Und dann, als aus der doppelwandigen feuerfesten Schüssel der Rauch aufsteigt und ein würziger Duft die Nase hinaufkriecht, versteht plötzlich sogar der Vernunftmensch die Magie hinter diesem Ritual, einer Art Ur-Aromatherapie. Es dämmert draußen, es ist kalt und es regnet. Plötzlich verwandelt sich ein Teil der getrockneten Pflanzen auf der weiß glühenden Kohle in Rauch, wird vom kalten Dezemberwind hin und her geweht, erfüllt die Luft mit einem frischen Duft und erinnert daran, dass die dunkle Jahreszeit bald wieder vorbei, bald wieder Sommer sein wird.

So riecht Hoffnung

So riecht wohl Hoffnung. Hoffnung, Vertrauen, Zuversicht – darum geht es seit jeher beim Räuchern, das hierzulande vor allem zur dunklen Jahreszeit seine Tradition hat. In digitalen wie aufgeklärten Zeiten interessieren sich plötzlich wieder mehr Menschen für dieses uralte, naturverbindende Ritual, das im Allgäu die Zeitenwende überlebt hat. Mancher landet bei Gerti Epple aus Weitnau.

Wildkräuterfrau Gerti Epple lebt im Allgäu.
Wildkräuterfrau Gerti Epple lebt im Allgäu. | Bild: www.bayern.by - Jens Schwarz

Einst wäre sie ob ihres Wissens wohl als Hexe beschimpft worden. Heute passen ihre Titel gar nicht alle auf eine Visitenkarte: Vorsitzende des Vereins Allgäuer Kräuterland, Allgäuer Wildkräuterfrau, Ausbilderin für Wildkräuterführer, Fachfrau für rituelle Räucherkunde, ausgebildete Schamanin, Ernährungswissenschaftlerin – und Bildungsberaterin am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kempten.

Engelwurz und Salbei

Die schlanke Frau mit den glatten langen Haaren blickt in eine Muschelschale, untersucht mit ihrem Zeigefinger die Räuchermischung, die sie mitgebracht hat. Sie rattert Pflanzennamen runter, Salbei, Fichtenharz, Thymian, Engelwurz, Kardamom… Das alles kennt sie seit Kindertagen. Und auch, wie mit etwas Baumwollgarn aus Salbeiblättern oder Lavendelstängeln Räuchersticks werden.

„Mein Großvater war sehr spürig und naturverbunden. Meine Mutter hat viel geräuchert“, sagt Gerti Epple und erinnert sich auch, dass die Räucherei daheim ohne großes Brimborium ablief: „Mutter trennte nicht zwischen Räucherwerk und Tee. Sie hatte alle ihre Kräuter in Gläsern in der Küche. Ab und zu streute sie welche auf die heißen Platten des Holzherds.“ In den Raunächten ging sie mit einer Rauchschale durch Haus und Stall, böse Geister vertreiben. Wenn jemand krank war, wurde geräuchert. Und wenn „die Kinder mal kratzig drauf waren“ – dann gab’s ein bisschen Johanniskraut auf die Herdplatte.

Auweia, Esoterik!

„Für mich war das alles damals ganz selbstverständlich. Erst als ich zum Studium nach Franken ging, wurde mir klar, dass viele dieses Ritual nicht mehr kennen“, sagt Gerti Epple. Im Laufe der Jahre hat sie sich immer mehr Wissen dazu angeeignet, gibt Kurse und wird gerufen, um Häuser auszuräuchern oder Energieblockaden zu erspüren.

Auweia, Esoterik, denkt sich vielleicht jetzt mancher. Solche Ressentiments kennt Gerti Epple. „Vor 18 Jahren hätte ich keinen Räuchervortrag gehalten, jetzt ist das anders“, sagt die Mutter von drei Teenagern und legt neue Kräuter auf die Kohle in der doppelwandigen Schale. Beim Räuchern sind die Grenzen zwischen Physik und Esoterik, zwischen Wissen und Glauben wohl mindestens genauso fließend wie die Ränder der Wolken, die da nun wieder über der Kohle aufsteigen.

Zurück ans Lagerfeuer

„Wir begeben uns zurück ans Lagerfeuer vor der Höhle“, sagt Gerti Epple. „Unsere Nase ist mit dem Stammhirn verbunden, dem ältesten Teil unseres Gehirns, der unsere Instinkte steuert.“ Unser Gehirn kann durch Düfte Erinnerungen und Gefühle abrufen. Zum Beispiel: Plätzchenduft, Tannenaroma – Geborgenheit, Gemütlichkeit, Kindheit.

Wissenschaftler fanden heraus, dass Duftstoffe auch ins Blut geraten und so das Gehirn beeinflussen können. Linalool, das in Lavendel steckt, wirkt stressmindernd. Von daher ist es für Gerti Epple auch logisch, dass wir hierzulande den Brauch haben, uns im Winter einen Nadelbaum ins Wohnzimmer zu stellen. „Die ätherischen Öle aus den Fichtennadeln wirken antidepressiv“, sagt sie. Ähnlich verhalte es sich mit den anregenden Weihnachtsdüften Zimt, Orange, Nelken.

Mit dem Rauch ins kollektive Unterbewusstsein

„Wir sind nicht nur der körperliche Mensch, wir haben auch Geist und Seele. Diese drei kann man nicht trennen“, sagt Gerti Epple. Der Körper nehme wahr, dadurch knüpfe der Geist an Erinnerungen an und könne auf der Seelenebene noch weiter zurück ins kollektive Unterbewusstsein gehen. In Zeiten, als die Angst vor der Natur groß war. Vor allem im Winter. Kommt jetzt der Bär und frisst mich auf? Reichen die Vorräte? Und heute? Die letzten Kräuter sind verbrannt, Gerti Epple entsorgt die Asche in einem nassen Beet. Der eine hat nur gerochen, der andere auch gefühlt – den Duft des Rauches in der Jacke nimmt jeder mit.

Raunächte im Schwarzwald

Im Schwarzwald gibt es viele Sagen und kräuterkundige Frauen, die altes Brauchtum hochhalten. Klothilde Ritzmann ist Kräuter-Expertin und lebt in Brigachtal im Schwarzwald. Sie hält regelmäßig Kräutervorträge, auch anlässlich der Raunächte, der Nächte zwischen Weihnachten bis zu Dreikönig. „Die Raunächte sind eine alte germanische Tradition“, erklärt sie.

Die Raunächte stünden für den Übergang vom Leben zum Tod und umgekehrt. In dieser Zeit ist auch die „Wilde Jagd“ unterwegs, also verlorene Seelen und Untote. Deshalb sollte man keine Wäsche aufhängen, damit böse Geister sich nicht in der Wäsche verfangen. Besonders heilig sei die Nacht vom 24. auf den 25. Dezember.

Nach einer alten Schwarzwälder Sage können die Tiere in dieser Nacht auch sprechen. Da hätten die Bauern früher den Stall geräuchert, um Mensch und Tier vor Unheil zu bewahren. „Kräuter reinigen ja auch die Luft“, sagt sie. Klassisch seien Beifuß oder Zitronenmelisse. „Ich nehme aber auch einfach Hustenkräuter aus dem Garten.“

Oder sie greift zu den Kräuterbuschen, die im Sommer an Mariä Himmelfahrt (15. August) in der Kirche gesegnet werden. Gern lädt Klothilde Ritzmann am 5. Januar zu einem Raunacht-Abend ein. Die Besucher erhalten dann Zettel, auf denen sie das, was im vergangenen Jahr besonders schlimm oder schön war, aufschreiben. Der Zettel wird hernach mit duftenden Kräutern verbrannt. „Das Böse geht in die Asche, das Gute geht in Rauch auf.“

Beate Schierle