Fünf Briten in Supersportwagen liefern sich am Ortsausgang von Garmisch-Partenkirchen ein Rennen, sie überholen sich wie wild, fahren über rote Ampeln. Die vorderen Nummernschilder hatten sie abmontiert. Dann raste der Konvoi aus Lamborghini, Aston Martin, Mercedes und Dodge Viper Richtung A 95. Dort, in einem Baustellenbereich, erwischte die Polizei die Teilnehmer des „Supercar Trip“. Szenen wie diese gibt es immer wieder.

Es gibt einen gefährlichen Trend rund um München. Neben dem Oktoberfest oder der Allianz Arena werden die angrenzenden Autobahnen immer mehr zu Top-Attraktionen der bayerischen Landeshauptstadt. Entweder die Raser kommen mit dem eigenen Hobbyrennwagen. Oder sie nutzen die Dienste von Autovermietungen und Reiseunternehmen, die sich auf die Vermietung von Luxuswagen spezialisiert haben. Die Firmen aus dem Ausland preisen auf ihren Internetseiten vor allem an, dass es in Deutschland kein Tempolimit gibt. Und das ist ein Problem.

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Rasen ohne Tempolimit

Ohne Geschwindigkeitsbegrenzung fahren, das ist besonders auf der A 95 von München nach Garmisch-Partenkirchen fast durchgehend möglich. Nur am Beginn der Strecke gilt ein Tempolimit von 60, dann 80 Kilometer pro Stunde. Danach kann jeder so schnell fahren, wie er will: freie Fahrt über rund 60 Kilometer auf einer größtenteils geraden Strecke.

„Die A 95 ist als Raserstrecke bekannt“, bestätigt Johann Schmid von der Autobahndirektion Süd. Bei einem illegalen Autorennen im Mai raste eine Gruppe Männer aus Israel in acht Sportwagen, darunter zwei Lamborghini, über die A 95, leistete sich gefährliche Überholmanöver und bedrängte andere Autofahrer. Die jungen Männer fuhren mit 180 Sachen durch die 60er-Zone am Anfang der A 95. Die Fahrt auf der Raserstrecke war Teil eines Junggesellenabschieds. Andere Autofahrer riefen die Polizei, als sie auf das illegale Rennen aufmerksam wurden. Erst Ende August gab es auf der Strecke einen schweren Unfall: Ein 23-Jähriger starb, nachdem er mit zu hoher Geschwindigkeit unterwegs war.

Unfälle wie dieser passieren laut Julius Metz glücklicherweise nicht oft: „Schaut man sich die Unfallzahlen an, handelt es sich bei der A 95 nicht um eine Problemautobahn“, betont der stellvertretende Dienststellenleiter der Verkehrspolizei Weilheim. Dass die A 95 aber im Ausland von Reiseunternehmen als Raserstrecke beworben wird, ist ihm bewusst: „Uns wäre es auch lieber, wenn es anders wäre.“ Das Problem durch ein Tempolimit zu lösen, ist laut Metz nicht möglich: „Dafür braucht man bestimmte Auswertungen, die die Strecke beispielsweise als Unfallschwerpunkt kennzeichnen.“ Auch Lärmschutz wäre Anlass für ein Tempolimit, doch auch dafür gebe es keinen Grund.

Die A 95 ist nicht die einzige Problemstrecke: Auch auf der A 96 zwischen München und Lindau kam es in den vergangenen Wochen zu illegalen Rennen. Hier gibt es von Lindau bis Landsberg ebenfalls kaum Geschwindigkeitsbegrenzungen und die Strecke verläuft in mehreren Teilen recht gerade. Neben diesen beiden Punkten ist aber auch die direkte Anbindung ans Ausland ein Grund, weshalb es oft zu Vorfällen mit Rasern kommt. „Hier zählen oft auch ausländische Autofahrer zu den Spitzenreitern“, bestätigt Johanna Graf, Sprecherin des Polizeipräsidiums Schwaben Süd-West. „Das liegt sicher daran, dass die A 96 die Verbindung zwischen München und Zürich ist.“

Bekannte Strecken

Dass die A 95 und A 96 als Raserstrecken gelten, weiß auch Joschka Reik. Er vermietet Autos im Raum München – allerdings nicht einfach so. Der Geschäftsführer der Autovermietung Carvia ist sich bewusst, dass gerade junge Männer oft einen Sportwagen für einen Tag mieten möchten, um über die Autobahn zu rasen: „Wir vermieten daher diese gefragten Modelle von Lamborghini oder Ferrari gar nicht.“ Seine Kundschaft bestehe eher aus Paaren, Familien oder Autoliebhabern, die gemeinsam ein schönes Auto mieten, um einen Ausflug zu machen. „Fragt jemand an, der einfach nur einen Tag lang rasen möchte, merkt man das recht schnell“, sagt Reik.

Für das Problem, dass Gruppen mehrere Autos mieten, um einzeln illegale Rennen auszutragen, hat Reik eine einfache Lösung: „Gruppen, bei denen jede Person ein Fahrzeug fahren möchte, dürfen nur in Begleitung von Instruktoren mit unseren Autos fahren.“ Man müsse die Fahrer oft auch vor sich selbst schützen.

Die Briten mussten hohe Summen als Sicherheitsleistung zahlen. Ihr Ausflug auf die Wiesn fiel aus. Stattdessen mussten sie die Heimreise antreten, um der Beschlagnahme ihrer Boliden zu entgehen.