Nach der Entführung laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. Eine Sonderkommission mit 30 Ermittlern – später in Hochphasen bis zu 50 Mitarbeiter – wird gegründet. Um dem Entführer auf die Spur zu kommen, werden Sprachaufzeichnungen von ihm veröffentlicht. Der Fall wird mehrmals in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ vorgestellt. Nach der Ausstrahlung im Juli 2015 können Stimmproben des Entführers bei einer Hotline abgehört werden.

Im April 2017 veröffentlichen die Ermittler in der Sendung eine neue Stimmanalyse und daraus gefolgerte Informationen: Der vermutlich aus dem ehemaligen Jugoslawien stammende Mann spreche mit deutlichem Akzent. Den Erkenntnissen nach habe er Deutsch im Rhein-Main-Gebiet gelernt. Man könne davon ausgehen, dass er dort gelebt oder gearbeitet habe. Laut der Analyse dürfte der Täter zwischen 40 und 52 Jahre alt sein. Wahrscheinlich stamme er aus dem Grenzgebiet zwischen Serbien und Montenegro.

Das "Hofgut Sassen" in Schlitz (Hessen), auf dem der 50-jährige behinderte Sohn des Industriellen Reinhold Würth entführt wurde. Mehr als drei Jahre nach der Tat eröffnet das Landgericht Gießen am Dienstag (11.09.2018) den Prozess gegen den mutmaßlichen Kidnapper.
Das "Hofgut Sassen" in Schlitz (Hessen), auf dem der 50-jährige behinderte Sohn des Industriellen Reinhold Würth entführt wurde. Mehr als drei Jahre nach der Tat eröffnet das Landgericht Gießen am Dienstag (11.09.2018) den Prozess gegen den mutmaßlichen Kidnapper. | Bild: Uwe Zucchi

Was eine Stimme alles sagen kann

Aus der Stimmanalyse zogen die Ermittler weitere Rückschlüsse: Beruflich sei der Mann wahrscheinlich im Umgang mit Menschen geübt. Jobs als Fahrdienstleister für Personen oder als Bote seien ebenso denkbar wie eine Beschäftigung im sozial-karitativen Bereich oder in der Gastronomie. Seine Höflichkeit und die wiederholte Verwendung des Wortes „bitte“ führten auf diese Fährte, erklärten die Ermittler.

Neben der Stimmenanalyse nahm die Polizei Handy-Auswertungen vor. Dadurch entstand ein Bewegungsbild des Täters, wie der Gießener Staatsanwalt Thomas Hauburger im TV sagte. Gelungen sei dies mit Hilfe von Cash-Code-Einkäufen, mit denen der Kidnapper sein Handy aufgeladen habe. Diverse Einkäufe seien im Rhein-Main-Gebiet erfolgt, am Tattag in einem Supermarkt in Würzburg-Eisingen, in der Nähe des späteren Auffindeort des Opfers.

Festnahme im März

Nach der zweiten über das TV ausgestrahlten Tätersuche kommen innerhalb eines Monats 200 Hinweise zusammen. Am 14. März dieses Jahres – knapp drei Jahre nach der Entführung – vermelden die Fahnder den Durchbruch: Spezialeinheiten der Polizei nehmen in einem Offenbacher Hochhaus den mutmaßlichen Täter fest. Es ist ein 48 Jahre alter Mann aus Serbien, ein Gelegenheitshandwerker.

Nach der Festnahme gibt die Polizei neue Details bekannt. Weil sein Plan scheiterte, soll der Tatverdächtige im vergangenen Jahr einen erneuten Erpressungsversuch unternommen haben. Diesmal verlangte er von „Schraubenkönig“ Würth umgerechnet 70 Millionen Euro in einer Kryptowährung.Er drohte damit, den Sohn erneut oder ein anderes Familienmitglied zu entführen.

Das Hochhaus, in dem Spezialeinheiten der Polizei knapp drei Jahre nach der Entführung des Sohns des Industriellen Reinhold Würth den mutmaßlichen Entführer festgenommen haben.
Das Hochhaus, in dem Spezialeinheiten der Polizei knapp drei Jahre nach der Entführung des Sohns des Industriellen Reinhold Würth den mutmaßlichen Entführer festgenommen haben. | Bild: Arne Dedert

Doch zu einem erneuten Verbrechen kommt es nicht. Und der vom Erpresser hergestellte E-Mail-Kontakt bricht wieder ab. Auf die Spur kommen die Ermittler dem Mann auch nicht. In seinen Mails lässt er zwar Täterwissen durchblicken, aber der Mailverkehr ist verschlüsselt. Die elektronische Post nach ihrem Weg durchs Daten-Labyrinth des Darknets zurückzuverfolgen, gelingt nicht.

Der entscheidende Hinweis

Zum Durchbruch kommt es bei den letztlich rund 1000 Tage währenden Ermittlungen durch eine aufmerksame Zeugin aus dem Rhein-Main-Gebiet. Sie erkennt im Januar auf einem Fahndungsplakat mit einem Phantombild den Mann wieder. Sie ruft die Polizei-Hotline an, um sich seine Stimme anzuhören. Dann wird ihr klar: Es ist der Mann, der in ihrem Haushalt schon als Handwerker tätig war. Sie alarmiert die Polizei. Die Beamten observieren den Verdächtigen – verheiratet, zwei Kinder, keine Vorstrafen – und schlagen zu, als sie sich sicher sind.

Der Tatverdächtige stellt sich zwar als sehr gesprächig heraus. „Er hat zehn Stunden dauer-gequatscht“, sagte Daniel Muth, Kriminaloberrat bei der Fuldaer Polizei, nach der Festnahme. Aber zu den Tatvorwürfen sagt er nichts.

Ungeklärt ist die Frage, ob der Entführer Komplizen hatte. Eine Allein-Täterschaft sei möglich. Dass es Mittäter gab, könne aber nicht ausgeschlossen werden, sagten die Ermittler im März. Auch Kriminologe Egg vermutete, dass der Entführer nicht ohne Unterstützung am Werk war. „Das kann man allein kaum schaffen. Entführungen sind ein komplizierte Verbrechen. Sie sind aus der Mode gekommen.“

Verlockend, erklärte Egg, seien sie für Verbrecher gewesen, weil sie die Beute bestimmen können, und nicht davon überrascht werden, wie viel sich etwa in einem Tresor befinde. Doch die Komplexität und auftretende Komplikationen schreckten heutzutage eher ab. „Man muss sein Opfer verstecken und verpflegen, wenn man es nicht ohnehin umbringen will.“ Da seien Erpressungen im Internet für Kriminelle inzwischen reizvoller geworden.

Daniel Muth (l), Kriminaloberrat der Kriminaldirektion Osthessen, und Thomas Hauburger, Sprecher der Staatsanwaltschaft Gießen sprechen auf der Pressekonferenz zur Festnahme im Entführungsfall Markus Würth.
Daniel Muth (l), Kriminaloberrat der Kriminaldirektion Osthessen, und Thomas Hauburger, Sprecher der Staatsanwaltschaft Gießen sprechen auf der Pressekonferenz zur Festnahme im Entführungsfall Markus Würth. | Bild: Swen Pförtner

Motiv war wohl Geldsorgen

Nach Ermittler-Erkenntnissen handelte der Tatverdächtige vermutlich wegen Geldsorgen. Er hatte „finanzielle Nöte“ und sei gern dem Glücksspiel nachgegangen, sagte der Soko-Leiter Muth. „Vielleicht hat er aus Geldnot die Einfachheit der Entführung eines behinderten Menschen gesehen.“ Und es habe eine sehr günstige Situation gegeben, um sich des Würth-Sohnes zu bemächtigen.

Kriminaloberrat Muth beschrieb den mutmaßlichen Kidnapper als einen außergewöhnlichen Tatverdächtigen: „Der Mann ist sehr kommunikativ, so etwas habe ich selten erlebt. Er ist Familienvater und kann gut mit Menschen umgehen, wirkt warmherzig.“ Die Ermittler glauben, dass wegen dieser vertrauenswürdigen Art der Würth-Sohn mit ihm gegangen sein könnte. Für den Tattag – den 17. Juni 2015 – habe er Alibis genannt, „die aber allesamt widerlegt werden konnten“, sagte Muth.