalls ist groß. Sie fragen nach Weltraumschrott oder der Chance einer Mars-Kolonie. Und wo könnten solche Fragen besser formuliert werden als im Palmenhaus der Mainau? Denn so wie dieses könnten einmal Biosphären-Häuser aussehen, die auf dem Mars stehen. So ermuntert Gerst die Schüler zur Fantasie: „Lasst euch nichts ausreden, lasst euch nicht kleinkriegen“, sagt er, bevor er lachend schwerelos entgleitet.

Die ISS wirft jetzt ein Auge auf Tiere

Zwischen dem Bodensee und der Internationalen Raumstation ISS besteht neuerdings ein direkter Zusammenhang:

  • Projekt Ikarus: Wie verhalten sich Zugvögel im Schwarm und wie Herdentiere bei ihren Wanderungen? Was kann der Mensch aus den Antworten lernen? Das sind die zwei Grundfragen des Projekts Ikarus. An dessen Spitze steht Martin Wikelski, Professor an der Universität Konstanz und Leiter des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell. Das Ikarus-Team bringt an Wildtieren Mini-Sender an, die Daten senden, so dass man die Routen der Tiere sehen kann.
  • ISS und Ikarus: Da tausende von Tieren mit Sendern bestückt werden, werden die Daten im Weltraum erfasst. Dazu wurde an der ISS eine Antenne angebracht. Martin Wikelskis Vision ist es, „ein globales System intelligenter Sensoren“ aufzubauen, um die Welt mit Hilfe der Tiere zu beobachten. Ein Beispiel sind Ziegen, die in italienischen Erdbeben-Regionen leben und sich kurz vor einem Beben auffällig verhalten. Dann könnte man Schutzmaßnahmen einleiten. (mic)