Herr Ruppert, warum brechen erwachsene Kinder von einem Tag auf den anderen den Kontakt zu ihren Eltern ab? Was weiß man über die Ursachen?

Von außen betrachtet sieht es so aus, als passiere dieser Kontaktabbruch ganz plötzlich. Doch dahinter verbirgt sich eine ganze Kindheit. So kann es sein, dass jemand den Entschluss fasst, sich nicht mehr länger mit einer Beziehung auseinanderzusetzen, die für ihn nicht aufgeht. Der Hauptgrund, warum Kinder das tun, ist meiner Erfahrung nach, dass die Eltern traumatisiert sind.

Die Eltern sind traumatisiert?

Ja. Sie benutzen ihre Kinder zum Teil auch als eine ihrer Überlebensstrategien, um sich nicht mit sich selbst befassen zu müssen. Durch die Kinder werden sie unbewusst an ihre eigenen Kindheitssituationen erinnert. Und die Kinder müssen das dann aushalten.

Können Sie ein Beispiel nennen für ein solches Trauma?

Es könnte sein, dass die Mutter selbst als Kind ins Heim gegeben worden ist und keine Mutter hatte, die sie geliebt hat. Oder sie ist sexuell traumatisiert worden. Wenn diese Mutter einen Sohn hat, dann erinnert er sie, je älter er wird, immer mehr an den Täter. Einerseits ist er ihr Sohn, andererseits nimmt sie ihn z.B. allein durch seinen Geruch wie einen Täter wahr. Das sind Situationen, die für die Kinder nur schwer auszuhalten sind. Sie versuchen sich anzupassen. Doch durch traumatisierte Eltern werden auch sie traumatisiert und innerlich gespalten. Irgendwann halten sie es nicht mehr aus, in einer solchen Beziehung zu leben.

Gibt es Verhaltensmuster, an denen Eltern erkennen können, dass sich ein solcher Kontaktabbruch ankündigt?

Sie können es an jeder Auseinandersetzung, jedem Streit und jeder Situation erkennen, in der sich die Kinder nicht wohlfühlen. Es gibt verschiedene Dinge, die Kinder letztlich an den Rand bringen: die Überfürsorge der Eltern, die ihren Kindern keine Eigenständigkeit zugestehen, die sich immer einmischen und die Kinder kontrollieren. Natürlich gibt es auch die harten Formen, wo es um körperliche Gewalt geht, oder wo sich die Kinder herabgesetzt und nicht ernstgenommen fühlen.

Eltern, die ihre Kinder überbehüten, sind völlig vor den Kopf gestoßen, wenn diese dann aus ihrem Leben verschwinden. Eigentlich meinen sie es ja gut.

Die Eltern sehen das Problem oft nicht und sagen: Wir verstehen uns doch so gut. Sie haben die Vorstellung von perfekter Harmonie in der Familie. Sie selbst haben diese Erfahrungen in ihrer eigenen Kindheit gemacht, dass alles schön geredet wurde. Deshalb können sie gar nicht spüren, wie es ihren Kindern wirklich geht.

Das heißt, die Eltern müssten zunächst selbst für sich feststellen, dass sie traumatisiert sind, um etwas ändern zu können?

Genau. Sie müssten sich fragen, was ihre Kindheit mit ihnen gemacht hat.

Sie behandeln Personen, die den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen haben. Was berichten diese von ihren Gefühlen?

Die meisten Menschen, die zu mir kommen, haben eine ganze Traumabiografie im Rucksack, der dann Stück für Stück ausgepackt wird. Es ist wichtig, sich darüber klar zu werden, welches die Traumata der Eltern sind. Wichtig ist es auch zu erkennen, welches die Geschichte der eigenen Mutter ist, von der man sich auch lösen darf. Die erste Frage ist in diesem Zusammenhang, ob ein Kind gewollt ist oder nicht. Es gibt viele Kinder, die ein "Unfall" sind, wo Mütter zu einem für sie unpassenden Moment schwanger werden, weil sie noch in Ausbildung sind, keinen festen Partner haben oder kein weiteres Kind mehr möchten. Es gibt auch Abtreibungsversuche, die die Eltern sich später aber nicht eingestehen. Stattdessen wird so getan, als sei alles in Ordnung. Kinder, deren Mütter traumatisiert sind, haben meist schwere Geburtsprozesse, werden vielleicht auch nach der Geburt sofort von ihr getrennt und zum Beispiel nicht gestillt.

Hilft ein Kontaktabbruch bei der Verarbeitung eines Traumas?

Es ist zunächst ein Versuch, auf Distanz zu gehen. Doch wenn jemand nach Australien zieht, dann schafft das zwar äußere Distanz, doch es bedeutet noch lange nicht, dass damit auch die innere Distanz gegeben ist. Es muss schon innere emotionale Arbeit geleistet werden, um aus dieser Verstrickung mit den Eltern herauszukommen.

Wie viele schaffen es denn, dass sie wieder gut mit dem anderen umgehen können, ohne in alte Muster zurückzufallen?

Ziel meiner Therapieform, der Identitätsorientierte Psychotraumatherapie (IoPT) ist es nicht, wieder gut mit den Eltern umzugehen. Die meisten Menschen müssen erst einmal zu sich selbst kommen. Umgekehrt bietet das auch den Eltern die Chance, sich mit sich zu beschäftigen. Nur wenn jeder bei sich ist, haben wir die Grundlage für eine gute Beziehung. Denn Beziehungen lassen sich nie einseitig verändern.

Das heißt, Eltern wie Kinder müssten eine Therapie machen?

Ja. Am Ende können zwei erwachsene Menschen entscheiden, wie sie ihre Beziehung gestalten und wo sie sich auch in Ruhe lassen können. Es geht darum, dass Eltern wie Kinder aus ihren Kindheitsmustern herausfinden und endlich erwachsen werden.

Sie sprechen auch von einem Trauma der Liebe. Was verstehen Sie darunter?

Jedes Kind liebt seine Mutter. Das ist wie ein kindlicher Urinstinkt, den kein Kind bewusst stoppen kann. Wegen ihrer eigenen Traumatisierungen sind viele Mütter jedoch nicht in der Lage, diese kindliche Liebe anzunehmen. Sie versuchen alles, um die Gefühlsäußerungen des Kindes zu unterdrücken durch Ignorieren, mit Hin- und Herschaukeln, mit Füttern, mit Beschwichtigungen, durch strenge oder traurige Blicke oder auch mit handfester Gewalt. Da es nicht wissen kann, dass seine Mutter es wegen ihrer eigenen Traumatisierung emotional zurückweist, glaubt das Kind, selbst schuld daran zu sein, dass seine Mutter es nicht liebt.

Welche Folgen hat diese Erfahrung?

Diese Kinder übernehmen immer mehr die Verantwortung für die Traumata ihrer Mütter und nehmen sogar die Mutterrolle für ihre Mutter ein. Ähnliches kann sich dann im Verhältnis zum Vater wiederholen. Je weniger diese Kinder sich geliebt fühlen, umso mehr strengen sie sich an. Sie idealisieren ihre Mutter und kommen nie wirklich los von ihr.

Das heißt, Sie würden Kinder auch darin bestärken, den Kontakt zu den Eltern im Zweifel abgebrochen zu lassen?

Meine Therapieform heißt Identitätsorientierung. Das Ziel ist, jemanden zu sich zu führen und zu erreichen, dass er sich und seine eigenen Bedürfnisse spürt. Dann kann er frei entscheiden, mit wem er eine Beziehung haben möchte und mit wem nicht. Meine Aufgabe ist es, den anderen wieder zu befähigen, eine freie Entscheidung zu treffen. Wir machen in der Praxis die Erfahrung, dass Täterkontakte retraumatisieren.

Was würden Sie Eltern, die verlassen wurden, sagen?

Grundsätzlich sollte jeder Menschen seine eigene Psyche ernst nehmen. Nur wenn sie in Ordnung ist, kann ein gutes Leben gelingen. Eltern sollten dieses Verlassensein, so schwer es ist, für sich als Chance erleben: Die Kinder spiegeln ihnen etwas. Das sollte Anlass für die Eltern sein, sich zu fragen: Warum bin ich in diese Situation geraten und was könnte ich für mich daraus lernen?

Fragen: Birgit Hofmann