Die vier jungen Männer halten sich Aktenmappen und Zeitschriften vor die Gesichter, als sie den großen Saal 700 im Berliner Landgericht betreten. Sie müssen am Donnerstagmorgen als Angeklagte an drei Dutzend Kameraleuten und Fotografen vorbei und wollen auf keinen Fall erkannt werden. Das ließen ihre Anwälte schon vorher in aller Deutlichkeit verkünden. Im Saal muss ein Besucher, der kurz sein Handy zückte, Fotos vor den Augen eines Anwalts wieder löschen.

Der angeklagte Ahmed R. sitzt zum Prozessauftakt im Zusammenhang mit dem Diebstahl der Goldmünze "Big Maple Leaf" aus dem Bode-Museum neben seinen Anwälten. Der spektakuläre Diebstahl der zentnerschweren Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum war vor knapp zwei Jahren groß in den Schlagzeilen. Nun beginnt am Landgericht der Prozess gegen vier junge Männer.
Der angeklagte Ahmed R. sitzt zum Prozessauftakt im Zusammenhang mit dem Diebstahl der Goldmünze "Big Maple Leaf" aus dem Bode-Museum neben seinen Anwälten. Der spektakuläre Diebstahl der zentnerschweren Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum war vor knapp zwei Jahren groß in den Schlagzeilen. Nun beginnt am Landgericht der Prozess gegen vier junge Männer. | Bild: Paul Zinken/dpa

Es ist der erste Tag des Prozesses um den spektakulären Diebstahl einer 100 Kilogramm schweren Goldmünze aus dem Bode-Museum auf der Berliner Museumsinsel im März 2017. Das Interesse ist nicht nur wegen des verschwundenen Goldes im Wert von 3,75 Millionen Euro so groß. Drei der Angeklagten mit deutscher Staatsangehörigkeit gehören zu einer bekannten arabischstämmigen Berliner Großfamilie.

Schubkarre, Rollbrett und Leiter

Um die weltberühmte Riesengoldmünze zu stehlen, benutzten die Täter Hilfsmittel, die es in jedem Baumarkt zu kaufen gibt. Eine Leiter, eine Schubkarre und ein einfaches Brett mit Rollen. Die Brüder Ahmed und Wayci R. sollen zusammen mit ihrem Cousin Wissam R. laut Staatsanwälten in der Nacht zum 27. März 2017 durch das Fenster eines Umkleideraums in das Museum eingestiegen sein.

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Demnach sollen sie eine Vitrine zertrümmert haben und die schwere Goldmünze, genannt „Big Maple Leaf“, mit dem Rollbrett zu dem Fenster gefahren haben. Über die hochgelegenen Gleise der Berliner S-Bahn sollen sie die Beute dann mit der Schubkarre abtransportiert und dann in einen Park abgeseilt haben.

Ein weiterer Angeklagter auf dem Weg ins Landgericht Berlin. Einer von ihnen soll als Wachmann den Dieben brisante Informationen über das Museum weitergegeben haben.
Ein weiterer Angeklagter auf dem Weg ins Landgericht Berlin. Einer von ihnen soll als Wachmann den Dieben brisante Informationen über das Museum weitergegeben haben. | Bild: dpa

Auf die Spur gekommen war die Polizei den Angeklagten unter anderem durch abgehörte Telefongespräche. Schnell war den Ermittlern klar, dass die Täter über Insiderwissen verfügt haben mussten. Bei der Überprüfung des Wachpersonals fiel auf, dass Denis W. über Kontakte zum berüchtigten Berliner R.-Clan verfügt. Er hat die drei Einbrecher nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft mit den nötigen Informationen versorgt, ihnen etwa verraten, dass das Fenster der Umkleidekabine als einziges im Museum nicht per Alarmanlage gesichert war.

Bild: DPA

Einer der drei Mitglieder der R.-Familie gibt vor Gericht als Beruf Kurierfahrer an, einer bezeichnet sich als Student, der dritte als Schüler. Der Wachmann, der den Tatort ausgekundschaftet haben soll, gibt an, er werde demnächst eine Ausbildung zum medizinischen Fachangestellten antreten.

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Danach schweigen die Angeklagten, die akkurate Kurzhaarfrisuren tragen, und überlassen ihren Verteidigern das Wort. Die geht nach Verlesung der Anklage auch gleich in die Offensive.

Anwalt: "dürftige Beweise"

Der Anwalt des ältesten Angeklagten betont, die umfangreichen Ermittlungen der Polizei hätten keinen „einzigen durchgreifenden Beweis“ ergeben. Trotz Sonderkommission, Telefonüberwachung, Funkzellenabfragen, 30 Durchsuchungen und Spürhunden seien die angeblichen Beweise „dürftig“ geblieben.

Einer der vier Angeklagten kommt zur Verhandlung. Zu Prozess-Auftakt in Berlin müssen die Angeklagten durch zahlreiche Fotografen gehen.
Einer der vier Angeklagten kommt zur Verhandlung. Zu Prozess-Auftakt in Berlin müssen die Angeklagten durch zahlreiche Fotografen gehen. | Bild: Hans Klaus Techt

Weil drei Angeklagte 2017 jünger als 21 Jahre alt waren und als Heranwachsende gelten, wird der Prozess vor einer Jugendkammer verhandelt. Die Richter können dann entscheiden, ob das Urteil nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht fällt. Schwerer Diebstahl kann theoretisch mit maximal zehn Jahren Gefängnis bestraft werden. Urteile in dieser Höhe sind aber selten.

Eingeschmolzen oder längst verkauft

Die gestohlene Münze gehört einem Düsseldorfer Immobilienunternehmer, der sie dem Museum als Leihgabe überließ, wohl in dem Glauben, dass das wertvolle Stück dort bestens bewacht wird. Der dreiste Diebstahl sollte ihn eines Besseren belehren. Dass er die Münze jemals wiedersieht, ist unwahrscheinlich. Ermittler gehen davon aus, dass sie, zerstückelt oder eingeschmolzen, längst verkauft wurde.